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Elektrische Tretroller Bundesrat erlaubt E-Scooter, doch Kampf hinter Kulissen tobt längst

Der Bundesrat hat den Weg freigemacht für E-Tretroller auf Deutschlands Straßen Quelle: imago images

Nach langem Warten macht der Bundesrat den Weg frei für E-Scooter. Verleiher wie Bird, Lime oder Voi haben monatelang auf diese Entscheidung hingearbeitet. Ihr Konkurrenzkampf tobt auch in Deutschland schon lange.

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Während batteriebetriebene Tretroller in den USA, Schweden oder Portugal schon seit Monaten auf den Straßen unterwegs sind, steht ihr Start in Deutschland nun kurz bevor. Der Bundesrat hat einer Verordnung über die Teilnahme von „Elektrokleinstfahrzeugen“ am Straßenverkehr zugestimmt. Das bedeutet: Die Hersteller von E-Scootern können nun die Betriebserlaubnis für ihre Modelle beim Kraftfahrtbundesamt beantragen. Liegt diese vor, dann dürfen die E-Scooter ganz legal auf den Radwegen und Straßen der deutschen Städte unterwegs sein. Die Gehwege allerdings sind tabu – dazu hatte sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer erst vor kurzem durchgerungen. Unter anderem deshalb dürfte der Bundesrat der Verordnung nun zugestimmt haben. Die Gehwege wurden in den vergangenen Monaten zunehmend politisiert.

Neben Fahrern mit eigenen Elektro-Tretrollern werden voraussichtlich ab Juni auch solche unterwegs sein, die sich kurzerhand per App einen Roller ausleihen. Die Anbieter dieses Scooter-Sharings versprechen in erster Linie einfache und bequeme Fortbewegung.

Der Marktstart der Verleiher in Deutschland wird aber wohl alles andere als einfach werden. Denn während sich die Politik noch geziert hat, liefen im Hintergrund bereits seit Monaten zahlreiche Verhandlungen zwischen Städten und den vielen Verleihern der Scooter. Die Anbieter buhlen immer noch um Marktanteile in Deutschland. Es droht ein turbulenter Frühsommer auf den deutschen Straßen und Radwegen.

Diese E-Scooter dürfen bald auf deutsche Straßen
Zwar ist die sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKFV) seit der Bundesratsentscheidung vom 17. Mai beschlossene Sache, doch bedarf es noch einiger Formalitäten bis diese auch gesetzlich verankert ist. Mitte Juni soll die letzte Hürde genommen sein. Dann dürfen E-Scooter, sofern sie den Anforderungen eben dieser eKFV gerecht werden, im Straßenverkehr eingesetzt werden. Die Auswahl an legalen Rollern ist derzeit noch überschaubar, doch ein paar kann man bereits jetzt oder demnächst kaufen. Wer in puncto Qualität, Fahrspaß und Sicherheit gewisse Ansprüche hat, darf ruhig etwas mehr investieren. Ein gehobener dreistelliger Betrag sollte es schon sein. Quelle: Walberg Urban Electrics
In dieser Preisregion bewegt sich zum Beispiel der E-Scooter Sparrow-Legal von IO Hawk, der bereits die Zulassungstests vom TÜV Rheinland bestanden hat. Quelle: IO Hawk
Nur 20 Euro mehr kostet der ab Herbst erhältliche E-Scooter, den BMW gemeinsam mit dem schweizerischen Unternehmen Micro entwickelt hat. Quelle: BMW
Mit 1650 Euro mehr als doppelt so teuer ist der Egret-Ten V4, der dank seiner 10 Zoll großen Luftreifen allerdings auch bessere Fahreigenschaften als die beiden anderen Mitbewerber verspricht. Quelle: Walberg Urban Electrics
Bereits seit März 2019 ist als erster in Deutschland zugelassener Roller der Metz Moover erhältlich, der sich durch noch größere 12-Zoll-Luftreifen auszeichnet. Quelle: Metz
Nochmals teurer und nochmals erwachsener ist der von BMW und Kettler stammende X2City, der auf großen 16-Zoll-Luftreifen fährt. Das allerdings auch 21 Kilogramm schwere Gefährt hat ebenfalls eine 250-Watt-Maschine sowie eine herausnehmbare 408-Wh-Batterie, die bis 30 Kilometer Reichweite ermöglichen soll. Beschleunigt wird hier nicht wie sonst meist üblich mit Hand- sondern mit Fußgas. Die Sicherheitsausstattung kann sich sehen lassen, denn es gibt hydraulische Scheibenbremsen und LED-Leuchten. Wie die anderen Roller ist auch der X2City klappbar, angesichts seiner Größe und seines Gewichts allerdings nicht mehr wirklich handlich. Dafür ist der große E-Scooter mit eKFV-konformer Ausstattung bereits bestellbar. Sein Preis liegt bei rund 2.400 Euro. Quelle: BMW

Ein Trend, an dem eine Menge Geld hängt

Was bereits jetzt klar ist: Deutschland dürfte für Tretroller-Verleiher der größte Markt in Europa sein. Das gab zum Beispiel der schwedische Verleiher Voi bereits bekannt. Und das gilt auch für das US-amerikanische Unternehmen Bird, das im September 2017 gegründet wurde. Mittlerweile verleiht Bird seine schwarzen Tretroller in mehr als 100 Städten. Darunter Los Angeles, Brüssel oder Lissabon. Bald sollen dann auch Berlin, München und Co. folgen: „Entweder reden wir bereits mit jeder deutschen Großstadt oder werden das noch tun“, sagt Patrick Studener, der bei Bird für die Expansion nach Deutschland verantwortlich ist.

Und auch einer von Birds größten Konkurrenten hat deutsche Städte bereits im Blick: „Aktuell sind wir mit unserer Flotte von Fahrrädern und E-Bikes bereits in Frankfurt und Berlin vertreten und prüfen momentan mögliche Einsatzorte für unsere E-Scooter“, sagte Fabian Ladda, zuständig für Städtekooperationen beim US-Anbieter Lime in Deutschland, der WirtschaftsWoche bereits im März. „Es wurden Gespräche mit verschiedenen Städten aufgenommen und immer mehr Städte melden sich proaktiv bei uns.“

Das schwedische Start-up Voi hat für diesen Sommer „mindestens 30 deutsche Städte“ auf seiner Liste, sagt Gründer und CEO Fredrik Hjelm. Den Anfang macht unter anderem Lübeck, dort hat Voi bereits eine Vereinbarung getroffen. Neben Berliner Start-ups wie Tier Mobility oder Flash mischen auch bekannte Unternehmen wie die Fahrdienste Uber und Lyft in Großstädten der USA beim E-Scooter-Sharing mit. Auch sie dürften die Entscheidung des Bundesrats genauestens verfolgt haben.

Wann sich der E-Scooter-Verleih rechnet

Dass eben nicht nur hippe Start-ups mit ihren Tretrollern die Mobilität verbessern wollen, sondern eben auch Unternehmen mit Milliardenumsätzen wie Uber und Lyft auf den Trend aufgesprungen sind, zeigt zum einen, wie viel Potenzial in diesem Markt liegt. Aber auch, wie groß die Hoffnungen dieser Unternehmen sind, mit den Scootern eine Menge Geld zu verdienen – eben auch in Deutschland. Selbst VW, BMW, Daimler und Audi tüfteln an den Scootern und haben zum Teil schon Modelle auf dem Markt. Die Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey schätzt, dass der Markt für die sogenannte Mikromobilität im Jahr 2030 weltweit 300 bis 500 Milliarden US-Dollar groß sein könnte.

In den USA könnten Uber, Bird und Co. laut McKinsey dann bis zu 300 Milliarden US-Dollar umsetzen, in Europa zwischen 100 und 150 Milliarden und in China lediglich 30 bis 50 Millionen. Das liegt laut den Studienautoren daran, dass die Preise für Sharing-Angebot in China nur etwa 20 Prozent der Preise in den USA ausmachen.

Rentabel nach vier Monaten


Rentabel nach vier Monaten

Die große Herausforderung der Unternehmen: Dieser Umsatz muss auch einen Gewinn abwerfen. Die Einnahmen eines Verleihers bestehen aus einem festen Betrag, um die Miete zu starten – bei den meisten kostet das einen Euro. Hinzu kommen die Fahrpreise, die pro Minute berechnet werden. Bird, Lime und Co. verlangen um die 15 Cent die Minute. Der größte Kostenfaktor der E-Scooter ist das Laden der Batterien: Die meisten Anbieter sammeln ihre Roller in den jeweiligen Städten über Nacht ein, laden die Akkus auf und platzieren die Roller für den nächsten Tag an prominenten Stellen in der Stadt – das ist umständlich und vor allem kostspielig. McKinsey schätzt, dass sich das Verleihen eines E-Scooters – die in der Anschaffung knapp 400 Euro kosten – nach etwa vier Monaten rentiert. Denn pro Fahrt würden die Unternehmen im Schnitt einen Gewinn von etwa 62 Cent einfahren.

Wer setzt sich durch?

Dafür müssen die Roller nur noch entsprechend genutzt werden. Unternehmen wie Bird stehen immer wieder in der Kritik, da sie mit ihren Scootern die Städte überfluten würden. Patrick Studener von Bird will dieser Kritik entgegnen: „Normalerweise fangen wir in jeder Stadt mit ungefähr 100 E-Scootern an und vergrößern diese Flotte auch nur, wenn die Roller gut angenommen werden und mehrmals am Tag gefahren werden.“ Bislang habe das in jeder Stadt gut funktioniert. Zudem könne die Zahl der Scooter dynamisch angepasst werden: „Im Winter ist es zum Beispiel sinnvoll, die Anzahl der Scooter zu reduzieren.“ Konkurrent Lime ist in Wien sogar mit 250 Rollern gestartet und vermietet momentan schon 1000 Scooter in der österreichischen Metropole.

Wie gut die Scooter in Deutschland ankommen werden, kann weder Bird, noch Lime genau sagen. Da nützt die Erfahrung aus den verschiedenen Städten aus allen Teilen der Welt nicht allzu viel – sie starten auf einem komplett neuen Markt. „Natürlich werden nicht 100 Menschen ihr Auto an dem Tag verkaufen, an dem wir 100 Birds in eine Stadt bringen.“ Dennoch erkennt Studener einen „generationsbedingten Wandel“, der seinem Unternehmen auch in Deutschland zum Erfolg verhelfen könnte: „Vor einigen Jahren haben junge Leute mit 17 Jahren einen Führerschein gemacht, um mit 18 dann sofort Auto fahren zu können. Gerade in der Stadt ist das dank der vielen Alternativen heutzutage nicht nötig“, sagt Studener. Er habe mit seinen 33 Jahren noch nie ein Auto besessen. „Es gibt für mich einfach keinen Grund dafür. Mit dieser Meinung bin ich sicherlich nicht allein.“ Für Menschen wie Studener könnten die E-Scooter tatsächlich eine interessante Alternative sein.

Es muss nicht immer Berlin sein

Um sich schon einmal in Deutschland auszuprobieren, hat Bird gemeinsam mit den Stadtwerken Bamberg eine Sondergenehmigung erhalten. Schon zu Beginn des Jahres haben das amerikanische Start-up und die Stadtwerke Testfahrern 15 Bird-Scooter zur Verfügung gestellt. Wer volljährig ist, einen Führerschein der Klasse B besitzt und einen Helm trägt, durfte die auf 20km/h gedrosselten Scooter in Bamberg fahren.

Wie alltagstauglich sind die neuen Tretroller?

Doch kann das in einer solchen Stadt wirtschaftlich sinnvoll sein? Gerade das Laden von ein paar wenigen Rollern ist (finanziell) aufwändig, die Kosten sinken erst bei größeren Stückzahlen. Und genau deshalb ist es fraglich, wie gut die Scooter in Städten wie etwa Bamberg oder auch Herne, wo das Start-up Flash starten möchte, tatsächlich Teil der Mobilität werden könnten. Und Bamberg klingt erst einmal so gar nicht nach einer Stadt, die man in der Liste der hippen Bird-Standorte neben Paris, Madrid oder Miami vermuten würde. Doch glaubt man Studener, geht es genau darum: „Ich habe keine Ahnung, warum internationale Tech-Firmen immer als erstes nach Berlin wollen. Frankfurt, Düsseldorf oder München sind für uns als Standorte genauso interessant.“ Prinzipiell seien alle Städte relevant, die Emissionen senken wollen – unabhängig von der Größe.

Doch letzten Endes lässt sich der potenzielle Erfolg der Scooter dann eben doch am ehesten in Metropolen wie Berlin abschätzen, wo es eine Menge potenzieller Kunden, einen hohen Bedarf an Parkraum und anderen Mobilitätsformen aufgrund von vollen Straßen gibt. Und eine Studie des Beratungsunternehmens Evenson setzt deshalb genau dort an – in der Bundeshauptstadt: Gemeinsam mit seinem Team hat sich der Chef und Gründer Dirk Evenson den Erfolg der Mikromobilität an den beiden Standorten seines Unternehmens genauer angeguckt: in San Diego und Berlin.

Konkurrenz belebt das Geschäft?

Den E-Scootern traut Evenson auch in Deutschland Erfolg zu, das würden andere Mobilitätsformen bereits zeigen: „In Deutschland haben wir keine Motorroller-Kultur, wie es sie zum Beispiel in Italien gibt. Deshalb war auch die Einführung von verleihbaren E-Motorrollern wie denen von Emmy etwas Neues. Diese Roller haben sich mittlerweile im Stadtbild vieler deutscher Großstädte etabliert. Aufgrund ähnlicher Startvoraussetzungen traue ich den E-Scootern in Deutschland einen vergleichbaren Erfolg zu.“

Und das könnten Städte wie Berlin sogar noch unterstützen: Zurzeit würden Stadtverwaltungen noch sehr stark in den Kategorien Regulierungen und Infrastruktur denken, sagt Evenson. Was außer Acht gelassen werde, seien psychologische Aspekte: „Unsere Erfahrung zeigt, dass es in Berlin zwar bereits viele Radwege gibt, diese allerdings vielen potenziellen Radfahrern zu gefährlich erscheinen. Sei es, weil die Radwege überfüllt, zu schmal, zu nah an Fußgängern, marode oder von Autos zugeparkt sind.“ Es gehe laut Evenson also nicht darum, wie viele Radwege eine Stadt bereitstelle, sondern darum, wie gut und sicher diese seien. „Zufriedenstellende, unterbrechungsfreie Fahrradwege würden mehr Leute zum Umsteigen bewegen.“

Nun sind also die Städte am Zug. Die Unternehmen sind seit Monaten bereits drauf und dran, ihre Roller den Städten schmackhaft zu machen. Den damit einhergehenden Konkurrenzkampf bewerten die Anbieter übrigens positiv, wie sollte es auch anders sein: „Die starke Konkurrenz ist ein Merkmal dafür, dass dieser Markt sehr viel Zukunftspotenzial hat“, sagt zum Beispiel Fabian Ladda von Lime. Dabei gibt es seit Monaten Gerüchte um Übernahmen. Und auch Voi-CEO Hjelm geht von einer zunehmenden Konsolidierung des Marktes aus: „Es wird Übernahmen geben“, sagt der schwedische Gründer. Die Versöhnung der Unternehmen dürfte nur die Ruhe vor dem Sturm auf den deutschen Fahrradwegen und Straßen sein.

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