EM-Einwurf

Optimismus in der Krise

Hans-Jakob Ginsburg
Hans Jakob Ginsburg Sonderkorrespondent Wirtschaft & Politik

WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg zum Europameisterschaftsspiel Deutschland gegen Portugal. Der erste Teil unserer EM-Kolumne.

Was Sie noch nicht über Portugal wussten
Der Name Portugal ist von „Portus Cale“ (Lateinisch „Portus“ = Hafen) abgeleitet. So nannten die Römer die heute als Porto bekannte Hafenstadt im Norden des Landes, die griechische Händler zuvor „Kalos“ (schön) genannt hatten. Im Mittelalter wurde Portus Cale zu Portucale, später Portugale, und bezeichnete zunächst nur den Norden des Landes. Quelle: dpa
Im frühen 16. Jahrhundert teilten Portugal und Spanien mit den Verträgen von Tordesillas (1494) und Saragossa (1529) die gesamte außereuropäische Welt zwischen sich auf. Von Portugals Kolonialreich, zu dem Brasilien, Mocambique und Angolas gehörten, sind nur noch die Azoren und Madeira übrig - und das Portugiesische als Weltsprache.  Quelle: dapd
1678 tauchte erstmals die Bezeichnung „Porto“ für Weine aus dem Dourotal auf. Aufgrund steigender Nachfrage in England nach Wein importierten englische Kaufleute gegen Ende des 17. Jahrhunderts mehr Portwein, da Frankreichs Weine kriegsbedingt nicht verfügbar waren. In einem Klöster sollen englische Kaufleute den sogenannten „Priest-Port“ entdeckt haben. Der Trick der Mönche bestand darin, dem Wein während der Gärung Neutralalkohol hinzuzufügen, wodurch der Gärprozess gestoppt wird. Der nicht vergorene Restzucker der Trauben verleiht dem Portwein seine berühmte Süße. Quelle: KNA
Der extrem gestiegene Portwein-Export führte zu einem Qualitätseinbruch. 1756 ließ Portugals Premierminister Marquês de Pombal daher eine Gesellschaft zur Garantie von Qualitätskriterien gründen, eine Art des regionalen Qualitätssiegels. Die Weinberge im Douro-Tal wurden in sechs Klassen eingeteilt, nach den Kategorien Klima, Boden, Hangneigung, Meereshöhe, Ertragsmenge sowie Alter der Rebstöcke. Quelle: dpa/dpaweb
Portugals Bürokratie ist berüchtigt. So wird zum Beispiel der Salzgehalt des Brotes auf maximal 1,4 g Salz pro 100 g Brot festgelegt. Für das Gesetz hatten sich auch Ärzte stark gemacht. Frühstückscerealien wie Müsli sind davon nicht betroffen. Der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zufolge wird in Portugal das Doppelte der empfohlenen Salzmenge konsumiert. Quelle: dpa/dpaweb
Der Export des Portweins nach England führte zum Import des Fußballs aus England. Es war nämlich ein mit England verbundener Weinhändler namens António Nicolau d'Almeida, der 1893 den F.C. Porto gründete - bis heute eine nationale und internationale Größe im Fußball. Almeidas Frau war übrigens keine Freundin des Sports. Sie brachte ihren Mann dazu, sein Engagement bald wieder zu beenden. Quelle: dapd
Seit den 1970er Jahren heißen einige Straßenzüge in der Hamburger Neustadt „Portugiesenviertel“. Ursprünglich ein günstiges Wohnviertel für portugiesische Gastarbeiter ist es heute vor allem bei Touristen und Büroangestellten der angrenzenden Viertel  wegen seiner portugiesischen Cafés und Restaurants beliebt. Die Zahl portugiesisch-stämmiger Einwohner geht seit Jahren zurück. Quelle: dpa/dpaweb
Luis Filipe von Portugal hält gemeinsam mit Ludwig XIX. von Frankreich den Minusrekord der kürzesten Regentschaft. Sein Vater Karl I. von Portugal war bei einem Attentat am 1. Februar 1908 getötet worden. Luis Filipe wurde beim selben Attentat auch verletzt und starb 20 Minuten nach seinem Vater.
Die Europäische Zentralbank sollte für Portugals Nationalmannschaftskapitän die Daumen drücken. Die Transferrechte an Fußballstar Cristiano Ronaldo und seinem brasilianischen Mitstreiter Káká sind kürzlich als Sicherheit für ein Kreditgeschäft mit dem kriselnden spanischen Sparkassenbund Bankia bei der EZB hinterlegt worden. Quelle: dpa
Auch wenn das Leibgericht der Portugiesen der Stockfisch ist – den südwestlichsten Punkt Europas ziert eine Bratwurstbude. Neben dem großen weißen Leuchtturm, der Schiffe vor der schroffen Landzunge warnt, steht ein kleiner Anhänger. „Letzte Bratwurst vor Amerika“ heißt es auf dem Schild, mit dem ein Nürnberger Ehepaar seit Jahren deutsche Touristen überrascht. Den Besuch dieses merkwürdigen Ortes können sich die Touristen mit einem Zertifikat bescheinigen lassen. Quelle: dpa

Sie müssen verzeihen, aber das hier ist die WirtschaftsWoche, und da müssen wir vor dem ersten EM-Spiel unsere Nationalmannschaft, gegen Portugal in Lemberg, erst einmal etwas reichlich Unsportliches berichten. Aber es soll auch im fußballverrückten Portugal momentan Leute geben, die dergleichen mehr interessiert als die EM.

Also: In Lissabon hat der konservative Premierminister Pedro Passos Coelho gerade wieder einmal wütend dementiert, dass seine Regierung im Zeichen der Euro-Krise plane, die Löhne im Land per Gesetzgebung zu senken. Gefordert hatte das bezeichnenderweise der Chef der Privatisierungsbehörde, dem das derzeitige Lohnniveau im Krisenland die Arbeit erschwert.

Bei den Fußballklubs ist das natürlich anders. Benfica, FC Porto und Co. beschäftigen nur neun der 22 Spieler im Aufgebort der Portugiesen für die EM. Der Rest verdient Geld, zum Teil sehr viel Geld, im Ausland, allein sechs der Portugiesen laufen in der spanischen Primera División auf. Allen voran natürlich Weltstar Cristiano Ronaldo, hinter dem freilich im heutigen portugiesischen Aufgebot qualitativ wenig kommt, zumindest nach der Papierform.

Bescheidenheit unter den Gegnern

Weshalb Ronaldo, auch in Sachen Imagepflege ein internationaler Star, vor dem Spiel gegen Deutschland ganz bewusst in Bescheidenheit macht: Die deutsche Mannschaft sei „herausragend“, spricht er ins Mikrofon und es klingt wie die Vorab-Entschuldigung für die kommende eigene Niederlage.

Nur: Bei kaum einem Wettbewerb gibt es immer wieder so viele Überraschungen wie bei Europameisterschaften, und darum macht unser Jogi Löw prophylaktisch dasselbe PR-Mätzchen wie Ronaldo und ernennt Portugal zu „einem der Turnierfavoriten“. Und denkt dabei, wenn er sich überhaupt etwas denkt, sicher nicht an Portugals holprige Qualifikation für die Ukraine (zweiter Platz in der Gruppe hinter Dänemark, dann Sieg im Play-off gegen Bosnien-Herzegowina). Nein, dann schon eher Basel vor vier Jahren, EM-Viertelfinalspiel Deutschland gegen Portugal.

Da stand es bis zur 87. Minute 3:1 für Deutschland durch Tore von Schweinsteiger, Klose und Ballack, als die zähen Portugiesen auf 2:3 verkürzten und noch für ein paar spannende und gefährliche Minuten sorgten. Bundestrainer Löw erlebte das aus kaum einer anderen Perspektive als wir Fernsehsesselexperten, weil er wegen einer läppischen Disziplinlosigkeit im Gruppenspiel davor von der UEFA mit 90 Minuten Tribünensitzen bestraft worden war.

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Optimistischer Löw

Und trotzdem hat es damals aus deutscher Sicht geklappt, und das wird Löw in Wirklichkeit optimistisch stimmen. Wie auch die Erinnerung an das WM-Spiel um Platz drei zwei Jahre zuvor in Stuttgart: Der Gastgeber beschloss das Sommermärchen 2006 mit einem nie gefährdeten 3:1 gegen die Portugiesen, Torschützen zwei Mal Schweinsteiger  und einmal  Armando Goncalves Teixeira von Benfica Lissabon, der sich mit diesem Selbsttor für einen Arbeitsplatz bei dem für seine großartigen Spielereinkäufe berühmten Bundesligaklub 1. FC Köln qualifizierte. Sie nannten ihn Petit.

Also gut möglich, dass das erste deutsche Spiel vor allem zur Bühne wird, auf der unsere Gegner um die Aufmerksamkeit zahlungskräftiger Spielervermittler und Vereinsmanager kämpfen. Insofern wird die portugiesische Diskussion um Lohnsenkungen im eigenen Land Ronaldos Mannschaftskameraden extrem motivieren. Was dem deutschen Team keine Angst machen sollte: 2006 sangen die Fans beim Portugal-Spiel „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“, um sich für die verspielte Endspielteilnahme zu trösten. Lemberg, dieses Jahr der Spielort, ist aber noch viel schöner als Stuttgart. Wirklich.  

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