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Entscheidung um Hochtief-Service-Sparte Bilfinger-Chef Koch unter Zugzwang

Bilfinger-Chef Roland Koch steht vor einer strategischen Entscheidung, die keinen Aufschub duldet: Überlässt Bilfinger die zum Verkauf stehende Hochtief-Service-Sparte den aufstrebenden ausländischen Konkurrenten - oder schlägt er selber zu?

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Der Bilfinger-Chef und Ex-Politiker Roland Koch steht vor einer strategischen Entscheidung, die Gefahren birgt. Quelle: dpa

Bilfinger-Vorstandschef Roland Koch konnte seit seinem Amtsantritt vor bald zwei Jahren in Ruhe und unauffällig die Akquise weiterer Dienstleistungsunternehmen voran treiben. Der M-Dax-Konzern investiert entschlossen in Kraftwerksservice, Industrieservice und Gebäudetechnik. Aus der langen Liste von mittelständischen Unternehmen, die seit zwölf Jahren den früheren Baukonzern Bilfinger Berger in den heutigen Dienstleistungskonzern Bilfinger verwandeln wurde, geht inzwischen ein halbes Dutzend auf Kochs Konto.

Die Schwächen von Hochtief
Schwäche - Die unerwarteten Entscheidungen des GroßinvestorsACS-Präsident Florentino Perez hatte die Übernahmeschlacht eingeleitet. Ende März 2007 sagte der damalige Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel noch: „ACS hat zugesagt, seine Beteiligung von 25,08 Prozent nicht aufzustocken. Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln.“ Kurz zuvor war ACS beim deutschen Unternehmen eingestiegen - zur Erleichterung vieler. Das Bekenntnis von ACS sorgte für Ruhe. Wochenlang hatten Spekulationen über den Einstieg eines Finanzinvestors den Baukonzern gelähmt. ... Quelle: dpa
... Die Zusage hielt nicht lange. Im September 2010 stockte ACS auf, erst auf über 30 Prozent, schließlich auf über 50 Prozent. Und nun wollen die Spanier die ganze Macht. Das Problem: Der vermeintlich starke Ankeraktionär ist nicht stark. Er leidet unter hoher Verschuldung, schreibt rote Zahlen. Der spanische Heimatmarkt kollabiert. Nun ist die Unruhe des Jahres 2007 wieder da, Mitarbeiter fürchten die Zerschlagung. Ganz anders sieht die Situation bei Bilfinger aus. Zwar ist auch dort ein Großaktionär an Bord. Vor gut einem Jahr kaufte Cevian Capital 12,6 Prozent der Papiere. Doch bisher bleibt es ruhig. Konzernchef Roland Koch gelingt es offenbar gut, Cevian zufriedenzustellen. Quelle: dapd
Schwäche - Zu starker Fokus auf dem reinen BaugeschäftFür Außenstehende mutet es auf den ersten Blick skurril an, wenn Spezialisten eines Baukonzerns anrücken, um beispielsweise die Pumpen in einer chemischen Anlage zu warten. Schließlich hat das mit Bauen wenig zu tun. Doch Hochtief-Konkurrent Bilfinger macht genau das schon seit Jahren und mit wachsendem Erfolg. 80 Prozent der Konzernleistung von zuletzt 8,5 Milliarden Euro stammen mittlerweile aus Dienstleistungen - wie dem Betrieb von Gebäuden oder der Instandhaltung von Industrieanlagen. Beim Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) liegt der Anteil sogar bei gut 90 Prozent. ... Quelle: dapd
... Zwar drängt auch Hochtief in diese Geschäfte vor. Doch anders als bei Bilfinger sind es bislang vor allem Dienstleistungen im direkten Umfeld des Bauens - etwa der Betrieb von Gebäuden wie Flughäfen. Wohl auch deshalb weisen die Essener ihren Service-Umsatz nicht separat aus. Damit ist Hochtief immer noch weitaus stärker von der allgemeinen Baukonjunktur abhängig als Konkurrent Bilfinger, der konstante Umsätze durch langfristige Service-Verträge erreicht. Quelle: dapd
Schwäche - Unzuverlässigkeit des AuslandsgeschäftsDas Auslandsgeschäft von Hochtief zeichnet sich seit Jahren durch extreme Schwankungen aus. Das gilt vor allem für die australische Tochter Leighton. Die schockte im April 2011 mit einer Gewinnwarnung und massiven Problemen. Der Bau einer Entsalzungsanlage verzögerte sich, das Wetter setzte den Australiern zu und ein Flughafenzubringer wurde viel zu teuer. Mehr als ein Jahr später sieht die Welt in "Down Under" zwar wieder besser aus. Die Zahlen für das dritte Quartal 2012 sind auch deshalb so gut, weil Leighthon derzeit brummt. Quelle: dpa
... Doch die hohen Schwankungen im Geschäft der Baukonzerne werden bleiben. Konkurrent Bilfinger hat daraus bereits Konsequenzen gezogen. Der Mannheimer Baukonzern verkaufte im Dezember sein Australiengeschäft. Nicht nur das Risiko wurde damit reduziert. Der Deal sorgte darüber hinaus für einen zusätzlichen Gewinn von 160 Millionen Euro. Auch von Teilen des zyklischen US-Geschäfts hat sich Bilfinger mittlerweile getrennt - und ist damit konsequenter als Hochtief. Das Bild zeigt Wirtschaftsminister Philipp Rösler beim Besuch einer Baustelle am Ground Zero in New York. Die Hochtief-Tochtergesellschaft Turner ist an dem Projekt beteiligt.
Schwäche - Die Schulden und die RenditeEine Milliarde Euro Verlust hat Spaniens Bauriese ACS in den ersten neun Monaten erwirtschaftet. An der deutschen Tochter Hochtief hat es nicht gelegen. Sie verbuchte einen Gewinn von 92 Millionen Euro. Aber: Die Verluste der Mutter und die Querelen um die Integration färben auf die Bilanz von Hochtief ab. Gegenüber dem Krisenjahr 2009, als ACS noch willkommener Ankeraktionär war, hat sich der Nettogewinn von 192 auf 176 Millionen Euro im vergangenen Geschäftsjahr verringert. Konkurrent Bilfinger konnte im selben Zeitraum seinen Nettogewinn auf 270 Millionen Euro verdoppeln. ... Quelle: dpa

Den im Januar verkündeten Zukauf Johnson Screens nannte der Ex-Ministerpräsident bei der Bilanzpressekonferenz am heutigen Mittwoch eine "für unsere Verhältnisse große Investition". Der US-Wassertechnikspezialist erbringt mit rund 1.200 Mitarbeitern eine Jahresleistung von rund 160 Millionen Euro.

Bilfinger auf Einkaufstour

Doch Koch könnte bald einen viel größeren Brocken schlucken - und muss es womöglich. Denn Hochtief-Vorstandschef Marcelino Fernandez überraschte Ende Februar mit der Ankündigung, die gesamte Hochtief-Servicesparte mit rund 5.700 Mitarbeitern und 700 Millionen Euro Jahresumsatz zu verkaufen. 170 Millionen Euro kann Hochtief dafür voraussichtlich erlösen. Für Bilfinger kein Problem. Anfang des Jahres hatte Bilfinger immer noch eine Milliarde Euro für Zukäufe in der Kasse. Davon ist erst ein Bruchteil ausgegeben.

Jetzt zuzuschlagen oder nicht - beides birgt Gefahren

Die größten Baukonzerne Europas
Bauarbeiter arbeiten auf einem Gerüst Quelle: AP
Bauarbeiter arbeiten auf einer Baustelle des Konzerns Strabag Quelle: dpa
Platz 8: COLAS SADer französische Konzern hat sich auf Straßen- und Schienenbau spezialisiert. Der Name des Konzerns, für den 73.600 Menschen arbeiten, setzt sich aus den englischen Wörtern "cold" und "asphalt" zusammen. Umsatz 2012: 13 Milliarden Euro Quelle: dpa
Baukräne unter grauem Himmel Quelle: AP
Ein Bauarbeiter erhitzt auf einer Baustelle Rohre Quelle: APN
Bauarbeiter in einem neu gebauten U-Bahn-Schacht Quelle: dpa/dpaweb
Ein Arbeiter des Bauunternehmens Hochtief weist einen Container ein Quelle: dpa

Für deutsche Familienunternehmen wie Dussmann, Klüh oder Piepenbrock dürfte das zuviel sein. Der österreichische Baukonzern Strabag aber hat bereits Interesse angemeldet: Es gebe "vermutlich eine perfekte strategische Passung zwischen unserem und Hochtiefs Dienstleistungsgeschäft". Strabag will im Rahmen eines Bieterverfahrens in die Bücher des Hochtief-Bereichs werfen, um festzustellen, „was das Unternehmen tatsächlich wert ist". Ausländische Anbieter sind bereit, einen "strategischen Aufpreis" zu zahlen, sagt ein Hochtief-Manager. Dazu zählen offenbar auch der finnische Baukonzern YIT, die dänische ISS-Gruppe, der französische Baukonzern Vinci und der Dienstleister Cofely, der zum französischen Energieriesen GDF Suez gehört.

Lässt Koch sie zum Zuge kommen, wird einer dieser Konkurrenten Bilfinger im Gebäudemanagement-Branchenranking von der Spitze verdrängen oder zumindest gleich ziehen. Das ist in Mannheim sicher nicht erwünscht. Andererseits ist der Margendruck im Dienstleistungsbereich, den auch Bilfinger längst spürt, im Gebäudemanagement besonders groß. Bilfinger wolle seine Marge von 4,5 bis fünf Prozent im Facility-Management "nicht gefährden", sagte Koch dazu bei der Bilanz-Pressekonferenz. Ein diskreter Hinweis darauf, dass die Umsatzrendite der Hochtief-Sparte nur bei knapp drei Prozent liegt und Fernandez Angebot zur Unzeit kommt.

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Die Hochtief-Service-Sparte würde "prinzipiell gut zu Bilfinger passen", sagt Jörg Hossenfelder von der Marktforschungs- und Beratungsgesellschaft Lünendonk. Koch gibt sich cool: "Das Thema schauen wir uns mit einer sichtbaren Entspanntheit an", sagte er heute in Mannheim - die Botschaft "wir wollen das unbedingt haben, wäre falsch". Klar - es würde die Verhandlungsposition schwächen. Aber tatsächlich beschäftigt die Kauf-Option Koch intensiver als er zugibt. Jetzt zuzuschlagen oder es nicht zu tun - beides kann falsch sein und birgt Gefahren für die bisher glatte Manager-Karriere des Ex-Politikers Koch.

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