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ETF Günstige Anlage oder Systemrisiko mit drei Buchstaben?

ETF Quelle: Fotolia

Praktisch, kostengünstig und extrem riskant? Gefährdet der Siegeszug der börsengehandelten Indexfonds, kurz ETFs genannt, die Stabilität des Finanzsystems?

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Die börsengehandelten Indexfonds, kurz ETF (Exchange-Traded-Funds), kommen immer häufiger zum Einsatz in Vermögensverwaltungen, Lebensversicherungen, bei Fintechs („Robo-Advisor“) und auch in privaten Depots. Immer mehr Experten warnen aber vor den Folgen des rasanten Wachstums dieser passiven Anlageprodukte. Passiv sind sie, weil die ETF nicht mehr tun, als Indizes wie etwa den Deutschen Aktienindex Dax oder einen Index auf Unternehmensanleihen nachzubilden. Das klingt unspektakulär und auch das Geschäftsmodell der ETF-Anbieter ist einfach: Sie nehmen sich Indizes wie den Dax, zahlen an die Indexherausgeber Lizenzgebühren und kopieren sie. Die Arbeit erledigen Computer und Börsenmakler. Teure Fondsmanager, die aktiv entscheiden, welche Aktien sie in ihren Fonds packen, sind überflüssig.

Das überzeugt immer mehr Anleger. Der Fondsdatenspezialist Morningstar erwartet, dass das Volumen passiver Fonds schon im Jahr 2024 größer sein könnte als das der aktiv gemanagten. Bislang machen ETFs etwa ein Drittel des aktiv gemanagten Volumens aus.

Doch schon jetzt haben einige Vorfälle Aufseher alarmiert. ETF sind in der Finanzwelt so etwas geworden wie Facebook und Google für das Internet. Alles sehr praktisch und nützlich, aber undurchsichtig, mächtig und durch einfache Regulierung kaum einzufangen, zudem extrem schnell und deshalb geht auch schnell mal etwas schief. Das ist der Unterschied zwischen den ETF und traditionellen Fonds, die häufig nicht im normalen Börsenhandel in Sekundenschnelle gekauft werden können. Bei ihnen legen Banken meist erst dann einen Preis fest, wenn auch der Inhalt des Fonds, also die Aktien oder Anleihen bewertet werden können. ETF halten zudem, anders als aktive Fonds, keine Liquidität, die Anteilverkäufe durch Anleger schnell bedienen können. Wird ein ETF-Anteil verkauft, muss entweder dafür direkt ein Käufer gefunden werden oder für die Aktien aus dem zugrundeliegenden Index. Und all das muss sehr schnell gehen.

So simpel, wie sie scheinen, sind die ETF nicht, weshalb Aufsichtsbehörden und auch Zentralbanken sie nach der Finanzkrise und spektakulären Börsenskandalen immer wieder mal ins Visier nahmen. 2011 etwa gab der 31jährige Banker Kweku Adoboli allen, die vor den erfolgreichen Finanzinstrumenten gewarnt hatten, kräftig Auftrieb. Er hatte bei der UBS in London mehr als eine Milliarde Euro verzockt und arbeitete in einer Abteilung, die vor allem börsengehandelte Indexfonds, also ETFs einsetzte.

Auch in Reaktion darauf haben die Anbieter Schwachstellen wie zum Beispiel mangelnde Transparenz beseitigt. Sie geben nun mehr Details preis, wie die Fonds konkret konstruiert sind. Bei einem klassischen ETF auf den Dax beispielsweise bildet der Anbieter diesen tatsächlich über die 30 Dax-Aktien ab. Es gibt aber auch eine Variante, bei der Investmentbanker die Wertentwicklung des Index über ein Tauschgeschäft mit einer Bank, einen sogenannten Swap, erwirtschaften. Dann hat der Anleger statt Dax-Aktien mitunter ganz andere Papiere in seinem Aktienkorb.

Die Angst, dass eine Bank zahlungsunfähig werden könnte und als Swap-Partner ausfällt, treibt viele Anleger um. Weil das den Verkauf dieser ETFs erschwerte, informieren ETF-Anbieter heute über relevante Geschäftspartner und die hinterlegten Sicherheiten für Swap-Geschäfte, oder sie stellen die Fonds auf den klassischen Nachbau um.

Mitte März erst hat die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ davor gewarnt, dass ETF das Finanzsystem destabilisieren könnten. Als Risikofaktor gilt den Baslern jetzt: Wenn niemand mehr börsennotierte Unternehmen bewerte, weil alle passiv investieren, würden die Kurse von Aktien sehr ähnlich laufen und kaum noch Qualitätsunterschiede zwischen Unternehmen an der Börse sichtbar. Ähnlich kritisch zur langfristigen Wirkung von ETF am Kapitalmarkt hatte sich auch schon einer der Erfinder, der Vanguard-Gründer John Bogle geäußert. Abby Joseph Cohen, die leitende Anlagestrategin von Goldman Sachs, sieht den Zufluss in die ETF kritisch. Sie irritiert etwa, dass kaum jemand etwa bei Aktien auf die Bewertung schaue, weil ETF immer in den gesamten Index investieren und als Beifang immer auch die Kurse von Unternehmen pushen, deren wirtschaftlicher Erfolg zu wünschen übrig lässt. Es gibt inzwischen mehr Indizes als Aktien.

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