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Falsche Nachrichten bei Facebook "Diese Menschen sind keine Trottel"

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Anti-Elite-Effekt

...ein israelischer Medienwissenschaftler...
...beschäftigt sich seit den 2000er Jahren mit der zunehmenden Skepsis der Menschen gegenüber den herkömmlichen Medien und erklärt sie über einen Anti-Elite-Effekt. Viele halten die Mainstream-Medien für einen Teil der Elite. Es gibt heute einen signifikanten Anteil von Menschen, die sich von der Art und Weise wie unsere Medien Debatten führen in ihrer Lebenswirklichkeit nicht angesprochen fühlen. Diskussionen über gendergerechte Sprache, Plastiktütenverbote oder Veganismus mögen für viele Menschen wichtig sein, aber gehen an der Lebenswirklichkeit von Millionen anderen vorbei. Sie sehen Eliten, die miteinander über Elitenprobleme sprechen, während sie sich selbst fragen müssen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Sie fühlen sich von den abgehobenen Diskursen, die in den Medien geführt werden, nicht ernst genommen. Das ist ein großes Problem, an dem wir arbeiten müssen. Denn diese Menschen sind keine Trottel, sondern haben ganz realistische und nachvollziehbare Forderungen an die Politik. Wenn wir sie weiter übergehen, verschlimmert sich das, was wir gerade schon an allen Fronten erleben.

Was bleibt Journalisten zu tun?
Vielleicht sollten wir damit anfangen, was Journalisten nicht mehr tun sollten. Gerade Vertreter der öffentlich-rechtlichen Medien betreiben gerne eine Art paternalistischen Journalismus. Die treten vor die Kamera und wollen anderen die Welt erklären, damit sie ja keine Rechts- oder Linksradikalen wählen. Anderen auf diese pseudoliebenswürdige Art und Weise zu erklären, was gut oder schlecht ist, beleidigt manche Rezipienten. Die Bürger wollen sich nicht erziehen lassen, das höre ich immer wieder in Gesprächen mit Mediennutzern. Außerdem sollten Journalisten wieder stärker daran arbeiten, die Vielfalt der Sichtweisen zur Sprache kommen zu lassen. Sie dürfen sich nicht von vornherein festlegen auf eine Position, von der man selbst meint, sie sei die Richtige. Auch abseitige, unangenehme Meinungen müssen Gehör finden. Das ist es, was John Stuart Mill als wirkliche Kommunikationsfreiheit beschrieben hat. Die Bürger wollen, dass ihre Weltsichten repräsentiert werden und dass die Medien mehrere Argumentationslinien anführen.

Wie weit sollte ich als Journalist gehen, um solche Leute abzuholen? Ich könnte guten Gewissens nichts in einem Artikel unterbringen, was die Weltsicht des eingangs zitierten Facebook-Kommentators abbildet.
Das ist eine ganz entscheidende Frage. Sie dürfen nicht Ihren journalistischen Ethos und die grundgesetzliche Ordnung, auf deren Basis Sie arbeiten, aufgeben. Sie sollen auch nicht jeden Unsinn unkommentiert berücksichtigen. Es geht mir einfach nur um eine größere Differenziertheit der Blickwinkel. Wenn es etwa um die Zukunft der EU geht, wünsche ich mir, dass neben den guten Gründen für die EU auch Stimmen zur Sprache kommen, die die Nachteile der EU klar benennen – auch wenn ich persönlich die EU für unverzichtbar halte. Man ist nicht automatisch ein Dummkopf oder ein Populist, wenn man für den Brexit ist. Das Problem ist, dass sich Medien oft schon vorher festlegen, was gut und gewünscht ist – etwa die EU oder Hillary Clinton – und dass alle, die anders denken, töricht, ungebildet oder böse sind. Aber in einer Demokratie müssen wir über gewisse Werte und Sichtweisen streiten, es geht nicht um die Wahrheit, sondern darum, was man für richtig hält. Und Journalisten sollten sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache, wie der ehemalige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs sagte.

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