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Fernbus vs. Bahn Das Ausland zittert vor deutschen Fernbussen

Die Fernbus-Konkurrenz kostet die Deutsche Bahn Millionen und lässt nun auch deren Wettbewerber im Ausland erzittern. Die wollen sich mit Klagen wehren.

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Fernbusanbieter planen nun auch Stops im Ausland und machen so auch Bahnanbietern außerhalb von Deutschland Konkurrenz Quelle: dpa

Andreas Meyer hat wohl nicht gedacht, dass ihn die deutsche Verkehrspolitik einmal einholt. Knapp zehn Jahre stand der gebürtige Baseler im Dienst der Deutschen Bahn, wo er die Bustochter DB Stadtverkehr leitete. 2007 wechselte er dann als Chef zu den Schweizer Bundesbahnen (SBB). Doch jetzt spürt Meyer unerwartet Gegenwind – aus seiner zeitweiligen Wahlheimat. Fernbusse von dort verbinden auf einmal Schweizer Städte mit süddeutschen Metropolen. „Ich beobachte diese Entwicklung und Dynamik im Fernbusbereich mit Sorge“, sagt Meyer.

Der seit Anfang 2013 entfesselte Fernbusmarkt in Deutschland erreicht die Nachbarländer und deren staatliche Bahngesellschaften. Auch in Österreich, Polen, Frankreich und den Beneluxländern werden die Eisenbahnmanager nervös. Denn Fernbusse auf den internationalen Strecken sind nicht nur preiswerter als ICE, Thalys, TGV oder EC. Die Wettbewerber auf dem Asphalt sind vielfach auch bequemer und manchmal sogar schneller.

Damit zeitigt die schöpferische Zerstörung im deutschen Verkehrsmarkt nun auch Kollateralschäden in Ländern, für die die Liberalisierung gar nicht gedacht war. „Die Internationalisierung steht erst am Anfang“, prophezeit Jochen Engert, Gründer und Chef der Münchner Fernbusfirma Flixbus. Die Bahngesellschaften im Ausland „können sich warm anziehen“.

Von Deutschland in die Welt

Allein Flixbus plant bis Mitte 2015 zehn Mal mehr Verbindungen ins Ausland, als das Unternehmen aktuell im Angebot hat. Zurzeit fahren die Bayern Ziele wie Zürich, Wien und Groningen in den Niederlanden an. Bald kämen Fahrten nach Prag, Amsterdam, Paris, Brüssel und zusätzliche Strecken nach Skandinavien hinzu. „In den nächsten zwölf Monaten“, kündigt Engert an, „setzen wir mehr als 100 zusätzliche Busse ein, um deutsche Metropolen mit spannenden Zielen im Ausland zu verbinden.“ Auch Marktführer MeinFernbus mit Sitz in Berlin, der schon heute ein Dutzend Städte in Polen, Österreich, der Schweiz, Frankreich und den Beneluxstaaten verbindet, plant weitere Auslandsverbindungen. ADAC Postbus prüft noch.

Das sind die größten Fernbus-Anbieter
Platz 7 – Deutsche TouringBis 2005 gehörte die Deutsche Touring der Bahn, seitdem ist das Unternehmen eigenständig. In Deutschland haben die Busse gerade einmal 1,8 Prozent Marktanteil, die Deutsche Touring verdient seit jeher aber vor allem Geld mit internationalen Busverbindungen. Quelle: dpa Picture-Alliance
Platz 5 – City2CityAuch die Briten wollen ein Stück vom deutschen Fernbus-Markt abhaben: National Express bedient mit seiner deutschen Tochter knapp fünf Prozent der Fahrplankilometer hierzulande. Die City2City-Busse sind der Studie zufolge sowohl zum Normalpreis (6,1 Cent pro Kilometer) als auch bei den Sparangeboten (3,3 Cent) günstiger als viele andere. Das ist beides deutlich unter dem Durchschnitt der Branche: Dieser liegt bei 9 bzw. 5 Cent pro Kilometer. Quelle: dpa
Platz 4 – PostbusAn vierter Stelle fährt ein junges Angebot ein: Die gelben Postbusse rollen erst seit dem 1. November 2013 durch Deutschland. Betrieben werden sie gemeinsam vom ADAC und der Deutschen Post. Die Postbusse decken mit 175 Fahrtenpaaren pro Woche 7,5 Prozent des Marktes ab. Dabei ist die Deutsche-Post-Mobility sogar günstiger als die großen Konkurrenten: 7,1 Cent kostet der Kilometer durchschnittlich. Bei den DB-Töchtern sind es 10, bei Mein Fernbus 9,5 Cent. Allerdings gilt das nur für die Normalpreise, mit Sparangeboten kann es deutlich günstiger werden. Der Postbus kommt dann auf durchschnittlich 5,2 Cent pro Kilometer, Mein Fernbus auf 4,3 und Flixbus sogar auf 3,7 Cent. Quelle: dpa
Platz 3 – FlixbusEbenfalls erst seit dem Jahr 2013 fährt Flixbus. Die Firma aus München steht auf Platz drei der größten Fernbusunternehmen in Deutschland mit knapp 15 Prozent der Fahrplankilometer. Pro Woche bietet Flixbus 324 Fahrtenpaare an. Seit dem 1. Januar 2013 dürfen Unternehmen Fernbusverbindungen anbieten. Ziel der Gesetzesänderung war es unter anderem, Konkurrenz zur Bahn zuzulassen und so den Fernverkehr erschwinglicher zu machen. Quelle: dpa
Platz 2 – Deutsche BahnSchon viel länger dabei sind Tochterunternehmen der Deutschen Bahn wie die Gesellschaft BEX, die den Berlin-Linien-Bus betreibt. Vor der Liberalisierung durften die Unternehmen nur wenige Verbindungen anbieten, vor allem von und nach Berlin. Derzeit bedienen Tochterfirmen der Bahn knapp 22 Prozent des Fernbusmarktes gemessen an den Fahrplankilometern. Erhoben hat diese Zahlen die Mobilitätsberatungsagentur IGES in einer Studie von Dezember 2013 (PDF). In Auftrag gegeben hat die Studie der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Quelle: dpa
Platz 1 – Mein FernbusDer mit Abstand größte Anbieter von Fernbusverbindungen ist ein Branchen-Neuling: Die Meinfernbus GmbH mit Sitz in Berlin bedient fast 40 Prozent des deutschen Fernbusmarktes. Die markanten grünen Busse starteten erst kurz vor der Liberalisierung des Fernbusverkehrs Anfang des Jahres. Dennoch hat das Unternehmen erfahrene Konkurrenten hinter sich gelassen: Mittlerweile bietet Meinfernbus 826 Fahrtenpaare (also Hin- und Rückfahrt) pro Woche an, das entspricht mehr als 750.000 Kilometern pro Woche. Quelle: dpa

SBB-Chef Meyer versucht nun, die Wettbewerber aus dem Norden mithilfe des Gesetzes von eidgenössischen Straßen fernzuhalten. Denn in der Schweiz gilt wie bis vor Kurzem in Deutschland, dass Fernbuslinien nicht in Konkurrenz zu Angeboten auf der Schiene treten dürfen. Trotzdem registrieren die SBB-Manager, dass die Anzahl der Anträge für grenzüberschreitenden Busfernverkehr „signifikant angestiegen“ sei, „insbesondere durch deutsche Busunternehmen“. Die SBB habe daher die Schweizer Behörden auf das geltende Recht in der Alpenrepublik hingewiesen. Doch dabei will es die Schweizer Staatsbahn möglicherweise nicht belassen. „Angesichts der aktuell hohen Dynamik wird die SBB in den kommenden Monaten weitere Schritte prüfen.“ Juristische Klagen nicht ausgeschlossen.

Bahnkonzerne in anderen Ländern nehmen den Angriff deutscher Fernbuslinien noch sportlich. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) etwa setzen darauf, mit ihren Zügen ein attraktives Alternativangebot zu haben. „Nichtsdestotrotz“, heißt es aus Wien, „wo es Sinn macht, bieten wir selbst bereits Fernverkehrsbusse an“, etwa von Klagenfurt nach Venedig und Graz.

Nur wenige Züge zu Zielen im Ausland

Jetzt rächt sich im Eisenbahnverkehr, dass die staatlichen Anbieter ihren Verbindungen über die Grenze bisher nur wenig Beachtung schenkten: teils weil sie sich sorgten, den ausländischen Staatsbahnen die Tür auf den eigenen Markt zu öffnen, teils weil sie dazu keinen Anlass sahen. Die Folge ist ein eher dürftiges Angebot.

In diese Lücke stößt die Straßenkonkurrenz. „Mit unseren Fernbussen können wir flexibel reagieren“, sagt Flixbus-Chef Engert. „Außerdem bieten wir oft umsteigefreie Verbindungen an, die die Bahnen nicht im Angebot haben.“ Zudem erlaubt EU-Recht, Strecken innerhalb der Länder anzubieten. „Solche innerausländischen Linien prüfen wir derzeit ebenfalls.“

Deutsche Fernbuslinien: Ziele im Ausland

Welche Gefahr den Staatsbahnen dadurch droht, zeigt die Deutsche Bahn. Der Schienenriese verliert in diesem Jahr an die neue Konkurrenz auf der Straße wohl bis zu 50 Millionen Euro Gewinn, heißt es aus dem Konzern. Das Unternehmen habe „die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt“, sagt Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

Bahn versucht es nun auch mit Bussen

Um dem Schwund zu begegnen, beginnt die Bahn, die ihrerseits Fernbusse auf die Straße schickt, den Schienenfernverkehr neu auszurichten. Eine Antwort auf Flixbus und Co. könnte Interregio Express (IRE) heißen. Seit vier Monaten pendelt der Zug zwischen Berlin und Hamburg zu einem Festpreis von 20 Euro für die einfache Fahrt und hält unterwegs in Kleinstädten wie Stendal, Uelzen und Lüneburg. „Wir sind vom Erfolg überrascht“, sagt Joachim Trettin, Chef der Konzerntochter DB Regio Nordost, die den Betrieb organisiert. Im Schnitt sei der Zug mit 200 Passagieren zu fast 50 Prozent ausgelastet, am Wochenende müssten Reisende teilweise stehen. Die Bahn setzt nun ein zweiten Zug auf die Spur. Nicht ausgeschlossen, dass es solche Zugangebote bald deutschlandweit gibt.

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Wo es nicht anders geht, reduziert die Deutsche Bahn sogar die Ticketpreise. „13-Euro-Ticket“ heißt etwa ein neues Angebot der Regio-Tochter in Sachsen, um die Zielgruppe des „preisbewussten Gelegenheitsfahrers“ zu erschließen, „die man nicht allein dem Fernbus überlassen möchte“. Preisreaktionen der deutschen Staatsbahn auf Wettbewerber hat es bisher noch nie gegeben.

Das nächste Opfer der Fernbusse ist schon in Sicht: die Nachtzüge. Die Deutsche Bahn leidet notorisch unter deren hohen Kosten – und stellt einige Verbindungen ab Dezember ein. In die Lücken drängen die Fernbusanbieter vor. MeinFernbus hat bereits ein dichtes Nachtliniennetz gesponnen, mit Fahrten zwischen Berlin, Ruhrgebiet, Stuttgart und München. Außerdem geht es ins Ausland, etwa von Mailand nach Zürich – eine Verbindung, auf der der Bus sogar schneller ist als der Zug.

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