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Fernbusse Die Bahn greift an

Die Deutsche Bahn vervierfacht die Zahl ihrer Verbindungen, konzentriert sich auf eine Kernmarke und fährt häufiger ins Ausland. Der Zeitpunkt für den Angriff ist gut.

Ein Fernbus steht neben einem ICE-Zug der Deutschen Bahn. Quelle: dpa

Der Auftritt von Ulrich Homburg in der 21. Etage des Bahn-Towers steht sinnbildlich für die Fernbus-Strategie der Deutschen Bahn der vergangenen Jahre. Angesetzt war die Pressekonferenz, auf der der Personenverkehrsvorstand die neue Marschrichtung erläutern wollte, für 14 Uhr. Doch Homburg steckte in Frankfurt im Flieger fest, die Veranstaltung begann mehr als zwei Stunden verspätet.

Mit Verspätung bläst der Konzern nun auch zum Angriff im deutschen Fernbusmarkt. Einst Marktführer eines völlig regulierten Marktes, verlor die Bahn mit ihren Fernbustöchtern BerlinLinienBus (BLB) und IC Bus seit dem 2012 liberalisierten Markt den Anschluss. Homburg gab zu, die Dynamik im Markt „unterschätzt“ zu haben. Nun wolle er „ein starker Spieler“ sein. Die wichtigsten Weichenstellungen:

  1. Vier Mal mehr Strecken: Die Bahn will die Fernbusaktivitäten spätestens ab dem dritten Quartal dieses Jahres deutlich ausbauen. Homburg sprach von einer „Vervierfachung des Angebots“. Allerdings wolle die Bahn sich dabei an den „Kunden und der Marktentwicklung orientieren“, mit anderen Worten: Wachstum ja, aber nicht zu jedem Preis. „Einen Preiskampf gehen wir nicht mit.“
  2. Alles unter einer Marke: Die Bahn führt ihr Fernbus-Geschäft künftig allein unter dem bereits etablierten Namen BerlinLinienBus, kurz: BLB. Die Marke „IC Bus“ entfällt. Die Bahn hatte die Mark erst vor etwas mehr als einem Jahr eingeführt. Homburg begründete den Schritt damit, dass BLB vor allem unter Fernbusfahrern längst eingeführt sei und eine größere Bedeutung habe.
  3. Mehr Auslandsverbindungen: Die Bahn will ihre Linien ins Ausland ausbauen. Zudem seien auch mehr Busse auf erfolgreichen Hauptstrecken geplant. Als Beispiel nannte Homburg die Route Berlin-Bremen sowie Verbindungen zwischen den Bundesländern Thüringen und Bayern. Wo genau die Bahn ihre Fernbusse verstärkt fahren lässt, wollte Homburg nicht verraten.

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Die Ziele sind ambitioniert, aber realistisch. „Wir wollen die starke Nummer zwei sein", sagte der Bahn-Vorstand. Derzeit kommt die Bahn auf einen Marktanteil von neun Prozent, genauso groß wie die Postbusse der Deutschen Post. Das fusionierte Unternehmen MeinFernbus Flixbus kommt auf mehr als 70 Prozent. Ziele zu Marktanteilen nannte Homburg nicht. Er hält die Marktzahlen der Berliner Beratung Iges aber nicht unbedingt für aussagekräftig, weil sich diese nur auf die Anzahl der angebotenen Fahrten bezögen. Da sei noch nichts über die tatsächlich transportierten Fahrgäste und die Auslastung gesagt, so Homburg.

Zahl der Fernbusanbieter gesunken

Der Bahn-Vorstand konnte jedenfalls dem internen Druck offenbar nicht mehr weichen. 2012 war es seine Entscheidung, sich in dem Fernbus-Markt nicht weiter auszudehnen. Die zurückhaltende Strategie führte zu heftigen Diskussionen im Aufsichtsrat. Die Vertreter des Bundes im Kontrollgremium hatten die Bahn dafür mehrfach kritisiert, den Markt einfach so laufen zu lassen.

Möglicherweise kommt der späte Strategieschwenk der Bahn zum richtigen Zeitpunkt. Mit der Fusion von MeinFernbus und Flixbus sinkt die Zahl der großen Wettbewerber von vier auf drei. Das könnte den Druck auf die Preise nehmen und die Auslastung der Fernbusse für alle erhöhen.

Gleichzeitig umging die Bahn mit ihrer Strategie eine öffentliche Debatte über die Ausübung von Marktmacht. Was wäre wohl passiert, wenn die Deutsche Bahn bereits 2012 angekündigt hätte, ihr Fernbus-Geschäft auszudehnen. Damals war die Bahn der einzige große Anbieter im Markt. Der Konzern hätte sich gegenüber dem öffentlichen Vorwurf rechtfertigen müssen, die Bahn würde ihr Monopol auf der Schiene nun auch auf den Fernbusmarkt übertragen und die Entwicklung von Start-ups im Keim ersticken.

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Die Argumente sind auch heute noch zu hören. Der Fernbusmarkt sollte „kein Spielfeld für Konzerne“ sein, hieß es in einer Presseerklärung von MeinFernbus Flixbus auf die heutige Vorstellung der Fernbus-Strategie der Bahn. „Die jährlich rund 16 Milliarden Euro Steuersubventionen“ sollte die Bahn nicht verwenden, um „uns rein privatwirtschaftlich arbeitenden Fernbusunternehmen als Sündenbock für ihre eigene Misswirtschaft zu missbrauchen.“ Scharfe Vorwürfe. Doch sie dürften kaum Gehör finden. Die Startups von einst sind heute ganz groß. Und die Bahn fährt inzwischen mit großen Abstand hinterher.

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