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Fernverkehrschef Peterson „Die Bahn ist das Rückgrat für den Klimaschutz in Deutschland“

Zug-Prophylaxe: Fernverkehrschef Michael Peterson investiert Millionen in die ICE-Werke. Quelle: Bernhard Haselbeck für WirtschaftsWoche

Die Deutsche Bahn hält trotz Coronakrise am Deutschlandtakt fest. Fernverkehrschef Michael Peterson über die Probleme bei der Pünktlichkeit, Folgen einer möglichen Ampel-Koalition – und einen neuen Am-Platz-Service im ICE.

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WirtschaftsWoche: Herr Peterson, die Deutsche Bahn investiert massiv in Technik auf der Schiene: in größere Züge, zusätzliche Werkstätten und smarte IT. Dabei hat Corona den Fahrgastansturm aus dem Jahr 2019 deutlich abgebremst. Sind die Investitionen noch sinnvoll?
Michael Peterson: Auf jeden Fall. Das Zielbild im Schienenverkehr ist ein Deutschlandtakt mit halbstündigen Fernverkehrsverbindungen zwischen den großen Metropolen, so wie das ab Mitte Dezember zwischen Berlin und Hamburg bereits Realität wird. Diesem Ziel folgen wir mit unserer Strategie „Starke Schiene“ und der kontinuierlichen Modernisierung von Infrastruktur und Fahrzeugflotten. Die Bahn ist das Rückgrat für den Klimaschutz in Deutschland. Wir halten an unseren Plänen fest.

Das heißt, alle drei Wochen bekommt die Deutsche Bahn weiterhin einen nagelneuen ICE4 von Siemens?
Richtig. Der ICE4 ist unser Flaggschiff im Fernverkehr. Mit dem Zug als XXL-ICE befördern wir mehr als 900 Menschen –das Fünffache eines Mittelstreckenflugzeugs. Die Zahl der ICE-Züge verdoppelt sich nahezu auf rund 600 bis 2030. Das Durchschnittsalter der ICE-Züge sinkt bis dahin von heute 22 Jahre auf 14 Jahre. Wir machen den Fernverkehr robuster, schlagkräftiger und moderner.

Aber eine wichtige Kundengruppe kommt nur langsam zurück: die Geschäftsreisenden. Ihre Zahl ist durch die Pandemie stark eingebrochen…
Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Geschäftsreisenden bis Ende 2022 wieder das Niveau von vor Corona erreichen wird. Natürlich werden viele Menschen mehr Zeit zu Hause im Homeoffice verbringen und an solchen Tagen weniger reisen. Aber das Homeoffice und die Digitalisierung führt zu neuen Möglichkeiten. Viele Menschen werden das Homeoffice auch mal in die Wohnung eines Familienangehörigen oder an ein typisches Urlaubsziel verlagern – und dorthin den Zug nehmen. Der Zeitgeist spielt der Deutschen Bahn in die Karten.

Wie viel Prozent der Reisenden im Fernverkehr sind eigentlich aus beruflichen Gründen unterwegs – und wie viel privat?
Rund ein Viertel unserer Kunden sind Reisende mit geschäftlichem Anlass. Wir haben Firmenkunden mit entsprechenden Rahmenverträgen. Hinzu kommen Selbstständige und Beschäftigte kleinerer und mittlerer Firmen ohne Rahmenvertrag. Natürlich wollen wir den Anteil der Geschäftsreisenden systematisch weiter steigern und den ICE zum Homeoffice auf Rädern ausbauen.

Und wie sehen die Fahrgastzahlen derzeit insgesamt aus?
Die Kunden kommen wieder zurück. Wir fahren derzeit täglich rund 300.000 Reisende durch Deutschland und angrenzende Nachbarländer. Damit liegen wir im Fernverkehr bei Fahrgästen und Umsatz bereits bei drei Viertel im Vergleich zur vor Corona-Zeit 2019. Wir sind optimistisch, dass das Wachstum der Fahrgastzahlen so weitergeht. Und wir investieren massiv in den Kundenservice. Der Mobilfunkempfang wird beispielsweise fortlaufend verbessert. Wir haben außerdem das ICE-Portal mit Reiseinfos in Echtzeit aufgerüstet, den Komfort-Check-in erweitert und das digitale Entschädigungsformular eingeführt.  

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    Für ein wirklich gelungenes Reiseerlebnis müsste endlich mal alles perfekt zusammenpassen: pünktliche Züge, stabiler Mobilfunkempfang, ausreichend Platz, funktionierende Toiletten und Bordküchen. Seit Jahren gelobt die Deutsche Bahn Besserung. Aber warum hat man eigentlich so oft das Gefühl: Irgendetwas ist immer?!
    Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen. Aber wir investieren, modernisieren und digitalisieren für unsere Kunden an allen Stellen. Wir erhöhen massiv die Kapazitäten in den Instandhaltungswerken, bauen zwei komplett neue Werke in Dortmund und Nürnberg. Wir teilautomatisieren manuelle Tätigkeiten wie die Sichtprüfung von Schäden am ICE und nutzen künftig Roboter für die Entsorgung von Abwasser der Toiletten. Das spart enorm Kapazitäten in den Werken. Mit den freien Ressourcen können wir Züge schneller warten, das erhöht die Verfügbarkeit der Flotte und stabilisiert den Bahnbetrieb. Alles in allem ist die Digitalisierung bei der Bahn nicht weniger als der Start in eine neue Ära der Eisenbahn – vergleichbar mit dem Wechsel von Dampf- zur Elektrolok.

    Die Pünktlichkeit im Fernverkehr ist in den vergangenen Monaten regelrecht abgestürzt. Im August und September streikten die Lokführer. Aber davor nicht. Dennoch lag die Pünktlichkeit der ICE-Züge bei mageren 71 Prozent im Juli. Was sind die Gründe für die notorische Unzuverlässigkeit der Bahn?
    Die drei Streikwellen waren eine Ausnahmesituation, die haben unseren Betrieb ordentlich aus dem Takt und unsere Mitarbeitenden in der Zugdisposition an den Rand ihrer Kräfte gebracht. Auch der Juli war Ausnahmezustand bei der Bahn, wegen der verheerenden Flutschäden im Westen und Südwesten Deutschlands. Im Fernverkehr waren die Auswirkungen dieser Naturkatastrophe deutschlandweit spürbar. Parallel läuft die Modernisierung des Schienennetzes auf Rekordniveau. Es gibt zurzeit hunderte Baustellen zeitgleich, die wichtig und nötig sind, aber auch eine große Herausforderung für den Bahnbetrieb. Unsere Flotte läuft mittlerweile verlässlicher, wegen der vielen neuen Züge. Aber Fehler ganz auszuschließen, wäre wenig seriös. Zum Vergleich: Das Durchschnittsalter der Autos in Deutschland ist heute neun Jahre, viele Autos stecken voller Hightech und dennoch gibt es jeden Tag Verkehrsdurchsagen wie 'Vorsicht, defektes Fahrzeug auf der rechten Spur'. Die Pünktlichkeit bleibt eine Daueraufgabe, der wir uns immer wieder neu stellen. 

    Vor ein paar Jahren galt die Flotte als Achillesferse der Bahn im Fernverkehr. Inzwischen dürfte die Kapazität nicht mehr das Problem sein, oder?
    Wir haben aktuell 335 ICE-Züge, mehr als jemals zuvor. Eine gute Basis für einen stabilen Fahrbetrieb, wenn nichts Dramatisches und Unvorhergesehenes passiert. Sobald der Zugverkehr auf dem Schienennetz aus dem Takt kommt, können sich die Verspätungen aber wie ein Dominoeffekt aufstauen. Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben in Deutschland einen Mischverkehr: Güterzüge, Regionalbahnen und Fernzüge teilen sich die meisten Streckengleise. Das System ist komplex.

    Die Deutsche Bahn hat mit dem DB Navigator eine der erfolgreichsten und beliebtesten Apps im Markt. 50 Millionen mal wurde sie runtergeladen. Warum kann ein Reisender noch immer keine Tickets etwa von Berlin nach Barcelona buchen?
    Die Buchungssysteme zwischen den einzelnen Anbietern sind unterschiedlich. Es gelingt uns deshalb nicht immer, ein einheitliches und durchgehendes Ticket zu verkaufen. Dennoch ist es möglich, über bahn.de und den DB Navigator internationale Verbindungen herauszufinden und zu buchen. Wir bieten durchgehende Fahrkarten für Reisen zwischen Deutschland und Zielen in 16 europäischen Ländern, auch für Züge in Italien und Frankreich oder den Eurostar nach London.



    Was können Kunden der Deutschen Bahn bald noch erwarten?
    Wir testen derzeit einen neuen Am-Platz-Service. In ausgewählten ICE-Zügen können Fahrgäste das gastronomische Angebot digital über ihr Endgerät bestellen. Derzeit pilotieren wir den Service in etwa zehn ICE-Zügen. Die Zufriedenheit der Kunden ist sensationell. Wir haben unsere Entwicklungsphilosophie im Übrigen grundlegend geändert: Früher haben wir ein digitales Angebot fertig entwickelt und mit einem ‚big bang‘ eingeführt. Wenn es dann ein paar Bugs gab, haben sich Kunden – zurecht – geärgert. Heute starten wir viel lieber mit einer Betaversion, um Fehler im Laufe des Entwicklungsprozesses zu verbessern.

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    In einer möglichen Ampel-Koalition säßen Grüne und FDP. Beide Parteien fordern mehr Wettbewerb auf der Schiene. Was erwarten Sie für den Fernverkehr der Deutschen Bahn? 
    Wettbewerb gibt es, wir befinden uns im ständigen Wettbewerb – mit Fernbussen, Flugzeugen, dem Auto und auch anderen Anbietern auf der Schiene. Was die neue Regierung für den Verkehr und die Bahn vereinbart, gilt jetzt abzuwarten. Mein Eindruck ist, dass die Bedeutung der Bahn für die Erreichung der Klimaziele parteiübergreifend gesehen wird. Wir müssen bei der Mobilitätswende und dem Klimaschutz vorankommen, das ist das, was zählt.     

    Mehr zum Thema: Gewinne? Bei der Bahn nicht mehr so wichtig, findet die Politik. Und Schulden für mehr Klimaschutz sind auch genehm. Das ist fatal. Ein Kommentar.  

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