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Filmwirtschaft Superhelden sollen das Kino retten

Bequemere Sessel, aufwendigere Technik und mehr Superhelden – mit dieser Mischung will das klassische Kino die Konkurrenz der Film-Streamingdienste in Schach halten.

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Die erfolgreichsten Filme 2014
Platz 10: "22 Jump Street"Die 80er-Jahre-Fernsehserie "21 Jump Street" wurde verfilmt und startete am 31. Juli 2014 in den deutschen Kinos. Channing Tatum (im Bild) und Jonah Hill spielten die Hauptrollen der beiden Polizisten Schmidt und Jenko, die undercover einem Drogendealer auf die Schliche kommen sollen. 1,5 Millionen Besucher wollten die Neuauflage sehen. Das Ranking beruht auf den vom Verband der Filmverleiher erhobenen Besucherzahlen zu erstaufgeführten Filmen in rund 1600 Spielstätten in Deutschland von 1. Januar bis 19. November 2014 Quelle: REUTERS
Platz 9: "Lucy"Scarlett Johansson und Morgan Freeman lockten mit dem französischen Action-Streifen "Lucy" 1,6 Millionen Besucher in die Kinosäle. Johansson spielt die Studentin Lucy, die von ihrem Freund gebeten wird, einen mysteriösen Koffer zu übergeben - doch der Deal geht schief, Lucy wird gefangen genommen. Nun soll sie eine neue Droge nach Europa schmuggeln, die gegen ihren Willen in ihren Bauch implantiert wird. Doch Lucy wird zusammengeschlagen,wodurch die Superdroge freigesetzt und die junge Frau nach und nach in eine übermenschliche Kämpferin verwandelt, die es mit ihren Peinigern aufnimmt. In Deutschland startete der Film von Regisseur Luc Besson am 14. August. Quelle: AP
Platz 8: "Bad Neighbors"1,7 Millionen Besucher wollten sehen, wie der spießige Familienvater Seth Rogen (im Bild) und seine Film-Frau Rose Byrne sich mit einer partywütigen, dauersaufenden Studentenverbindung als neue Nachbarn herumschlagen. Die Slapstick-Komödie des Regisseurs Nicholas Stoller ging am 8. Mai an den Start. Quelle: dpa
Platz 7: "Rio 2"Die Fortsetzung des Animationsfilms "Rio" wollten 2014 1,75 Millionen Besucher sehen. Die Aras Blu und Jewel, die sich im ersten Teil verliebt haben, leben nun mit ihrem Nachwuchs in Rio de Janeiro - auch Brasilien und die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 spielen eine Rolle. Am 3. April startete der Familienfilm in den deutschen Lichtspielhäusern. Quelle: Screenshot
Platz 6: "Guardians of the Galaxy"Zoe Saldana, der animierte Waschbär Rocket Racoon, Chris Pratt, der animierte Charakter Groot und Dave Bautista in einer Szene von "Guardians of the Galaxy." Das Science-Fiction-Epos ist eine Verfilmung des gleichnamigen Marvel-Comics. James Gunn führte Regie, der Film startete am 28. August in Deutschland. Quelle: AP
Platz 5: "Vaterfreuden"Die romantische Komödie von und mit Matthias Schweighöfer basiert auf dem Buch "Frettsack" von Murmel Clausen. 2,3 Millionen Besucher wollten sehen, wie Schweighöfer den Single Felix spielt, der von einem bissigen Frettchen entmannt wird und trotzdem noch die große Liebe findet. Quelle: Screenshot
Platz 4: "The Wolf of Wall Street"Leonardo DiCaprio lockte als geldgieriger, skrupelloser Börsenhai Jordan Belfort 2,4 Millionen Besucher in die Kinos. Der Streifen von Martin Scorcese lief in Deutschland am 16. Januar 2014 an. Quelle: AP

Die Auswahl der Nominierten ist zu weiß, zu männlich – zu gestrig. Als die Academy of Motion Picture Arts and Science Mitte Januar die Anwärter für die Oscars bekannt gab, bemängelten Filmkritiker die Entscheidung der rund 7000 Mitglieder. Laut einer Studie der „Los Angeles Times“ aus dem Jahr 2012 bestand diese Gruppe zu 94 Prozent aus weißen Mitgliedern. Die große Mehrheit ist männlich.

Filme wie das Bürgerrechtsdrama „Selma“ sind zwar nominiert – die Regisseurin Ava DuVernay und der Hauptdarsteller David Oyelowo hingegen sind es nicht. DuVernay wäre als erste schwarze Regisseurin dabei gewesen. So aber wird bei der Gala am 22. Februar kaum die große Überraschung gefeiert.

Die Kinobranche in Zahlen

2014 gab der Branche ohnehin keinen Anlass für große Jubelpartys. „Das war ein ganz schlechtes Filmjahr,“ klagt Tim Richards, CEO von Vue Entertainment, ein Unternehmen, das weltweit rund 1730 Kinoleinwände betreibt – darunter auch die deutsche Cinemaxx-Kette.

In den USA sanken die Besucherzahlen auf den niedrigsten Wert seit 1995. In Deutschland wurden 2014 vier Prozent weniger Tickets als im Vorjahr gelöst. Die Rückgänge werden zum Teil durch gestiegene Preise aufgefangen. Doch das bringt weitere Probleme. „Früher konnten sich Leute auch in Krisenzeiten den Kinobesuch leisten, das ist nicht mehr der Fall“, so Produzent Mike Medavoy, der zuletzt mit „Black Swan“ für einen Oscar nominiert war.

Doch die Zukunft der Filmbranche liegt ohnehin nicht im Kinosaal, sondern im Wohnzimmer. Der Bezahl-TV-Sender HBO des TimeWarner-Konzerns, der mit Serien wie „Game of Thrones“ punktet, verbuchte 2013 einen Gewinn von 1,8 Milliarden US-Dollar bei einem Umsatz von fünf Milliarden.

Das Filmstudio Warner Bros., eine Konzernschwester, erzielte hingegen einen Gewinn von 1,3 Milliarden US-Dollar – bei 12,3 Milliarden Umsatz. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassisches Fernsehen, sondern in Zukunft auch um das Online-Streaming von Filmen.

Das Unternehmen Netflix, das eigene Serien wie „House of Cards“ produziert, verzeichnete 2013 einen Umsatzsprung um 21 Prozent auf 4,37 Milliarden Dollar. In den USA verfügt es über 31,7 Millionen bezahlende Abonnenten – schon mehr als HBO.

Die wichtigsten Anbieter im Online-Fernsehen

Hollywood erkennt die Zeichen der Zeit. Star-Komiker Adam Sandler schloss in diesem Sommer mit Netflix einen Vertrag über vier Filme, die nur per Internet verfügbar sein werden. Ähnliches gilt für die Fortsetzung des Kampfsport-Epos „Tiger & Dragon“, die parallel online via Netflix und in ausgewählten Kinos anlaufen wird.

Das Kino als Ort des gemeinsamen Schauens wollen Regisseure wie Ridley Scott („Exodus“) dennoch retten: „Ich hoffe, dass sich das Kinoerlebnis nie ändert. Wenn das verschwinden sollte, wäre es eine Tragödie. Die Leute sollen ihre eigenen vier Wände verlassen, denn selbst der größte Fernseher kann nicht die gleiche Erfahrung bieten.“ Nach der gleichen Logik dreht Quentin Tarantino seinen neuen Film „The Hateful Eight“ auf dem epischen 70- mm-Breitwandformat, um so ein „Ereignis“ zu schaffen.

Kinos rüsten zur Erlebnisgarantie auf

Tim Richards, CEO des Filmverleihers Vue, erkennt deswegen im Online-Streaming keine Gefahr: „Home Entertainment ist nichts Neues, nur die Formen verändern sich, das Kino als solches dagegen bleibt im Grunde gleich. Die Kreativen der Branche produzieren ihre Filme für die Präsentation auf der Leinwand, nicht auf dem iPad.“ Als Beleg dafür sieht er die Planung der großen Studios, die die Starttermine ihrer großen Spektakel bis zum Jahr 2020 festgelegt haben: „So ein Commitment hat es noch nie zuvor gegeben.“

Die wichtigsten Anbieter von Online-Fernsehen
NetflixAngeboten von: Netflix Streamingkosten pro Jahr: 95,88 - 107,88 Euro Euro Stärke: Viele exklusive Filme und Serien, bewährte Technik, starke Kooperationspartner Schwäche: Wenig aktuelle Filme, anfangs relativ kleines Angebot Wichtigste Serien: House of Cards, Orange Is The New Black, Hamlock Grove Quelle: Unternehmen Quelle: Screenshot
EntertainAngeboten von: Deutsche Telekom Streamingkosten pro Jahr: 359,40 Euro Euro (inklusive Telefon- und Internetanschluss) Stärke: Auch über Satellit nutzbar, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar Schwäche: Nur im Paket mit Telefon und Internet, lange Vertragsbindung Wichtigste Serien: Sherlock, The Mentalist, How I Met Your Mother Quelle: Screenshot
Prime Instant VideoAngeboten von: Amazon Streamingkosten pro Jahr: 49 Euro Euro Stärke: Exklusive Filme und Serien, Gratislieferung von Amazon-Bestellungen, auf Kindle-Fire ohne online-Verbindung nutzbar Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles Wichtigste Serien: 24, Vikings, Californication, Crossbones, Ally McBeal, Alpha House, Beats Quelle: Screenshot
iTunesAngeboten von: Apple Streamingkosten pro Jahr: Bezahlung pro Download Stärke: Sehr breites Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kauf ab 99 Cent Schwäche: Nur Kauf und Miete Wichtigste Serien: True detective, Sleepy Hollow, The Strain, Downtown Abbey Quelle: Screenshot
MaxdomeAngeboten von: ProSieben-Sat.1 Streamingkosten pro Jahr: 49 Euro Stärke: Großes Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung, Kaufvideos, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar Schwäche: Aktuelle Filme und Serien nur Zuzahlung Wichtigste Serien: Under The Dome, Hannibal, Sons Of Anarchy, Bitten, Hawaii-Five-0 Quelle: Screenshot
Sky SnapAngeboten von: Sky Streamingkosten pro Jahr: 47,88 Euro Stärke: Niedriger Preis, Auch Originalfassungen, gegen Aufpreis teilweise ohne Internet-Verbindung nutzbar Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles, nur zu einem Sky-Abo zubuchbar Wichtigste Serien: Game of Thrones, Alcatraz, Die Sopranos, The Walking Dead Quelle: Screenshot
WatcheverAngeboten von: Vivendi Streamingkosten pro Jahr: 107,88 Euro Stärke: Teilweise ohne Internet-Verbindung nutzbar Schwäche: Begrenztes Angebot, wenig Aktuelles Wichtigste Serien: Mad Men, The Wire, Lilyhammer, The Mentalist, Torchwood Quelle: Screenshot

Die Kinobranche tut das Ihrige. Die Säle werden aufgerüstet – mit größeren Leinwänden, neuer Soundtechnik und besseren Stühlen. Laserprojektion soll für noch leuchtendere Bilder sorgen. Auch die Kinobetreiber setzen die Erkenntnis um, dass der Abend vor der Leinwand ein Erlebnis bieten muss.

Kinos wie die vier Astor-Lounges von Cinemaxx-Gründer Hans-Joachim Flebbe in Berlin, Köln, Frankfurt und München setzen mit Getränkeservice am Platz und Übertragungen von Konzerten der Berliner Philharmoniker darauf, einen Ort der Kultur zu bieten. Andere Kinos, wie der Cottbuser Weltspiegel, der 100 Jahre nach Gründung aufwendig restauriert wurde, verströmen allein dank Architektur und der detailreichen Innenausstattung ein einzigartiges Flair.

Eine Infrastruktur mit Technik lohnt sich jedoch nur für die Blockbuster, die binnen Wochen Millionen von Menschen ins Kino locken. Gepaart mit der langfristigen Planung der Studios, droht so auf der Leinwand eine inhaltliche Monokultur zu entstehen. Die Studios setzen derzeit auf Superhelden, die ihre Wiege in den Comics von „Spiderman“ bis „Captain America“ haben.

Warner Bros. kündigte für die nächsten fünf Jahre zehn solcher Vehikel an, Konkurrent Marvel bringt bis 2019 elf Verfilmungen in die Kinos. Künftig kämpfen bizarre Heroen wie Black Panther, The Flash, Dr. Strange, Aquaman oder Captain Marvel im Dutzend auf der Leinwand gegen das Böse – nicht zu vergessen die schon marktbewährten Kämpen Batman, Iron Man oder Thor. Während der auf Basis der Comic-Abenteuer von „Captain America“ basierende Film „The Return of the first Avenger“ 2014 gezeigt wurde, drehte das Team schon Folge zwei, der dritte Teil wurde für 2016 angekündigt.

Diese Ausschlachtung eines Genres stößt bei manchen Beteiligten auf Besorgnis. „Firmen wie Disney kaufen eine Marke wie Marvel auf, damit sie sichere Hits haben“, sagt Regisseur Roland Emmerich. „Kaum noch jemand lässt sich etwas Neues einfallen, wie ich das manchmal tue. Man fragt sich: Ist das der Grund, weshalb die Leute nicht mehr so oft wie früher ins Kino gehen? In erster Linie werden nur noch die Fans bedient.“

Ideenschmiede Internet

Doch gehört das bisherige Modell des Kinos deswegen tatsächlich „in den Abfall“, wie es der CEO des digitalen Filmlieferanten Cinedigm, Chris McGurk, fordert? Mike Medavoy, der als Studiochef zahllose Klassiker wie „Apocalypse Now“ verantwortete, gibt sich kämpferisch: „Mache Filme, die deiner Meinung nach die Zuschauer emotional ansprechen. All die äußeren Bedingungen sollten nichts an deiner Überzeugung ändern.“

Dass das klappen kann, belegen Filme wie Angelina Jolies Kriegsdrama „Unbroken“, das beispielsweise schon nach wenigen Wochen bei einem Einspielergebnis von 140 Millionen US-Dollar liegt. Einer der großen Hits des letzten Jahres war der Thriller „Gone Girl“, der weltweit über 360 Millionen US-Dollar einspielte.

Dessen Produzent und Finanzier Arnon Milchan hat ein klares Rezept: „Wir setzen auf Qualität, und das heißt auf gute Filmemacher, die außerhalb der Norm denken.“ Milchans Laufbahn liefert dafür zahlreiche Beispiele – ob „Pretty Woman“, „JFK“ oder „LA Confidential“. Auch der diesjährige Oscar-Favorit „Birdman“ stammt aus seinem Unternehmen.

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Wie man einen relevanten Film kreiert, der sowohl bei Preisrichtern als auch beim Publikum abräumt, das bewies vor über 20 Jahren Kevin Costner mit „Der mit dem Wolf tanzt“. Milchan hält auch heute noch so eine Produktion für möglich: „Du musst nur etwas verrückt sein. Du liest einen Stoff, den du um jeden Preis mit den Zuschauern teilen möchtest. So ging es mir damals.“

Ausgerechnet das Internet ist für Filmemacher wie Milchan eigentlich eine herausragende Spielwiese und die Konkurrenz zum Film, bei Licht betrachtet, gar keine. Das sieht selbst Chris McGurk so: „Für Formate im Netz musst du nicht so viel Geld ausgeben. So kann jeder kreative Kopf mit geringer Investition eine ganz neue Welt schaffen, die dann ins Kino übertragen wird.“

Die virtuellen Plattformen würden zur Forschungs- und Entwicklungsabteilung einer ganzen Branche. Wenn sich ein innovatives Format im Fernsehen oder Netz bewährt, bekäme es auch seine Chance auf der großen Leinwand. Und dann auch wieder bei den Oscars, mit der die Academy zeigen könnte, dass ihr die ganze Bandbreite des Films am Herzen liegt.

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