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Finanz-Riese Großkonzern Kirche

Zu Weihnachten – dem zweithöchsten Fest des Kirchenjahres – bekommen die Kirchen wieder mehr Aufmerksamkeit. Aber sie haben Sorgen: Immer mehr Christen kehren ihnen den Rücken. Wirtschaftlich jedoch läuft es. Die Kirche ist ein Finanz-Riese.

Die Kirche ist der zweitgrößte Arbeitgeber Deutschlands. Quelle: dpa/dpaweb

Die Kirche ist längst mehr als eine bloße Glaubensgemeinschaft, sie ist ein Weltkonzern. Die Zahlen können sich sehen lassen: Über 50.000 Unternehmen gehören zur Institution Kirche. Sie alle gemeinsam sollen mit geschätzten 82 Milliarden Euro einen höheren Umsatz erwirtschaften als etwa der Elektronikkonzern Siemens mit 75,9 Milliarden Euro.

Insgesamt arbeiten etwa 1,2 Millionen Menschen bei kirchlichen Trägern. Damit sind Deutschlands Kirchen zweitgrößter Arbeitgeber nach dem Staat. Zum Vergleich: Die Liste der größten deutschen Arbeitgeber in der Privatwirtschaft führt die Deutsche Post mit gerade einmal 470.000 Mitarbeitern an.

Was die Kirchen leisten
Was die Kirchen leistenEin junges katholisches Paar (beide 35 Jahre) zahlt Kirchensteuer. Sie planen ihre Hochzeit. In drei Jahren wollen sie ihr erstes Kind bekommen, zwei Jahre später das zweite. Der Mann verdient 45.000 Euro, die Frau 40.000 Euro. Ihr Gehalt steigt um zwei Prozent pro Jahr. Insgesamt zahlen sie bis an ihr Lebensende 70 861 Euro Kirchensteuer. Die Rechnung geht davon aus, dass die aktuellen Steuerregeln dauerhaft gelten und im Ruhestand keine Kirchensteuer anfällt. Gesamtkosten Steuer:70 861 Euro Quelle: AP
Als erstes planen die beiden ihre Hochzeit. Sie führen ein mehrstündiges Gespräch mit dem Pfarrer, der bei der Trauung eine persönliche Predigt hält. Der Organist spielt ihre Musik. Nach einer Umfrage der WirtschaftsWoche unter fünf freien Theologen und Festrednern aus dem ganzen Bundesgebiet hätten diese für eine alternative Hochzeit inklusive Vorbereitung im Durchschnitt 730  Euro berechnet. Mit der Miete von Kirche oder Saal und Musik hätte das Paar für die alternative Feier 1000 Euro gezahlt. Ihr Glück: Der Treueschwur hält. Die Hochzeitskosten wären also nur einmal im Leben angefallen. Leistung: 1000 Euro Quelle: dpa
Wenige Jahre später lassen die beiden ihre Kinder taufen. Auch die Taufe findet in der Ortskirche statt. Für alternative Willkommensfeiern hätten die freien Theologen und Festredner durchschnittlich 368 Euro genommen. Findet die Feier zum Beispiel im Garten statt und wird nur ein Musiker engagiert, müssten sie für eine solche Feier 500 Euro einplanen. Bei zwei Kindern sind die Taufen also 1000 Euro wert. Leistung: 1000 Euro Quelle: dapd
An Weihnachten lieben die Kinder das Krippenspiel. Zwar fragt der Pfarrer nicht nach der Mitgliedschaft, aber für die Familie ist das Ehrensache. Würden sie stattdessen in die Oper gehen, zum Beispiel in Hänsel und Gretel, würde das die Familie jedes Jahr 50 Euro kosten. In den ersten zehn Jahren mit kleinen Kindern sparen sie also 500 Euro.  Leistung: 500 Euro Quelle: dpa
Dank des kurzen Drahts zum Pfarrer bekommt das Paar für die Kinder einen Platz im kirchlichen Kindergarten. Die Gebühren gleichen aber denen eines städtischen Kindergartens, das Paar hat einen Vorteil, spart aber kein Geld. Leistung: 0 Euro Quelle: dpa
Später schicken die Eltern ihre Kinder auf ein kirchliches Gymnasium, der Schulplatz ist ihnen sicher. Eine freie Privatschule würde 400 Euro im Monat kosten, bei der kirchlichen fallen nur 80 Euro an. Zwar können Eltern die Kosten zu 30 Prozent von der Steuer absetzen. Bei zwei Kindern und acht Jahren Schulzeit sparen sie netto trotzdem rund 56.947 Euro. Leistung: 56.947 Euro Quelle: dapd
Die Kinder entscheiden sich für eine Firmung oder Konfirmation. Als Fest der persönlichen Reife entscheiden sich viele nicht gläubige Jugendliche für ein alternatives Ritual. Vor allem in Ostdeutschland ist die Jugendweihe bekannt. Pro Kind fallen dafür etwa 100 Euro an, bei zwei Kindern also 200 Euro. Leistung: 200 Euro Quelle: dpa

Die eigentliche Arbeitskraft des Kirchenkonzerns ist dabei noch viel stärker: Zu den Hauptamtlichen kommen allein in der katholischen Kirche nach Schätzungen mindestens 600.000 Ehrenamtliche hinzu. Angestellte bei der Kirche haben dabei nicht zwangsweise einen religiösen Hintergrund und arbeiten zudem in allen vorstellbaren Sparten: Der Konzern Kirche deckt mit seinen tausenden Unternehmen zahlreiche Bereiche ab: Bildung, Alten- und Krankenpflege sowie Lebenshilfe aber in gewisser Form auch Tourismus, Medizin, Finanz- und Verlagswesen. Mehr bietet kaum ein Konzern in Deutschland.

Im Bereich der Bildung ist nur der Staat größer: Mehr als 1100 Schulen sind unter der Trägerschaft der evangelischen Kirchen. Bei den Katholiken sind es etwa 900. Zudem besuchen rund 600.000 Kindergartenkinder eine der über 9400 Einrichtungen der deutschen Bistümer. Lehrkräfte und Erzieher stammen dabei immer seltener aus Ordensgemeinschaften, sind aber dennoch Angestellte der Kirchen.

Elf Banken, 70 Hotels

Wer beim Weltbild-Verlag seine Bücher kauft, spült ebenfalls Geld in die Kassen der Kirche. Quelle: dapd

Beinahe jedes dritte Krankenhaus in Deutschland - insgesamt etwa 700 - sind zudem in der Trägerschaft einer Kirche. Hinzu kommen noch 51.000 Einrichtungen wie Senioren-, Behinderten- und Jugendheime. Allein die katholische Kirche betreut hier jährlich rund 9,7 Millionen Menschen.

Auch im Finanzsektor ist die Kirche aktiv: Insgesamt elf Banken, die sich den Kirchen untergliedern, wie die Evangelische Kreditgenossenschaft oder die katholische Pax-Bank gehören dazu. So hat etwa die "Bank im Bistum Essen" im Jahr 2010 Kundeneinlagen in Höhe von 3,46 Milliarden Euro verbucht.

Wer beim Weltbild-Verlag seine Bücher kauft, spült ebenfalls Geld in die Kassen der Kirche, denn Gesellschafter der Verlagsgruppe Weltbild sind zwölf katholische deutsche Diözesen, sowie der Verband der Diözesen Deutschlands und die Soldatenseelsorge Berlin. Auch wenn es in letzter Zeit Unstimmigkeiten gab, weil der Verlag mit erotischer Literatur Bücher verkaufte, die den Moralvorstellungen der Gesellschafter nicht entsprach, wirtschaftet dieses Unternehmen weiterhin für die kirchlichen Organisationen. Nach dem Wirbel um die Erotik-Titel im Weltbild-Angebot stellte das Unternehmen neue Weichen: Der bisherige Weltbild-Vorsitzende Klaus Donaubauer trat in Folge der wochenlangen Diskussionen zurück. Nun folgte ihm nach Beendigung der Auseinandersetzung der Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Peter Beer, auf diese Position.

Kirchensteuer, Zuschüsse und Spenden

Zudem bedient der Großkonzern Kirche mit 70 Hotels und 160 Kolpinghäuser, sowie Übernachtungsmöglichkeiten in Klöstern die Sparte Touristik.  Im Vergleich: Die Maritim Hotelgesellschaft, die zu den größten Hotelketten Deutschlands zählt, besitzt in Deutschland gerade einmal 37 Hotels.

Aber nicht nur die Einnahmen, auch die Ausgaben der Kirchen sind immens: Rund 130 Millionen Euro beträgt das Gesamtvolumen der Haushaltsausgaben - allein bei den Katholiken. Bei der Evangelischen Kirche liegt es bei rund 108 Millionen Euro. Auf der anderen Seite stehen aber Milliardenbeträge: Allein der Staat unterstützt den "Konzern Kirche" (im Bereich von sozialen Einrichtungen und ähnlichen Bereichen des Gemeinwohls) mit 4,9 Milliarden Euro. Weitere Einnahmequellen: Kirchensteuer, Zuschüsse und Spenden.

Exodus der Mitglieder reißt ein Loch in die Kassen

Die große Austrittswelle von 2000 bis 2005 bescherte allein der Evangelischen Kirche finanzielle Einbußen von rund 600 Millionen Euro. Quelle: dpa

Die Kirchensteuer macht etwa 40 Prozent der gesamten Einnahmen aus. Die Summen, die aus den Dienstleistungen hinzu kommen, liegen bei der Evangelischen Kirche bei rund 20 Prozent.

Trotz großer Beteiligung in sämtlichen Bereichen ist hier wohl das Manko des Finanz-Riesens Kirche zu finden: Ohne die steuerlichen Zahlungen der 50,7 Millionen Mitglieder in Deutschland würde beinahe die Hälfte der Einnahmen weg brechen.

So brachte die große Austrittswelle 2000 bis 2005 allein der Evangelischen Kirche finanzielle Einbußen von rund 600 Millionen Euro und die katholische Kirche verlor allein 2010 mehr als 181.000 Mitglieder – die höchste Zahl seit 1992.

Erfahrungsgemäß sieht dies an Weihnachten immer etwas besser aus:  Die Evangelische Kirche etwa zählt am Heiligabend rund 30 Prozent mehr Gottesdienstbesucher als an den sonstigen Sonntagen im Jahr und auch in den katholischen Kirchen  drängen sich am 24. Dezember die Besucher zwischen die Bänke. 

Deshalb schlägt Pastoren, Pfarrern und Bischöfen an den Weihnachtstagen das Herz  wieder höher, wenn die Kirchenbänke gut gefüllt sind, aber den allgemeinen Trend ändert das nicht. Doch eines ist klar: Auch wenn die Austritte für den Konzern Kirche bitter sind - denn es fehlen letztlich nicht nur die Gläubigen, sondern auch das Geld – wird das den Finanz-Riesen nicht so stark erschüttern. Die Geldmaschine hinter der Glaubensgemeinschaft läuft weiter.

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