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FlixMobility gegen BlaBlaCar Die Verdrängungs-Strategie

Auge um Auge: BlaBlaCar will bei Fernbussen mitverdienen – nun steigt FlixMobility in das Geschäft der Mitfahrgelegenheiten ein. Quelle: imago images

FlixMobility steigt in das Geschäft mit Mitfahrgelegenheiten ein – und will daran nichts verdienen. Das ist ein Frontalangriff auf den französischen Wettbewerber BlaBlaCar. Das Kalkül: Marktmacht zementieren.

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Der Satz ist kurz, abstrakt und wirkt harmlos. In einer Pressemitteilung verkündet FlixMobility Mitte Juli lapidar: „Außerdem wird das Geld der Investoren genutzt, um FlixCar zu starten, eine Ridesharing-Plattform, die das existierende Netzwerk von FlixBus und FlixTrain ergänzen wird“. Mehr ist über das neue Angebot nicht zu erfahren. Im Vordergrund der Pressemitteilung stand ohnehin die neue Finanzierungsrunde mit weiteren Investoren.

Doch der scheinbar harmlose Satz birgt eine Menge Sprengkraft. Flixmobility, die Mutter der Marken FlixBus und FlixTrain, bereitet einen Angriff auf den französischen Konkurrenten BlaBlaCar vor – mit weitreichenden Folgen für den deutschen und europäischen Mobilitätsmarkt.

BlaBlaCar agiert als Mitfahrzentrale in mehr als 20 europäischen Ländern und gilt als Marktführer der unter Studenten beliebten Fahrgemeinschaften. Die Plattform bringt Reisende mit und ohne Auto zusammen, die ein gleiches Ziel anpeilen und sich die Fahrtkosten teilen wollen. Das Geschäft wächst. BlaBlaCar macht nach eigenen Angaben rund 500 Millionen Euro Umsatz weltweit. Die Plattform erhält eine Provision für die vermittelten Mitfahrgelegenheiten.

Genau darauf hat es FlixMobility nun abgesehen. Das Unternehmen will die Marke FlixCar im kommenden Jahr auf den Markt bringen, „als kostenloses Angebot“, sagt FlixMobility-Chef André Schwämmlein der WirtschaftsWoche. Nutzer sollen über die Plattform der Münchener dann nicht nur wie gehabt Züge und Fernbusse buchen können, sondern auch Mitfahrgelegenheiten. Der Nutzer würde sich dann aber nur die Fahrtkosten mit dem Hauptfahrer teilen. Eine Provision verlangt FlixCar nicht. „Es gibt keine versteckten Kosten“, so Schwämmlein.

Das Kalkül dahinter ist so simpel wie offensiv: FlixMobility will seine Marktmacht zementieren. BlaBlaCar mit Sitz in Paris bietet in Deutschland und Frankreich nicht nur Mitfahrgelegenheiten an, sondern seit 2018 auch Fernbusse. Weitere Länder sollen bald erschlossen werden. Das Monopol von FlixBus der Münchener in Deutschland und die starke Marktposition im Fernbusgeschäft in ganz Europa könnte also ins Wanken geraten, sollten die Franzosen stark wachsen. Mit der Gegenoffensive will sich FlixBus nun einen unangenehmen Konkurrenten vom Hals halten. Und zwar dauerhaft.

Das Geschäft mit Mitfahrgelegenheiten beherrschen weitestgehend die Franzosen, die inzwischen in 22 Ländern und seit 2013 auch in Deutschland agieren. BlaBlaCar-Deutschlandchef Christian Rahn sieht das Geschäft inzwischen an „der Schwelle zur Profitabilität“.

Gleichzeitig scheint die Bindungskraft der Nutzer brüchig zu sein. So berichten Nutzer im Internet, dass sie ihre Kontakte aus Mitfahrgelegenheiten anschließend auf eigene Faust kontaktieren – und so die Plattform umgehen, um Provision zu sparen. Die lag im vergangenen Jahr geschätzt bei zwei Euro pro Fahrt. BlaBlaCar hat deshalb in diesem Jahr das Gebührenmodell geändert.

Seit Frühjahr 2019 verkauft BlaBlaCar Nutzungspakete, also quasi Abos, die ein Nutzer erwerben muss, bevor er eine Mitfahrgelegenheit buchen kann. Für 2,99 Euro kann er dann eine Woche lang so viele Fahrten buchen wie er will – auch jene, die weit in der Zukunft liegen. Für 5,99 Euro gilt die Mitgliedschaft einen Monat lang. Mehr als sechs Millionen Mitglieder sind bei BlaBlaCar in Deutschland registriert. Man erreiche mehr als 75.000 Orte in Deutschland, unterstreicht Manager Rahn. „Es gibt kein anderes Netz, das so granular ist.“

Mit FlixCar setzt nun aber ein mächtiger Konkurrent der Franzosen auf eine Verdrängungsstrategie. Das Unternehmen aus München will Mitfahrgelegenheiten ohne Provision vermitteln und könnte so einen aggressiven Preiskampf in Gang setzen, der BlaBlaCar im wahrsten Sinne die Geschäftsgrundlage entzieht. Eine bewusste Entscheidung der Münchener? „Was FlixCar für andere Unternehmen bedeutet, hat für mich keine Priorität“, sagt Flix-Chef Schwämmlein. Man denke nur „aus Sicht des Kunden – und der profitiert hier von mehr Angebot.“

BlaBlaCar-Manager Rahn sieht die bayerischen Spitzen gegen sein Geschäftsmodell noch gelassen. Man sei „gut gewappnet für die direkte Auseinandersetzung“, sagt er. BlaBlaCar habe sich über die Jahre gegen starke Wettbewerber durchgesetzt, weil es eine schlanke, werbefreie und nutzerfreundliche Plattform biete, die günstige und bequeme Mobilität vermittelt. Außerdem habe das Unternehmen mit BlaBlaBus selbst Fernbusse im Angebot.

Die Franzosen haben 2018 das Fernbusgeschäft der französischen Staatsbahn SNCF übernommen. Damit ist dem Management auf jeden Fall ein Überraschungscoup gelungen. Zu den Investoren bei dem 2006 gegründeten Start-up gehört unter anderem Accel, der zuvor bereits in Firmen wie Facebook, Spotify oder Dropbox investiert hatte. Nun fährt BlaBlaBus 25 Destinationen in Deutschland an. „Bis Ende dieses Jahres wollen wir 40 Ziele anbieten“, sagt Rahn. Auf diesen Hauptachsen spiele sich 80 Prozent des Fernbusverkehrs ab.

Das dürfte vielleicht auch der wichtigste Grund sein, warum FlixMobility mit FlixCar in die Offensive geht. Die Deutschen haben den Heimatmarkt inzwischen so erfolgreich besetzt, dass sie das Geschäft im deutschsprachigen Raum inzwischen operativ profitabel betreiben. Ein neuer Angreifer kommt da ungelegen. Der komfortable Marktanteil von mehr als 90 Prozent gerät in Gefahr.

Die Münchener können sich das forsche Vorgehen erlauben. Das Unternehmen hat in einer letzten Finanzierungsrunde gerade eine halbe Milliarde Euro eingesammelt. Die Investoren TCV und Permira sind neu dazugekommen. Sie sehen das Unternehmen inzwischen als große Nummer in der Welt. Bei dem bestehenden Investor HV Holtzbrinck Ventures rückt man das jahrelange Engagement bereits in die Nähe eines „Mega-Jackpots“. Künftig plant FlixMobility die Expansion nach Südamerika und Asien. Dort, wo FlixBus und FlixTrain unterwegs ist, soll in Zukunft auch FlixCar an den Start gehen.

Selbst von dem Kostenlos-Angebot FlixCar glauben die Münchener profitieren zu können. „Wir werden vielleicht ein paar zahlende Fernbus-Kunden an unser kostenloses FlixCar-Angebot verlieren“, sagt Schwämmlein. „Gleichzeitig holen wir auch Freunde von Mitfahrgelegenheiten in unser Fernbus-Netzwerk, weil sie plötzlich erkennen, dass unsere Fernbusse preiswerte und zeitlich attraktive Alternativen sind.“

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