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Flixmobility kauft legendäre US-Marke Die drei Risiken der Greyhound-Übernahme

Die Greyhound-Busse sind legendär - und spielen auch in vielen Filmen eine Rolle. Hier:

Der deutsche Fernbusanbieter Flixmobility kauft das Unternehmen Greyhound – und wird zur Nummer eins im US-Markt. Die Übernahme ist gewagt, denn die Flixbus-Mutter verabschiedet sich damit von bisherigen Überzeugungen.

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Flixmobility hat es wieder getan. Das Unternehmen aus München, gegründet 2011 als Fernbusanbieter, kauft in den USA zu. Dieses Mal übernimmt Flixmobility aber nicht irgendeine Firma, sondern die Ikone der Freiheit. Wie kaum ein anderes Unternehmen steht Greyhound Lines für Aufbruch, Fortschritt und Abenteuer ganzer Generationen in den USA – ein Symbol der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Für umgerechnet rund 148 Millionen Euro übernimmt das Münchner Unternehmen, das in Deutschland vor allem für seine Marken Flixbus und Flixtrain bekannt ist, 2400 Ziele in den USA, wie beide Seiten am Donnerstagmorgen mitteilten. „Gemeinsam werden Flixbus und Greyhound der gestiegenen Nachfrage nach umweltfreundlicher Mobilität in den USA Rechnung tragen“, sagt Flixmobility-Mitgründer André Schwämmlein.

Der Kauf in den USA folgt der Logik einer expansiven Strategie wie in der jüngeren Vergangenheit. Flixmobility fusionierte einst mit dem Wettbewerber MeinFernbus, übernahm das Postbus-Geschäft, verstärkte sich in anderen europäischen Ländern mit Zukäufen. Und dennoch ist jetzt einiges anders. Flixmobility kauft sich nicht nur eine strahlende Marke ein, sondern auch Risiken. 

Risiko 1: „Asset heavy“ statt „asset light“ 

Der Erfolg von Flixbus beruht auf seinem unverwechselbaren Geschäftsmodell. Flixbus betreibt selbst keine Busse, sondern überlässt den Fuhrpark seinen Subunternehmen. Meist mittelständische Betriebe kaufen die Fernbusse ein, warten sie und stellen das Fahrpersonal. Flixbus selbst organisiert den Fahrplan, macht Marketing und verkauft Tickets – stellt also die technische Plattform. Damit teilt sich Flixbus zwar die Einnahmen mit den Busunternehmern, aber gleichzeitig auch die Risiken.

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    Gerade in der Pandemie zeigten sich die Vorteile dieses Modells. Die Busunternehmer mussten den Fahrbetrieb einstellen und gleichzeitig weiterhin die monatlichen Leasingkosten für die Busse bezahlen. Zwar kamen die Bushersteller einigen Unternehmen entgegen und auch Flixmobility soll einige Partner unterstützt haben. Aber im Grundsatz lagert das Geschäftsmodell von Flixbus einen Großteil der Risiken aus. 

    Bei dem Greyhound-Deal kauft Flixbus nun offenbar nicht nur die Marke, sondern auch 1300 Busse. Damit holt sich Flixbus Kapital in die Bilanz – aus „asset light“ wird „asset heavy“. Bislang hat Flixbus kaum Erfahrung mit der Wartung und dem Betrieb von Bussen – und diese Strategie für sich auch an sich immer abgelehnt. 

    Risiko 2: Quengelnde Investoren 

    Flixmobility ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, nicht nur für das Gründer-Trio, sondern auch für die Investoren. Zu den Geldgebern zählen etwa die US-Investoren General Atlantic und Silver Lake, aber auch deutsche Finanzierer wie HV Holtzbrinck Ventures und Daimler Mobility. Die Gesellschafter hatten bislang große Freude an der weltweiten Expansion von Flixbus und der stetig steigenden Bewertung ihrer Anteile. Der Grund: die Asset-light-Strategie. 

    Denn dadurch konnte das Unternehmen das Geschäftsmodell problemlos auf andere Märkte übertragen, im Fachjargon: Das Geschäftsmodell wurde skaliert. Einfach gesprochen musste Flixbus nur ein paar Buspartner mit Fahrzeugen und Personal finden und dann die eigene Webseite für den Ticketverkauf in dem jeweiligen Land freischalten. Investoren lieben solche Plattformmodelle, die wenig Kapital binden, aber schnell zu internationalisieren sind. 

    Das ändert sich nun fundamental. Es dürfte wohl auch innerhalb der Investorengemeinschaft lebhafte Debatten darüber gegeben haben, ob die Strategie aufgehen wird. Die Alternative wäre Wachstum aus eigenen Kräften gewesen. Bislang lief dieses Modell sehr gut. Greyhound kann nun als strategischer Wendepunkt gesehen werden. Gut möglich, dass Flixbus versuchen wird, die Busse im Laufe der nächsten Jahre an neue Gesellschaften auszulagern, um so wieder in ein Asset-light-Modell zu gleiten. 

    Risiko 3: Die Zwei-Marken-Strategie

    Eine Stärke von Flixbus war bislang die Marke. Das Unternehmen hat sich auch deshalb zur Nummer eins in Europa aufgeschwungen, weil es rechtzeitig groß und renommiert genug wurde, um Kunden von sich aus auf die Webseite zu lotsen. In der ökonomischen Fachliteratur könnte Flixbus als Lehrbeispiel für kluges Marketing herhalten. Wer etwa ein Fernbusticket in Deutschland kaufen möchte, denkt wohl zu allererst an die grünen Busse von Flixbus. Damit gelingt es dem Unternehmen sogar auch, Tickets für Flixtrain zu verkaufen. Beobachter halten die Ziele im Zugbusiness für ambitioniert, aber machbar. Der Name „Flix“ zieht.

    Wie der Name Flixbus nun harmonisch zu einer Einheit mit Greyhound gebracht werden kann, bleibt fraglich. Im Moment bleibe alles beim Alten, beide Unternehmen arbeiteten getrennt voneinander, hieß es bei den Unternehmen. „Mit einer über 100-jährigen Geschichte wissen wir, wie wertvoll die Marke Greyhound ist und wir freuen uns darauf, in der Zukunft von der Erfahrung zu profitieren“, teilte Flixmobility mit. Aber das klingt nach einer dauerhaften Zwei-Marken-Strategie – und einem neuen Weg. 

    Den Risiken stehen natürlich auch einige Vorteile gegenüber. Flixbus ist bereits seit 2018 in den USA unterwegs. Zurzeit bedient es dort nach eigenen Angaben 195 Ziele. Greyhound wiederum gehörte seit 2007 zum britischen Transportkonzern Firstgroup. Die Briten wollen ihren Fokus auf öffentliche Verkehrsangebote in Großbritannien legen und verkaufen ihre Anteile nun an Flixmobility. Damit Flixbus quasi zwei Wettbewerber los: Greyhound und Firstgroup.

    Vor allem kauft sich Flixmobility in Amerika Marktanteile. Die Münchener werden so auf Anhieb zur Nummer eins in den USA. Greyhound transportierte zuletzt 16 Millionen Passagiere in 2400 Städte. Von April 2020 bis März 2021 lag der Umsatz bei 423 Millionen Dollar, der bereinigte operative Gewinn bei 1,8 Millionen – Gewinn trotz Corona.

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    Flixbus-USA-Chef Pierre Gourdain hatte im Juni angekündigt, Flixbus wolle in den USA bis 2023 das umfangreichste Netz anbieten – diese Hürde hat Flixbus nun auf einen Schlag genommen. Weltweit hatte Flixbus 2019 – vor dem Virus-Ausbruch – 62 Millionen Passagiere befördert. Die Pandemie hatte das Reisegeschäft zeitweise fast vollständig zum Erliegen gebracht.

    Außerdem ist der Preis für Greyhound vergleichsweise niedrig. Flixmobility zahlt zunächst rund 140 Millionen Dollar für Greyhound, 32 Millionen sollen in den nächsten 18 Monaten in Raten fließen. Der neue Eigentümer mietet die Immobilien von Greyhound, die bei FirstGroup bleiben. Die Staatszuschüsse von 108 Millionen Dollar, die Greyhound zum Ausgleich der pandemie-bedingten Verluste von der US-Regierung erhalten hat, bleiben bei Greyhound und kommen damit FlixMobility zugute. 

    Mehr zum Thema: Die Fernbusse kehren zurück auf die Straßen in Deutschland und weltweit. Flixmobility hat 650 Millionen Dollar eingesammelt und setzt für den Neustart auf langfristige Partnerschaften - und Künstliche Intelligenz.

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