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Fluggesellschaft Ryanair: Ein Rabauke wird erwachsen

Der Billigflugprimus schockt die Branche erneut mit einer Gewinnwarnung und einer Serviceoffensive. Doch die Geizlinie steckt keineswegs in einer Krise, sie wird nur ein normales Unternehmen.

Gewinnprognose kassiert: Werbefürchtet, Ryanair stecke in der Krise oder der Chef Michael O’Leary wäre – Gott bewahre – milde geworden, liegt gründlich daneben. Quelle: dpa

Für die Pessimisten der Flugbranche war es ein Wochenanfang nach Maß.  Europas größte Billiglinie Ryanair überraschte Anleger und Kunden mit der zweiten Gewinnwarnung in zwei Monaten und schickte die eigene Aktie und viele der Konkurrenzpapiere erneut auf eine Talfahrt mit einem deutlichen Kursverlust. Dabei hatte der Anteil an der Geizlinie seit dem Hoch im Sommer bereits rund 20 Prozent verloren.

Auf den ersten Blick wirkt das dramatisch. Die Geizlinie schaffte in der Hochsaison der vergangenen sechs Monate mit gut 600 Millionen Euro Gewinn nach Steuern immerhin eine in der Branche atemberaubende Umsatzrendite von 20 Prozent. Aber nun erwartet sie knapp 100 Millionen Verlust für den Rest des Geschäftsjahrs bis zum 31. März. Dazu verkündet die Linie ein Ende des Wachstums und vor guter einer Woche völlig überraschend Verbesserungen des teilweise rüpelhaft strengen Services. So können Passagiere ihren Sitzplatz reservieren und ein kleines zweites Handgepäck-Stück wie eine Duty-Free-Tüte mit an Bord nehmen ohne ihren Handkoffer teuer aufzugeben zu müssen.

Im Winter zehren Fluglinien vom Sommer-Speck

Doch wer nun befürchtet, Ryanair stecke in der Krise oder der Chef Michael O’Leary wäre – Gott bewahre – milde geworden, liegt gründlich daneben. Denn der Rabauke des Fluggeschäfts wird einfach nur allmählich eine etwas normalere Airline mit einem Geschäftsmodell, dass zumindest ein wenig mehr dem der anderen ähnelt.

Die größten Billigflieger Europas
Die von deutschen Flughäfen aus startenden Billigflieger sind nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) teurer geworden. Je nach Fluglinie lagen die Durchschnittspreise für einen einfachen Flug im vergangenen Herbst zwischen 70 und 140 Euro brutto, wie das Forschungsinstitut berichtete. Im vorangegangenen Sommer hätten sie noch bei 50 bis 130 Euro gelegen. Insgesamt nutzten im ersten Halbjahr 2014 der Studie zufolge knapp 31 Millionen Passagiere Angebote sogenannte Low Cost Carrier. Im Sommerflugplan 2014 bedienten sie insgesamt 722 Strecken in und ab Deutschland - ein Plus von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch verlief die Entwicklung regional sehr unterschiedlich. Die meisten Günstigflieger-Passagiere verzeichneten die Berliner Flughäfen. Auch die Airports Hamburg und Köln/Bonn konnten ihr Passagieraufkommen steigern. Starke Rückgänge gab es dagegen auf Regionalflughäfen wie Weeze oder Hahn, wo sich die gesunkene Präsenz von Ryanair bemerkbar machte. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz zehn: Air Baltic mit 25 FlugzeugenDie lettische Fluggesellschaft Air Baltic belegt mit 25 Flugzeugen, darunter fünf Boeing 737–500, acht Boeing 737–300 und zwölf Q-400 NextGen Platz zehn. Quelle: Presse
Platz neun: Aer Lingus mit 50 FlugzeugenMit 50 Flugzeugen liegt Air Lingus auf Rang neun. Zu der Flotte der irischen Fluggesellschaft zählen je drei Boeing 757-200, Airbus A330-200, Airbus A321-200, jeweils vier Airbus A319-100 und Airbus A330-300 und 33 Airbus A320-200. 2015 sollen außerdem neun Flugzeuge vom Typ Airbus A350-900 an die Fluglinie ausgeliefert werden. Quelle: dpa
Platz acht: Wizz Air mit 54 FlugzeugenDie ungarische Fluglinie Wizz Air hat ihr Streckennetz vor allem in Osteuropa. In Deutschland fliegt sie die Flughäfen in Dortmund, Frankfurt-Hahn, Köln/Bonn, Lübeck und Memmingen an. Wizz Air verfügt über eine junge Flotte mit Flugzeugen vom Typ Airbus 320. Alle 54 Flugzeuge werden von V-2500-Motoren von International Aero Engine betrieben. Quelle: dapd
Platz sieben: Jet2 mit 55 FlugzeugenDie britische Billig-Airline Jet2 gibt es erst seit 2002, trotzdem hat sie mit 55 Flugzeugen eine der größten Flotten unter den europäischen Billig-Airlines. Mit den 23 Boeing 737-300, einer Boeing 737-300F, sieben Boeing 737-300QC und jeweils zwölf Boeing 737-800 und Boeing 757-200 fliegt die Airline viele Urlaubsziele im Mittelmeer und außerdem New York City an. Quelle: Presse
Platz sechs: Germanwings mit 57 FlugzeugenGermanwings schafft es mit einer Flotte von 57 eigenen und 23 Eurowings-Flugzeugen auf Platz sechs unter den Top 10 der europäischen Billig-Airlines. Ab Frühjahr 2015 sollen 64 eigene Flugzeuge der Typen A319 und A320 sowie 23 durch Eurowings betriebene Regionalflugzeuge für Germanwings im Einsatz sein. Quelle: dpa/dpaweb
Platz fünf: Flybe mit 62 FlugzeugenDie britische Airline Flybe betreibt mit 45 Maschinen die größte Flotte an Bombadier DashQ8-400 Maschinen weltweit. Hinzu kommen noch elf Maschinen vom Typ Embraer 175 (vier weitere sind bestellt) sowie sechs Jets vom Typ 195. Flybe hat seinen Sitz in Southhampton und fliegt in Deutschland die Flughäfen in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Stuttgart an. Quelle: Presse

Das beginnt bei den Finanzen. Dass Fluglinien nur im Sommerhalbjahr von April bis September richtig Gewinn machen und im Rest nur mäßig verdienen ist normal, besonders wenn die Airline nur in Europa Kurzstrecken fliegt. Denn rund 80 Prozent aller Passagiere sind Touristen und die buchen im Winter bestenfalls mal einen Städtetrip, aber keinen Urlaub.  Also legen alle Airlines im Sommer ein Polster an, das sie dann über den Winter rettet.

Das Konzept haben die Iren lange gut versteckt. Denn die Linie lebte bisher nicht nur vom Fliegen, sondern fast noch mehr vom Flugzeughandel. Die Linie übernahm in jedem Frühjahr bis zu 40 neue Flieger und stieß im Herbst dann rund 30 ältere wieder ab. Weil die Iren als Großbesteller hohe Rabatte bekamen, wurden sie die Maschinen fast zum Einkaufspreis wieder los und flogen quasi ohne Finanzierungskosten allein zehn Prozent billiger als die bei anderen Fluggesellschaften. 2013 hat Ryanair nur neun Flieger neu bekommen und so fällt diese Geldquelle magerer aus und belastet zudem das Ergebnis.

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