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Flughafen Nachtflugverbot stürzt Frankfurt ins Chaos

Der Streit um das Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen geht in eine neue Runde. Die Regeln an Deutschlands größtem Airport sind rigider als anderswo. Spätestens im Winter droht der Kollaps.

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Feldbetten am Flughafen Frankfurt Quelle: dpa

Bequeme Schlafsessel, Daunendecken, feine Rotweine zu Menüs von Spitzenköchen und spannende Filme im Bordkino: So wollten die gut 800 Passagiere der Lufthansa-Flüge von Frankfurt nach Bangkok und Kapstadt die Nacht des 28. Juni verbringen.

Daraus wurde für viele eine Nacht in Deutschlands größtem Flughafen auf dem Fußboden oder in einer langen Reihe olivgrüner Feldbetten mit Wasserflaschen und Brötchen in Cellophanhülle. Der Weg in den Urlaub oder zum Geschäftstermin endete kurz vor dem Start auf dem Rollfeld. Die Flugzeuge fuhren zurück zum Terminal, wo die Reisenden unter teilweise tumultartigen Zuständen Gutscheine für Übernachtungen und Verpflegung bekamen. Die Polizei musste eingreifen.

Die größten Airport-Pannen
Berlin Quelle: dpa
Athen
Bangkok Quelle: dpa
Denver Quelle: AP
Hongkong Quelle: AP
Kuala Lumpur Quelle: REUTERS
Paris Quelle: AP

Das Feldlager am Flugsteig verdanken die Passagiere Bernhard Maßberg. Der sportliche Mann mit dem Kurzhaarschnitt wacht als Abteilungsleiter beim Hessischen Wirtschaftsministerium über das Nachtflugverbot, das die Flughafenanwohner seit Oktober von 23 Uhr abends bis 5 Uhr vor Fluglärm schützen soll. Weil die Lufthansa aber aus Sicht der Ministerialen trotz gewaltiger Unwetter die Verspätung hätte verhindern können, verboten sie den Flügen und neun weiteren den Start. Den gleichen Reiseabbruch in letzter Minute erlebten seit Oktober rund 20.000 Flugreisende in gut 120 verspäteten Flügen. „Sind wir eine Minute zu spät, knallt das Fallbeil runter“, klagt ein Pilot.

Damit beschert die hessische Regierung, der immerhin ein Drittel der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport gehört, Deutschlands größtem Airport Europas strengste Nachtflugregelung. Zwar gelten an den meisten Flughäfen von Amsterdam bis Zürich nächtliche Limits. Doch laut einer internen Übersicht des europäischen Flughafenverbandes ACI, die der WirtschaftsWoche vorliegt, dürfen selbst am strengen Flughafen London-Heathrow leise Flugzeuge wie der in Frankfurt gestoppt Superjumbo Airbus A380 rund um die Uhr fliegen. Zürich oder Hamburg haben zwar längere Sperrstunden als Frankfurt, aber liberalere Regelungen für Spätstarts. So brauchen Airlines in der ersten Stunde der Sperrzeit keine Zusatzerlaubnis. Oder sie bekommen sie sogar teilweise beim Flughafen selbst, statt wie in Frankfurt das Okay für jeden Verzug einzeln und per Fax beantragen zu müssen.

Nachtflugregelungen in Deutschland

Pro Abbruch 500 000 Euro

Darum fordern Lufthansa, die Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport und die für die Luftüberwachung zuständige Deutsche Flugsicherung immer lauter eine Änderung. „Die jetzige Regelung ist nicht praktikabel und eine sehr gefährliche Entwicklung für uns“, klagt Kay Kratky, zuständiger Vorstand der Lufthansa für den Flughafen Frankfurt und die Flotte. Aus seiner Sicht müssen bis zu 30 Starts nach 23 Uhr möglich sein. Selbst Airlines, die noch keinen Flug stoppen mussten, sorgen sich. „Wir haben Bedenken, wenn die Regelung starr durchgesetzt wird“, sagt Kevin Knight, Chefplaner der Air-Berlin-Mutter Etihad aus Abu Dhabi höflich.

Mit der Schnee kommt der Kollaps


Flugzeug im Anflug auf Frankfurt Quelle: dpa

Denn die Regelung geht für die Fluglinien richtig ins Geld. Allein die Lufthansa rechnet mit mindestens 50 Millionen Euro Mehrkosten im Jahr. Weil sie in jedem Fall ihren Passagieren Hotels und Verpflegung zahlen müssen, schlägt jeder Abbruch mit bis zu einer halben Million Euro zu Buche. Dazu hat die Angst vor einer Nacht auf einem Frankfurter Feldbett laut einer internen Berechnung bereits gut 10.000 Kranichkunden zur Konkurrenz getrieben. „Das brauchen wir bei der wachsenden Bedrohung durch Fluglinien vom Golf so wenig wie eine Lungenentzündung“, sagt ein Kollege von Lufthanseat Kratky.

Und das könnte erst der Anfang sein. Spätestens im Winter droht mit der jetzigen Regelung der Kollaps. An schneereichen Tagen wie dem 30. November 2010 sind am Abend oft mehrere Hundert Maschinen verspätet. Bei schlechtem Wetter oder anderen Störungen wie Streiks sind auch Starts bis Mitternacht erlaubt. Im Gegensatz zu früher und nahezu allen anderen europäischen Flughäfen dürfte nach der neuen Regelung aber nur ein geringer Teil der Wartenden in dieser kurzen Zeit noch abheben. Dann könnten Zigtausende Passagiere teilweise für Tage stranden. „Da haben wir echt die Hosen voll“, sagt ein führender Manager einer deutschen Fluglinie.

Sowohl Fraport als auch die Lufthansa hatten vor rund zehn Jahren in einem Mediationsverfahren mit Unternehmen der Region, Politikern und Anwohnern die nächtliche Stille ohne Einschränkung mitgetragen, weil ihnen die neue Bahn pro Stunde bis zu 126 Starts und Landungen statt der bisher knapp 90 erlaubt. Dafür sollte nachts nach 23 Uhr Ruhe herrschen.

Kein Spielraum

Dass die Sache anders kam, liegt an einer politischen Dummheit. Zwar hatte der damalige hessische CDU-Ministerpräsident Roland Koch den Landeskindern ein Nachtflugverbot versprochen. Doch erlaubte seine Regierung in der Baugenehmigung, dem sogenannten Planfeststellungsbeschluss, dann doch wieder 17 Nachtflüge. Damit trat er eine gewaltige Protestlawine los. Die ging nicht nur weit über die bei Großprojekten üblichen Klagen vor Gericht hinaus. Die betroffenen Bürger demonstrierten auch dann zu Hunderten in den Terminals, als die Gerichte die unbedingte Nachtruhe bestätigten. Daraufhin bekam es aus Sicht der Flugunternehmen die CDU mit der Angst. „Um nach den Prozessen nicht auch noch die Macht in Hessen zu verlieren“, vermutet ein Airline-Vorstand, „will die Regierung bei den Bürgern offenbar durch Härte gegenüber uns punkten, indem sie nach 23 Uhr möglichst wenig Flüge zulässt.“

Nachtflugregelungen an europäischen Flughäfen

Den Vorwurf will Hessens Wirtschaftsminister Florian Rentsch nicht auf sich sitzen lassen. „Wir entscheiden weder zu rigide noch zu locker, sondern innerhalb des Rahmens, der uns durch Recht und Gesetz gegeben ist. Für uns ist der Planfeststellungsbeschluss bindend.“ Danach seien in Frankfurt Abflüge nach 23 Uhr möglich, wenn die Fluglinie belegen könne, dass sie an der Verspätung keine Schuld trifft. Dabei sieht Rentsch keinen Spielraum. „Wir stehen zwischen den Fluggesellschaften und den Bürgerinitiativen als Wächter des Rechtsstaats. Da gibt es von uns für keine Seite Rabatt.“

Weniger Jobs


Flughafenmitarbeiter Quelle: dpa

Das ist Fraport-Chef Stefan Schulte trotzdem zu bürokratisch. „Es geht um Flexibilität im Minutenbereich und nicht um das Aushöhlen des Nachtflugverbots.“

Weil vorläufig keine Lockerung in Sicht ist, hat die Lufthansa ihren Flugplan umgebaut und im Schnitt jeden Tag gut 16 Flüge vorverlegt sowie vier ganz gestrichen. Ab November startet keine Lufthansa-Maschine mehr planmäßig nach 22.15 Uhr. Weil dadurch andere Flugzeuge länger ungenutzt am Boden bleiben als nötig, liegen die geschätzten Mehrkosten für das ganze Paket angeblich bei bis zu 30 Millionen Euro.

Die größten Flughäfen Europas
Platz 8: London Gatwick Quelle: AP
Platz 9: Barcelona El Prat Quelle: dapd
Platz 8: Fiumicino, Rom Quelle: Reuters
Platz 6: Istanbul, Atatürk-Airport Quelle: REUTERS
Platz 6 München Quelle: dpa
Platz 5: 49,7 Millionen: Madrid-Barajas Quelle: Reuters
Platz 4: Amsterdam - Schiphol Quelle: Reuters

Das trifft laut Berechnungen der Lufthansa auch die Region. So könnte der Umbau des Flugplans und der Passagierverlust bereits 100 Stellen gekostet haben, vor allem weil Logistikunternehmen weniger Leute eingestellt haben als geplant.

Dienstleister



Um den Druck durch seine Aufseher zu mindern, versucht Fraport-Chef Schulte den Fluglärm zu drücken. Dazu treibt er leise Start- und Landeverfahren voran und stockte die Mittel für die Schallisolierung im Rhein-Main-Gebiet auf.

Juristen aus der Flugbranche sehen eine weitere Chance. Sie rechnen im August mit der schriftlichen Begründung des Bundesverwaltungsgerichts, das im April das Nachtflugverbot in Frankfurt bestätigt hatte. „Darin muss das Gericht auch detaillierte Regeln aufstellen, wann verspätete Flüge genehmigt werden müssen“, sagt einer der Advokaten. „Dann müssen wir nicht mehr auf eine mildere Auslegung hoffen, sondern können auf Grundlage der Begründung mit dem Ministerium um eine flexiblere Regelung juristisch ringen.“

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