Flugpreise: Tickets werden billiger, aber wohl nicht in Deutschland
Die drastischen Preissteigerungen in den letzten Monaten führten dazu, dass einige Unternehmen ihr Reiseverhalten verändert haben.
Foto: imago imagesIn Europas Flugbranche gab es im Jahr 2023 eine fast historische Neuerung: allseits zufriedene Manager. Ob eingefleischte Optimisten wie Lufthansa-Chef Carsten Spohr, CEOs notorischer Geldverbrenner wie TAP Air Portugal oder eher menschenscheue Manager wie Air-France-KLM-Lenker Ben Smith: Sie alle lobten das Jahr in den höchsten Tönen als „traumhaft“ oder sprachen gar von einem „Sommer, der einfach nicht aufhört“.
Für die Hochstimmung sorgten die hohen Flugpreise. Weil die Kunden nach den Einschränkungen der Coronazeit unbedingt reisen wollten, zahlten sie für ihre Tickets bereitwillig mehr denn je und buchten häufiger als früher statt der Economy-Class die Premiumabteile sowie Extras wie Lounge-Zugang. Darum setzte etwa die Lufthansa bei ihrer Hauptmarke mit dem Kranich im Logo mit jedem Passagier fast 20 Prozent mehr um als vor der Krise in 2019. Das bescherte der Branche hohe Gewinne. Und auch beim Blick auf das nächste Jahr sind sich alle einig: Die Reiselust hält unverändert an, also bleiben die hohen Preise – und natürlich die Profite.
Doch je näher 2024 kommt, desto stärker wachsen die Zweifel, dass die Preise weiter steigen. „Mir erzählten in den vergangenen Wochen immer mehr Manager aus der Branche das Gegenteil“, sagt Shakeel Adam, Chef der Beratung Aviado Partners aus Mannheim. Die Kunden buchten für das kommende Jahr zögerlicher, nutzten häufiger einfache Basic-Tarife – und zahlten darum im Schnitt gut zehn Prozent weniger als 2023.
Gleichzeitig steigen die Kosten für die Fluggesellschaften. Ob höhere Gehälter, die teurere Flugzeugwartung oder staatlich verordnete Ausgaben wie Flugsicherungsgebühren, „das alles knallt erst 2024 so richtig rein“, sagt Adam. Dazu fallen die Rekordgewinne des Frachtgeschäfts weg. „Weniger Einnahmen und mehr Ausgaben, da befürchten viele, dass ihre Bargeldbestände bereits im Frühjahr eng werden“, so Adam.
Wie genau sich die Preise entwickeln, ist nicht ganz leicht vorherzusagen. Denn am Ende laufen in Europa eine stimulierende und eine dämpfende Wirkung gegeneinander: knappes Angebot und steigende Kosten gegen zunehmende Sparsamkeit.
Die Warnung vor einem Einbruch der Preise sei übertrieben pessimistisch, sagt Marie Owens Thomsen, Chefvolkswirtin des Weltluftfahrtverbands Iata. „Die Preise können gar nicht fallen, weil das Angebot an Flügen kleiner bleibt als die Nachfrage.“ Sie belegt das damit, dass Umfragen ungebrochen von großem Reisewillen zeugen. Die Airlines hätten im kommenden Jahr gar nicht genug Flugzeuge, um alle Urlaubswünsche zu erfüllen, sagt die Volkswirtin. Hintergrund ist, dass die großen Hersteller wegen der angespannten Lieferketten weniger Flugzeuge ausliefern als geplant und Flugsicherheitsbehörden hunderte aktive Maschinen monatelang in die Werkstatt schicken, meist um Fertigungsfehler bei Triebwerken auszubessern. Kapazität fehle auch an den Airports und bei den Luftraumüberwachern.
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Karsten Benz, Professor, Berater und davor fast 20 Jahre in Führungspositionen der Lufthansa, spricht dagegen von bestenfalls „gemischten Aussichten“ und prognostiziert mit Blick auf die Preise eine „Plateaubildung auf gutem Niveau“. Noch skeptischer sind inzwischen auch Finanzanalysten, die Europas Airlines beobachten. „Wir blicken vorsichtiger auf 2024“, sagt etwa Harry Gowers von J.P. Morgan und begründet das mit „sinkenden Durchschnittserträgen vor dem Hintergrund einer schwächeren Konjunktur“.
Zum einen, so Benz, klinge der „Revenge Travel“ genannte Nachholbedarf für in der Coronazeit verschobene Urlaube und Verwandtschaftsbesuche ab. In den USA ist er laut einer Studie des Branchenverbands US Travel Association bereits verebbt. Benz bezweifelt zum anderen, dass Privatreisende auf Dauer in großem Umfang Business Class buchen, meist für ein Vielfaches der Economy-Preise. Er geht davon aus, dass sie sich eher für die Zwischenklasse Premium Economy entscheiden.
Benz sieht bei vielen Passagieren eine „gedämpfte Zahlungsbereitschaft“ aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung „und weil immer weniger Reisende ihre Flüge aus Ersparnissen bezahlen können oder wollen“.
Im Geschäftsverkehr gilt die Maxime „Economy reicht“, zunehmend auch auf der Langstrecke. Dazu bleibt das für den Erfolg der Airlines so wichtige Segment aus seiner Sicht weiter deutlich unter Vorkrisenniveau. Hier spielen sicherlich auch die negativen Erfahrungen mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit des Fliegens eine entscheidende Rolle. Die Nachfrage nach Geschäftsreisen ist gerade in Deutschland immer noch kaum halb so groß wie vor der Pandemie. Viele Airliner erklären das damit, dass Manager interne Meetings und Kundentermine nun per Videokonferenz erledigen. Doch dem widerspricht Jens Schließmann, Geschäftsführer des Geschäftsreiseverbands VDR. Für seine Mitgliedsunternehmen sei angesichts einer Verteuerung von gut 20 Prozent zu 2019 „ein oberes Limit erreicht“. Die drastischen Preissteigerungen in den letzten Monaten führten dazu, dass einige Unternehmen ihr Reiseverhalten verändert haben: „Das heißt weniger Reisen.“
Gleichzeitig steigt trotz weniger neuer Jets die Zahl der Flüge. „Unser Angebot ist größer denn je“, jubelt Wizz-Air-Chef József Váradi. Auch laut einer Statistik des Bundesverbands der deutschen Luftverkehrswirtschaft gibt es ein größeres Flugangebot als vor Corona. Nach Daten des New Yorker Brokerhauses Bernstein verfügen die Airlines außerhalb Russlands in diesem Winter über etwa fünf Prozent mehr Flieger als 2020. Und die neu gekauften Flieger haben bis zu einem Viertel mehr Sitze als ihre Vorgänger. Weil Europas Airlines laut Bernstein im kommenden Jahr ihre Flugzeuge noch dazu mit weniger Leerlauf nutzen wollen, könnte das Angebot um 14 Prozent steigen.
Daran ändern auch die zusätzlichen Werkstattbesuche der neuen Jets wenig. Denn um die Lücken auszugleichen, behalten viele Airlines nun ihre alten Jets länger oder holen sogar stillgelegte Flieger zurück. Und die Zahl könnte weiter steigen, wenn die wegen Wartungsarbeiten derzeit abgestellten Flieger schneller als erwartet aus der Werkstatt kommen. „Bei zusätzlicher Kapazität sinken die Preise, denn am Ende ziehen alle Airlines mit, um ihren Marktanteil zu halten“, so Benz. Ryanair etwa hat sogar angekündigt, für Wachstum in der zweiten Hälfte des laufenden Geschäftsjahrs Verluste in Kauf zu nehmen.
Wachsendes Angebot und sinkende Nachfrage – damit deutet alles auf sinkende Flugpreise. Doch es bleibt die Frage, wie viel davon in Deutschland ankommt. Zwar ergab eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, dass die durchschnittlichen Preise von Billigfliegern in diesem Jahr mit rund 58 bis 102 Euro günstiger waren als vor einem Jahr mit 68 bis 119 Euro. „Doch die Flugpreise sind in den meisten Fällen deutlich höher als 2019“, sagt Studienleiter Peter Berster.
Denn anders als fast im ganzen Rest Europas machen hierzulande die stark steigenden staatlichen Kosten einen guten Teil der Rabatte wett. „Die deutsche Politik will offenbar, dass Fliegen bei euch teurer ist als anderswo in Europa“, sagt Ryanair-Vorstand Eddie Wilson. So verlangen die Flughäfen in Deutschland ein Mehrfaches anderer Airports.
Dazu kommen hohe staatliche Gebühren wie die Luftverkehrssteuer oder die Kosten der Passagierkontrollen an den Flughäfen. Laut einer Übersicht der Lufthansa kosten ein Abflug mit 170 Passagieren in Deutschland bis zu 4000 Euro, während etwa Madrid nur 600 Euro verlangt. Mit der gerade angekündigten Erhöhung der deutschen Abflugsteuer und der Erlaubnis für eine Anhebung der Gebühr für die Sicherheitskontrolle um bis zu fünf Euro pro Passagier kommen weitere gut 1200 Euro dazu. Damit gingen für einen einfachen Flug rund 30 Euro direkt an den Staat. Und wenn ab 2025 die verschärften Nachhaltigkeitsauflagen der EU greifen, kommen wohl mindestens weitere zehn Euro dazu. „Damit sind wir fast stärker besteuert als Alkohol und Glücksspiel“, ätzt ein Vorstand der Branche.
Doch so sehr deutsche Steuern, Abgaben und Gebühren die Tickets auch verteuern – in einem haben Auslandsreisende Glück: Die höhere Last betrifft fast immer nur den Hinflug. „Auf dem Weg zurück nach Hause profitieren Reisende von niedrigeren Abgaben und billigeren Tickets, weil gerade in den ausländischen Feriengebieten die Regierungen und die Airports den Luftverkehr nicht als Melkkuh sehen, sondern als Wohlstandsbringer“, sagt ein Vorstand der Branche.
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