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Flugverspätungen Lotsen-Söldner sollen deutsche Touristen retten

Fachkräfte einzustellen ist für die Deutsche Flugsicherung nicht einfach. Hohe Sicherheitsauflagen und eine lange Ausbildung erschweren es, das nötige Personal zu beschaffen. Quelle: dpa

Weil der Deutschen Flugsicherung immer mehr Lotsen fehlen, wächst die Zahl der Verspätungen. Um das Schlimmste zu verhindern, engagiert das Unternehmen jetzt Luftraumüberwacher aus aller Welt.

Es ist selten, dass der Chef der Deutschen Flugsicherung (DFS) Klaus-Dieter Scheuerle Ryanair-Boss Michael O’Leary zumindest teilweise Recht gibt. „Ja, wir haben zu wenig Personal“, gesteht der Luftraumüberwacher im Blick auf Vorwürfe des irischen Raubeins, bei der DFS herrsche „pure Inkompetenz in etwas so Einfachem wie Personalplanung.“

Doch nun verlässt der Deutsche die Defensive. „Der Mangel ist keineswegs allein unsere Schuld und wir tun dagegen, was wir können“, betont Scheuerle.

Dazu gehört seit diesem Jahr eine in der Branche durchaus ungewöhnliche Maßnahme: Der Einsatz von Lotsen aus dem Ausland. Um die Lücken zu schließen, hat das Unternehmen Fachkräfte unter anderem in Italien und Australien angeworben. Und die ersten 30 tun bereits Dienst. Sie alle haben dort zuvor bei Flugsicherungen gearbeitet und tun nun nach einer Zusatzausbildung als sogenannte „Ready Entries“ Dienst in den vier DFS-Zentren in Bremen, Karlsruhe, Langen und München. Und das ist erst der Anfang. Ein paar Dutzend weitere Auslandslotsen sollen noch folgen.

Dazu kann Scheuerle mit einer weiteren Entlastung rechnen. Aus Kreisen war zu hören, dass er kurz vor einer Einigung mit den Gewerkschaften über freiwillige Mehrarbeit steht. Danach könnten dann seine 2000 Lotsen gegen eine Zahlung von bis zu 1800 Euro pro Schicht zusätzliche Dienste schieben.

Beides soll dafür sorgen, dass jetzt mit Beginn der Hauptreisezeit die Verspätungen nicht weiter ansteigen. Weil dem Vernehmen nach weit mehr als100 Leute in den Kontrollstellen fehlen, musste die DFS in diesem Jahr die Kapazität in drei ihrer Zentren um gut 20 Prozent kürzen. Darum kann sie vor allem in Spitzenzeiten weniger Flugzeuge gleichzeitig in die Luft lassen. Also lag in den ersten fünf Monaten dieses Jahres die Zahl der von den Lotsen ausgelösten Verspätungen schon um rund ein Drittel über dem bereits extrem schlechten Vorjahr.

Bis Jahresende könnte sich der Wert sogar verdoppeln, schätzt Eurocontrol, die europäische Koordination der Luftverkehrskontrolle mit Sitz in Brüssel. Damit wäre dann jeder Flug in Europa allein aus diesem Grund im Schnitt um drei Minuten verzögert. Kommen dann noch die Probleme der Fluglinien oder wie im vorigen Jahr Streiks und mehr Unwetter als bislang üblich hinzu, drohen die Urlaubspläne von Millionen Urlauber erneut aus dem Tritt zu geraten.

Mit seinen Auslands-Engagements betritt Scheuerle Neuland. Denn in fast keiner Branche ist es so schwierig, Fachkräfte innerhalb des eigenen Unternehmens umzusetzen oder gar welche aus anderen Unternehmen einzustellen.

Dafür sorgen zum einen die strengen Sicherheitsauflagen der Branche. Jeder Lotse braucht nicht nur bis zu vier Jahre Ausbildung, bevor er auf den Job darf. Überwacher benötigten dazu noch eine Zulassung für den Sektor des Himmels, den sie betreuen sollen. Die Ausbildung dafür dauert nicht nur bis zu einem Jahr. Wer sich für einen neuen Sektor qualifiziert, kann in der Regel nicht mehr in seinem alten arbeiten.

Dazu erschwert auch die Macht der Gewerkschaften die Wechsel. „Die sind davon keine großen Fans“, weiß ein Arbeitnehmervertreter einer anderen Branche. Denn die Lotsen von außen sind dem Vernehmen nach oft mit geringeren Gehältern als die Deutschen zufrieden. Und je einfacher und schneller die Neuen engagiert werden können, umso schwerer können die heutigen Lotsen ihre relativ hohen Gehälter verteidigen oder sich gegen technische Neuerungen wehren – etwa dass im Notfall oder bei Streiks auch andere Überwachungsunternehmen den Luftraum sicher halten können.

Ganz lösen werden Lotsenlegionäre und Sonderschichten das Problem nicht. „Es wird immer für zwei, drei Jahre ein Mangel bleiben“, sagt ein Insider. „Aber es hilft – und sorgt vielleicht auch dafür, dass wir künftig flexibler arbeiten können.“

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