Freytags-Frage

Gehört die Sportberichterstattung den Öffentlich-Rechtlichen?

Die Bundesliga startet in ihre neue Saison. Die ARD wird zunächst nur das erste Spiel live zeigen. Auch bei den Olympischen Spielen sind ab 2018 andere Sender dran. Für den Zuschauer ist das eine gute Nachricht.

Ein Fußball Quelle: dpa

Heute geht es wieder los – wird Ingolstadt erster Tabellenführer, bleibt Werder drin, kommt Bayern über 0:0 gegen den HSV hinaus? Wo droht der erste Trainerrauswurf? So oder ähnlich denken viele voller Vorfreude und warten sehnsüchtig auf die Übertragungen der Spiele. Heute Abend überträgt die „Sportschau“ live, danach in den bekannten Zusammenfassungen. Wer in der ersten Halbserie der Bundesligasaison 2015/16 weitere Spiele live sehen will, muss ins Stadion gehen oder das Bezahlfernsehen kaufen.

Als wäre dies nicht schon schlimm genug, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor einigen Wochen die Berichterstattungs-Rechte an den Olympiaden der Jahre 2018 bis 2024 an die Firma Discovery Communications, die unter anderem den Sender Eurosport betreibt, für etwa 1,3 Mrd. Euro verkauft. Das Unternehmen wird nicht nur großflächig berichten, sondern verpflichtet sich auch noch, einen Olympiakanal einzurichten. Auch wurden offenbar moderne Angebote im Internet und via Mobiltelefonie vereinbart.

ARD und ZDF, bzw. deren Zuschauer, räumen damit die erste Reihe, zumindest bei Olympia. Mit dem Hinweis auf die zahlreichen eigenen Reportagen rund um Olympia einschließlich politischer Hintergrundberichte – die es woanders nicht gäbe – wird bei ARD und ZDF erst einmal gejammert, um gleich anschließend mehr Möglichkeiten der Verbreitung der Inhalte im Netz zu fordern. Man wäre sonst nicht wettbewerbsfähig. Außerdem empören sich nun wieder viele bei den Öffentlich-Rechtlichen, dass Sport im Bezahlfernsehen angeboten wird. Der arme Zuschauer!

Die umsatzstärksten Fußballclubs

Es zeigt sich hierin vor allem ein Besitzstandsdenken im fortgeschrittenen Stadium. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich in den vergangenen Jahren krakenhaft ausgebreitet. Zahlreiche neue Sender, die zumeist das Programm der 1970er und 1980er wiederholen, und ein ausuferndes Internetangebot fallen zuvorderst auf. Dagegen bräuchte man nichts einzuwenden, wenn da nicht ein kleiner Haken wäre. Das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender ist auch ein Bezahlfernsehen. Allerdings handelt es sich um Angebot, das man nicht ablehnen kann. Denn niemand, der in einem Haushalt lebt, kann sich der Gebühr verweigern, unabhängig davon, ob er oder sie überhaupt einen Fernseher, ein Radio oder einen Computer besitzt.

Die Begründung für diesen Konsumzwang liegt im Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehen und in der angeblich hohen Qualität des Programms – gerade im Vergleich zu den Privaten.

Und damit schließt sich der Kreis. Denn die guten politischen Features zu Sportveranstaltungen gehören zum Bildungsauftrag. Insofern hängt es nicht von den Übertragungsrechten für den Sport ab, ob die öffentlich-rechtlichen Sender von den Baustellen in Katar oder den Bestechungen bei der Fifa berichten – ihr Bildungsauftrag legt es ihnen nahe.

Was Bundesliga-Fans für ihren Verein ausgeben
DFL Sky Quelle: dpa
VfL Wolfsburg – 388,45 EuroDie Fans des VfL Wolfsburg haben Grund zur Freude: Nach dem fulminanten 4:1 Sieg gegen den Spitzenreiter FC Bayern scheint es möglich Vizemeister zu werden – hält das Formtief des FC Bayern an, könnte sogar noch mehr drin sein. Meister ist der VfL Wolfsburg in puncto Fanausgaben – bei keinem anderen Klub kommen die Fans so billig davon: Die günstigste Dauerkarte kostet 130 Euro – kein Verein in Deutschland verlangt weniger. Das Kappa-Trikot gibt es für 79,95 Euro, damit liegt der VfL im Durchschnitt. Für einen Liter Veltins blecht der VfL-Fan 7,80 Euro und für die Bratwurst gegen den kleinen Hunger zahlt er 2,70 Euro – hochgerechnet auf 17 Heimspiele macht das 178,50 Euro. Quelle: AP
1. FC Köln – 416,85 EuroDer Kölner Fußball ist endlich wieder erstklassig – der Start in die Rückrunde kann sich mit vier Punkten in zwei Spielen durchaus sehen lassen. Bei den Heimspielen lief es bis jetzt für die Kölner allerdings nicht allzu gut – dafür müssen die Fans für die Dauerkarte auch nicht so tief in die Tasche greifen: 165 Euro kostet die günstigste. Das aktuelle Trikot gehört mit einem Preis von 69,95 Euro zu den preiswerteren. Die Bratwurst kostet 2,90 Euro und liegt damit knapp unter dem Durchschnittspreis. Wer einen Liter Bitburger oder Gaffel Kölsch trinken will, muss dafür noch einmal 7,80 Euro zahlen – die Verpflegung für eine Saison kostet damit im Schnitt 181,90 Euro. Quelle: dpa
1899 Hoffenheim – 417,50 EuroAm zweitgünstigsten in der Bundesliga ist das Fan-Sein in Sinsheim. Die Dauerkarte ist bei einem Preis 150 Euro eine der günstigsten. Auch das Trikot des Sportherstellers Lotto ist mit 74,95 Euro vergleichsweise preiswert. Der Liter Bitburger kostet im Stadion 8,25 Euro; die Bratwurst dazu 3,10 Euro – nur in Stuttgart und München ist sie teurer. Quelle: AP
SC Freiburg – 423,30 EuroDie günstigste Dauerkarte in Freiburg kostet 180 Euro. Dafür gibt es das Nike-Trikot für relativ günstigste 69,96 Euro. Auch die Bratwurst gehört mit 2,70 Euro zu den preiswerteren der Liga. Für den Liter Rothaus zahlen die Fans 7,50 Euro – nirgendwo in der Liga ist das Bier so günstig. Für die Dauer einer Saison kostet die Verpflegung 173,34 Euro. Quelle: dpa
FSV Mainz 05 – 427,85 EuroIn der Bundesliga führt der FSV Mainz 05 aktuell das untere Tabellendrittel an – was die Preise angeht ist er das Schlusslicht des oberen Tabellendrittels. Die Dauerkarte schlägt mit 181 Euro zu Buche. Das Nike-Trikot gehört mit einem Kaufpreis von 64,95 Euro zu den günstigsten Trikots der Liga. Auch die Bratwurst mit einem Preis von 2,90 Euro und der Liter Bitburger für 7,80 Euro sind nicht allzu teuer. Quelle: dpa
Bayer 04 Leverkusen – 431,80 EuroIn der Bundesliga spielt Leverkusen aktuell noch um die Spitzenplätze mit – was die Kosten für die Fans angeht, liegt Leverkusen nur im Mittelfeld. Wer eine Dauerkarte will, zahlt 170 Euro – das Adidas-Trikot dazu schlägt noch einmal mit 79,90 Euro zu Buche. Die Preise für den Verzehr liegen mit 7,80 Euro für den Liter Bitburger oder Gaffel Kölsch und 2,90 Euro für die Bratwurst im Mittelfeld. Quelle: AP

Zum Bildungsauftrag gehören auch die Nachrichten, Natur- oder Geschichtssendungen, und Kulturveranstaltungen. Viele Sendungen sind in der Tat informativ und tragen zur Bildung bei. Natürlich ist es grenzwertig, die großen Samstagsshows mit Schlagerstars und -sternchen als Kultur zu bezeichnen. Und ob die Vorläufe im Kraulen bei der Olympiade oder das die Übertragung des Spiels Bayern gegen den HSV zum öffentlichen Bildungsauftrag gehören, ist ebenfalls zweifelhaft.

Das bessere Kriterium ist deshalb die Frage, ob das Angebot auf dem Markt auch eine Chance hätte, wenn es nicht durch Zwangsbeiträge alimentiert wird. Der Erfolg des Bezahlfernsehens im Sport, speziell in der Fußball-Bundesliga, spricht eindeutig dafür. Viele Sendungen der Privaten (auch ohne Pay-TV oder Pay-per-view) haben hohe Einschaltquoten. Auch die großen Schlagershows werden von vielen gesehen. Es scheint also ein Markt zu bestehen, schließlich zahlen die Leute auch Eintritt für die Sendungen und gehen zu den Konzerten. Man kann also auf ein privates Angebot hoffen und braucht keine Zwangsfinanzierung durch die Bürger, die von sich aus keinen Fußball sehen wollen oder beim deutschen Schlager Bauchschmerzen bekommen.

In Arbeit
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Zudem ist eine hohe Qualität durch die Öffentlich-Rechtlichen nicht durchgängig gewährleistet. Die schon erwähnten Geschichts- und Natursendungen sowie die Nachrichtenprogramm sind oftmals gut, in der Politik kann die Nähe zum Staat aber nur selten verleugnet werden. Hingegen sind viele andere Sendungen qualitativ niedrig einzuschätzen. Endlos-Soaps, Richter- und Kuppelshows dienen der reinen – und anspruchslosen – Unterhaltung; die zahlreichen Talkshows können noch nicht mal das. Umso erstaunlicher ist es, dass die öffentlich-rechtlichen hier fleißig mitkonkurrieren und dafür Geld ausgeben. Gute Filme kommen dafür im Spätprogramm, das Kleine Fernsehspiel ist längst Vergangenheit. Quote scheint wichtiger als Qualität oder Bildung zu sein.

Zurück zum Ausgangspunkt: Es ist überdies berechtigt, neben der Bildungskomponente die Qualität der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung im Sport anzuzweifeln. Die Qualen, die der gewöhnliche Fußballfan bei den Übertragungen der deutschen Länderspiele bei ARD oder ZDF zu erleiden hat, müssten eigentlich die Zahlung einer Gebühr ausschließen und stattdessen Schmerzensgelder erlauben. Insofern kann das sportinteressierte Publikum sich nur über die Entscheidung des IOCs freuen. Die Berichterstattung bei Olympia wird vermutlich ab 2018 besser. Für die kritische Hintergrundberichterstattung leisten wir uns das öffentlich-rechtliche Fernsehen – bei 8 Mrd. Euro pro Jahr nicht zuviel verlangt. Bis dahin freuen wir uns über den Fußball und drehen den Ton leise. Viel Spaß dabei!

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