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Freytags-Frage
Ein Schiedsrichter zeigt die gelbe Karte. Quelle: dpa

Warum bekommt der Berufssport seine Probleme nicht in den Griff?

Die Fußball-Sommerpause neigt sich dem Ende entgegen – und damit auch eine Durststrecke für viele Sportfans. Doch in die Vorfreude auf die nächsten Sportereignisse mischt sich Unbehagen.

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Am heutigen Freitag steigen die Fußball-Bundesliga-Vereine wieder in den wettbewerblichen Fußball ein. In der ersten Runde des DFB-Pokals treffen sie auf Amateure. Groß dürfte die Vorfreude sein, hoch die Erwartungen bei den Vereinen und ihren Anhängern (manche werden enttäuscht werden müssen). Viele Zuschauer hoffen, dass möglichst viele Amateurvereine die Profis aus dem Pokal werfen. Nächste Woche nimmt wieder die Bundesliga ihren Spielbetrieb auf; für viele hat dann eine lange Durststrecke ein Ende. Andere konnten sich mit der Tour de France oder dem Turnier in Wimbledon, der Schwimm-Weltmeisterschaft oder der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen ablenken.

In diese Freude und Spannung mischt sich seit Jahren immer spürbarer ein Unbehagen über die Macht der Sportverbände und vor allem deren Verhalten. Ob das Internationale Olympische Komitee (IOC), die Fußballverbände oder der Radsport, kaum eine Sportart kommt ohne Skandale aus. Doping und Korruption werfen negative Schlaglichter auf den Sport: verkaufte Olympiaden, überdimensionierte kommerzielle Anforderungen an Austragungsorte von sportlichen Großereignissen mit negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen, Tote beim Stadionbau für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, Siege von bereits mehrfach des Dopings Überführten beim Schwimmen. Ungetrübte Freude kann der Sport nur selten bereiten. 

Trotzdem werden die Stadien wieder voll und ist die Einschaltquote wieder hoch, wenn die Bundesliga startet, trotzdem berichten die Fernsehsender euphorisch und gerade nicht kritisch über die Radsport- und Schwimmereignisse; im Winter läuft Biathlon beinahe rund um die Uhr im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Immerhin kann man den Öffentlich-Rechtlichen zugutehalten, bei der Aufdeckung sowohl der Dopingskandale in der Leichtathletik als auch der Korruptionsaffären im Profifußball einschließlich der Missachtung der Financial-Fair-Play-Regeln durch den europäischen Fußballverband (UEFA) ganz wesentlich beteiligt zu sein. Auch wird Doping durch die Polizei schärfer verfolgt als noch vor einigen Jahren. Allerdings bleibt die nötige Konsequenz aus. Immer noch bietet der öffentlich-rechtliche Rundfunk bei diesen Sportereignissen mit. Immer noch scheint Korruption im Sport ein Kavaliersdelikt zu sein.

Man stelle sich vor, die Sender verweigerten sich einer Sportart, sobald sie sich des Dopings oder der Korruption schuldig gemacht hätte wenigstens so lange, bis das Problem an der Wurzel bekämpft wäre. Dies wäre ein starkes Signal, das vermutlich ein Umdenken erzeugen würde. Denn trotz der vielen Gelder, die durch die Berichterstattung im Bezahlfernsehen erzielt werden, ist es kaum vorstellbar, dass die Sportverbände es sich leisten könnten, dem öffentlichen Rundfunk oder Fernsehen keine Erwähnung wert zu sein. Ignoranz von Seiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hätte sicherlich eine heilsame Wirkung.

Man stelle sich zudem vor, die Justiz und die Politik in den OECD-Ländern würde die Korruption zum Beispiel des Fußball-Weltverbandes (FIFA) genauso konsequent verfolgen wie vergleichbare Vergehen von Unternehmen aus anderen Sektoren. Würde der Fußball nicht ein Interesse haben, die Korruption zu bekämpfen? Wäre Doping noch so leicht möglich? Würden die Olympischen Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften auch dann fast nur in autoritären Staaten ausgetragen? Vermutlich würden die Sportverbände sich umfassend reformieren und sauberer werden – Doping und Korruption würden ernsthaft bekämpft werden.

Warum nur – mag man sich fragen – geschieht nichts dergleichen?

Die Antwort könnte sein, dass der Sport nicht so sehr von der Politik abhängt, wie es umgekehrt der Fall ist. Die Menschen lieben den Sport offenbar so sehr, dass die Politik Angst davor hat, einen Konflikt mit den Sportfunktionären zu riskieren oder dass die Fernsehsender glauben, auf die Berichterstattung über Sport nicht verzichten zu können.

Regierungschefs westlicher Demokratien, die für ihre Nüchternheit und Selbstkontrolle bekannt sind, hüpfen wild herum, wenn ihre Nationalmannschaft in einem Weltmeisterschaftshalbfinale ein Tor schießt. Dies geschieht vermutlich aus Kalkül, denn so kann man die Verbundenheit mit den Bürgern zeigen – sind wir nicht alle nur Menschen?

Es geht sogar noch weiter. Während der sportlichen Großereignisse werden regelmäßig politisch umstrittene Entscheidungen gefällt. Man denke nur an die Rettungspakete in der Europäischen Währungsunion. Der in Deutschland höchst umstrittene europäische „Pakt für Wachstum und Beschäftigung“ wurde am Abend des Halbfinalspiels der Deutschen gegen Italien während der Fußball-Europameisterschaft im Sommer 2012 beschlossen. Die Deutschen verloren an dem Abend gleich zweimal!

Vielleicht kann man die lasche Einstellung der Politik zu den kriminellen Handlungen im Spitzensport vor diesem Hintergrund ganz einfach erklären: Es geht – wie vor über 2000 Jahren – um Brot und Spiele.

Das ist keine gute Nachricht, weil das Problem bestehen bleibt, wenn sie gültig ist. Nur wenn genug Bürger sich abwenden, wird sich etwas ändern. Das ist schade, denn Sport hat auch viele positive Facetten, darunter Gesundheit, Verständigung und Spaß.

Freuen wir uns also auf die ersten Tore der Saison, aber vielleicht mit etwas mehr kritischer Distanz!

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