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Gastronomie, Handel, Hotels, Veranstaltungen So hart trifft eine Verlängerung des Lockdowns die Unternehmen

Lockdown – und kein Ende in Sicht. Quelle: imago images

Bund und Länder haben den Corona-Lockdown verlängert – und sogar zusätzliche Maßnahmen beschlossen. Was das für die betroffenen Branchen und Unternehmen in Deutschland bedeutet.

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Neues Jahr, neues Glück? Ursprünglich sollte der 11. Januar das Ende des Lockdowns bedeuten. Am Mittwochnachmittag wurde jedoch eine Verlängerung und Verschärfung der Maßnahmen durch Bund und Länder beschlossen. Etwas, dass in Landkreisen mit hohen Corona-Infektionszahlen weitere Maßnahmen zur Einschränkung des Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort ergriffen werden sollen. Denn: Das Ziel, die 7-Tage-Inzidenz bundesweit auf unter 50 zu senken, wird bis dahin wohl nicht zu erreichen sein. Damit rückt die Wiederbelebung der Innenstädte in immer weitere Ferne.

Je länger der Lockdown anhält, desto größer die Folgen. Wegen der Coronapandemie werden nach Ansicht des Ökonomen Gabriel Felbermayr in Deutschland rund 600.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Am härtesten treffe es Bereiche, die bereits vorher einem strukturellen Wandel unterlagen, wie etwa die Luftfahrt- und die Tourismusbranche oder den stationären Einzelhandel. Unsere Autoren haben bei wichtigen Branchenvertretern nachgehakt. Ein Überblick.

Handel:
Der Handel fühlt sich in der Krise alleingelassen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz kündigt zwar immer Milliardenhilfen an, tatsächlich kommen die Hilfen aber nicht zur Auszahlung, weil die Zugangshürden viel zu hoch sind, sagt Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) Viele Unternehmen, die von dem zweimaligen Lockdown betroffen seien, hätten ihr Eigenkapital weitgehend aufgezehrt und benötigten wirtschaftliche Unterstützung.

„Nachhaltig wird die Pandemie den Einzelhandel verändern“, ergänzt der Ökonom Felbermayr. Einige Bevölkerungsschichten kauften erstmals im Internet ein, Vorbehalte schwänden. Für den Einzelhandel in den Innenstädten und in Einkaufszentren sei die Krise deshalb auch dann nicht vorbei, wenn das Infektionsgeschehen eigentlich die Rückkehr in die Innenstädte erlaubt.

Deshalb fordert der Gerry-Weber-Chef Alexander Gedat nun von der Politik schnelle Maßnahmen gegen die Bevorteilung des Onlinehandels. „Grundsätzlich benötigen wir bei Gerry Weber, wie im gesamten Einzelhandel, eine Perspektive, wann wir unsere Filialen wieder öffnen können. Das muss aus unserer Sicht natürlich so schnell wie möglich passieren – und dann auch sonntags. Denn: Online hat auch 24/7 geöffnet.“ Darüber hinaus benötige Gerry Weber dringend direkte Hilfen in Form von Zahlungen wie für die Gastronomie sowie eine rechtliche Grundlage, um Mieten im stationären Handel reduzieren zu können.

Gerry Weber ist nach dem Abschluss des Insolvenzverfahren vor Jahresfrist im Besitz der Finanzinvestoren Whitebox, Robus Capital und J.P. Morgan Securities, wobei jeweils 42 Prozent auf Whitebox und Robus entfallen. Von den Eigentümern und Gläubigern erhält Gerry Weber Schützenhilfe zur Überwindung der Coronakrise. Die Insolvenzgläubiger werden 35 Prozent ihrer Forderungen bis Ende 2023 stunden. Zudem sagten die Eigentümer finanzielle Unterstützungen zu. Gerry Weber hatte schon in der Insolvenzphase 1000 Arbeitsplätze gestrichen, Mitte vergangenen Jahres dann weitere 200. Mittlerweile beschäftigt das Modeunternehmen nur noch rund 2500 Mitarbeiter. Von knapp 800 selbstbetriebenen Filialen sind noch 590 Geschäfte übrig, auch die Zahl der von Partnern betriebenen Verkaufsflächen hat sich deutlich verringert. Schon der erste Lockdown hatte die Westfalen laut eigenen Angaben mit einem Umsatzausfall von rund 100 Millionen Euro belastet.

In das gleiche Horn wie Gedat stößt auch Eckhard Schwarzer, Präsident des Mittelstandverbundes aus Berlin, der rund 230.000 mittelständische Firmen vertritt. Er fordert angesichts der anstehenden Verlängerung des Lockdowns eine umgehende bundesweite Zulassung von „Click & Collect“ im Einzelhandel. Sonst würden Online-Riesen den Mittelstand endgültig aus dem Wettbewerb drängen. „Hier entstehen irreparable Verwerfungen im Wettbewerb“, wettert der Spitzenlobbyist.

Und auch Wilhelm Josten, Gründer und Geschäftsführer des Handelsunternehmens Butlers, fordert von der Politik „unbürokratische Hilfeleistungen und pragmatische Lösungen – und dies so schnell wie möglich.“ Das ständige Auf und Ab mache es für Einzelhändler sehr schwer, zu planen. Zudem müssten den Worten endlich Taten folgen. „Von den zugesicherten Milliardenhilfen für den deutschen Handel sind Stand heute erst 90 Millionen geflossen. Mit dieser Unsicherheit sind die Unternehmen derzeit auf sich alleine gestellt. In anderen Ländern wie z. B. Österreich fließen Hilfsgelder schneller, und es wird lösungsorientierter vorgegangen.“ Butlers ist ein Handelsunternehmen mit Sitz in Köln, das Wohnaccessoires, Dekorationsartikel und Geschenke in etwa 120 Filialen des In- und Auslands verkauft und zuletzt mit rund 800 Mitarbeitern etwa 80 Millionen Euro erlöst hat.

Die Buchhandelskette Thalia kämpft ebenfalls mit den schweren Folgen des Lockdowns: „Unser stationäres Geschäft ist durch die on/off-Strategie bis an die Grenze des Machbaren belastet“, sagt Michael Busch, CEO und geschäftsführender Gesellschafter der Buchhandelskette Thalia. Aufgrund des Lockdowns fallen wichtige Verkaufstage in den Buchhandlungen aus. Die Folge: Busch muss erneut sehr viele Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Deshalb fordert der Thalia-Chef ab Februar bis ins Frühjahr Sonntagsöffnungen, um damit die Kundenströme zu entzerren und Umsatzverluste aus dem Weihnachtsgeschäft wenigstens etwas auszugleichen.

Optimistischer klingt da Douglas-Chefin Tina Müller: „Durch die Erfahrungen aus den ersten beiden Lockdown-Phasen sind wir gut vorbereitet, falls die Maßnahmen verlängert werden. Mit unserem starken E-Commerce sind wir im Gegensatz zu vielen anderen Händlern in der Lage, relevante Teile der Nachfrage aus den Filialen über unsere Online-Plattform zu bedienen“, sagte Müller der WirtschaftsWoche. „Gleichwohl ist die Situation für unsere Filialen äußerst schwierig. Wie jeder andere betroffene Händler hoffen wir daher, dass die von Bund und Ländern ergriffenen Maßnahmen rasch Wirkung zeigen und wir unsere Filialen zeitnah wieder öffnen können.“

Gastronomie:

Auch für die Gastronomie ist die aktuelle Lage ein stetes Schwanken zwischen Hoffen und Bangen. Durch den ersten Lockdown im April mussten sich Gastronomen – als eine der ersten vom Lockdown betroffenen Branchen – in kürzester Zeit selbst helfen. Die Systemgastronomie lernte erstmalig Kurzarbeit kennen. Mit der Entspannung im Sommer gab es ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Durch Investitionen in Hygienekonzepte waren die Unternehmen dabei, sich aus dem Tal herauszuarbeiten.

Doch im Herbst begann bereits eine weitere existenzielle Bedrohung für viele Gastronomen und deren Mitarbeiter. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Umsatz im Oktober gegenüber September 2020 nochmal um über 11 Prozent gefallen ist. Im Vergleich zum Vorjahr schlägt der Umsatzrückgang sogar mit 31 Prozent zu Buche. Das sind wirtschaftliche Dimensionen, die alle Unternehmen vor sehr große Herausforderungen stellen.

„Eine weitere Verlängerung bedeutet einen Sprung an den Rand der Existenz“ sagt Andrea Belegante, Geschäftsführerin des Bundesverbands für Systemgastronomie. Damit wären hunderttausende Arbeitsplätze und die gastronomische Vielfalt in Deutschland akut bedroht. „Die gesamte Branche leidet“.



Nach Angaben von Belegante ist der zweite Lockdown deutlich gravierender als der erste. Im März und April konnten die Unternehmen noch von Rücklagen zehren. Nun sind diese Polster über das Jahr hinweg aufgebraucht. Noch viel länger auf die November- und Dezemberhilfen warten könne die Branche jedenfalls nicht.

„Für uns Gastronomen ist die Warterei eine schwierige Liquiditätsdurststrecke“, bestätigt Kent Hahne, Chef von Apeiron, dem größten Franchisenehmer von L’Osteria. Hahne bangt um jeden Tag. Durch Kurzarbeitergeld können die Restaurants von L’Osteria noch drei Monate künstlich über Wasser gehalten werden. Er geht davon aus, seine Restaurants erst im März wieder aufmachen zu können.
Der Chief Marketing Officer der Burgerkette Hans im Glück, Peter Prislin, schaut hoffnungsvoll in die Zukunft: „Angepasste Prozesse, sowie Logistik und der erfolgreiche Start eines eigenen Lieferdienstes lassen uns optimistisch in 2021 blicken“. Er hat in seiner Planung bereits mit einer Verlängerung gerechnet. Für Hans im Glück sei der Einschnitt der Schließung längst nicht so tief wie im Frühjahr. Das Bestellverhalten wachse kontinuierlich. „Die Menschen haben sich an unseren Lieferservice gewöhnt“.

Ingrid Hartges, Dehoga-Hauptgeschäftsführerin, rechnet auch fest mit einer Verlängerung des Lockdowns. Umso wichtiger sei es, dass nun die Ende Oktober versprochenen Staatshilfen fließen. „Unsere Betriebe brauchen jetzt dringend diese Unterstützung, sonst sind Insolvenzen programmiert.“

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Hotels:
Christoph Hoffmann, CEO der Hotelkette 25 hours, ist über eine mögliche Verlängerung des Lockdowns besorgt. „Für das 25 hours wird es von Tag zu Tag schlimmer. Wir versuchen zu überleben,“ erklärt er. Zwar könnten sich große Business-Hotelketten vor der Insolvenz retten; doch gerade kleine Hotels seien in ihrer Existenz bedroht. Schon das Beherbergungsverbot im Herbst vergangenen Jahres traf die Hotellerie hart. Mangels bundeseinheitlicher Regelungen konnten Betreiber keine einheitlichen Richtlinien für ihre Mitarbeiter erlassen. Da die Kurzarbeit verzögert griff, liefen die Kosten in voller Höhe bei absolutem Umsatzausfall weiter. Gleichzeitig mussten die Hotelbetreiber mit den Vermietern der Immobilien die Pachtverträge neu verhandeln.

Hoffmann fühlt sich in der Debatte um Corona-Hilfen allein gelassen. Es fehle staatliche Unterstützung. „Wenn endlich die November- und Dezemberhilfen ausbezahlt würden, hätten wir mehr Luft, um durchzuhalten. Aber da gibt es bisher keine erkennbare Perspektive.“ Entscheidend sei, ob die Hotelbetreiber nach der Pandemie noch Ressourcen haben, sich am Markt zu etablieren, erklärt er. Innerhalb der kommenden drei bis sechs Monate rechnet Hoffmann jedoch nur mit wenigen Veränderungen.

Veranstaltungen:

Auch in der Veranstaltungsbranche rückt die Hoffnung auf einen Neustart zunehmend in die Ferne. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft erlebt bereits, dass vor allem kleinere Unternehmen aufgeben. „Das wird erhebliche Auswirkungen auf die zukünftige Vielfalt des Kulturangebots haben“, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands. Überleben könne die Branche eigentlich schon lange nicht mehr. Bislang hat jedoch die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende des vergangenen Jahres die übrigen Unternehmen noch über Wasser halten können.

Der CTS Eventim CEO Klaus-Peter Schulenberg sieht die Verlängerung des Lockdowns unverzichtbar. Aber: „Ein solcher Schritt muss mit einer adäquaten staatlichen Unterstützung der betroffenen Wirtschaftszweige einhergehen“. Gerade die Veranstaltungsbranche und das Live Entertainment habe besonders unter den Beschränkungen zu leiden – und das bereits seit dem Frühjahr 2020.

Kinos:

„Die fehlende Perspektive und  Transparenz sowohl mit Blick auf eine Wiedereröffnung der Kinos als auch über die Höhe der Fördermittel ab Januar stellt uns als Kinobetreiber vor eine enorme Herausforderung“, erklärt Frank Thomsen, Geschäftsführer des Kinounternehmens CinemaxX. Wie die meisten deutschen Unternehmer wartet er auf die November- und Dezemberhilfen der Bundesregierung. Gerade Multiplexbetreiber und Kinoketten fielen aufgrund ihrer Größe durch fast alle Raster für Förderprogramme, wobei sie größere Kostenvolumina zu bewältigen haben als kleine Kinos, betont er. Trotz des boomenden Streaming-Geschäfts ist Thomsen vom Fortbestand der Kinos überzeugt. Die Menschen sehnten sich nach Freizeitaktivitäten außerhalb der heimischen Wohnzimmers. Sobald die Kinos wieder öffnen dürfen, rechnet er mit einem großem Besucheransturm.

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