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Geldanlage Für den Traum von Disneyland das Ersparte opfern

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Ein Mann gegen einen Weltkonzern

Vor allem seine Frau Erke belastet der Verlust der Wohnungen. „Es gab sicher Spannungen zwischen uns, aber ich habe gut verdient und konnte mir trotzdem alles Nötige leisten“, sagt er. Seiner Frau verspricht er damals ein Klavier, wenn die Euro-Disney-Aktie wieder steigt. Sie sagt: „Ich habe das Klavier dann irgendwann selbst gekauft, es wäre sonst nie was geworden.“

Mit Euro Disney geht es weiter abwärts. Immer wieder geht dem Park das Geld aus, Restrukturierungen und Kapitalerhöhungen müssen her. Sie sind es, weswegen Freisler sich heute von Walt Disney belogen und bestohlen fühlt. Denn der Mutterkonzern verleibt sich im Zuge der Kapitalerhöhungen große Teile „seiner“ Euro Disney ein. Hielt die Mutter im Jahr 2004 noch rund 40 Prozent am Unternehmen, sind es heute über komplizierte Konstruktionen fast 90. Als Gegenleistung für die zusätzlichen 50 Prozentpunkte hat Walt Disney der Tochter vor allem Schulden erlassen: 800 Millionen Euro. Für Freisler ist das viel zu wenig.

Allein der Bau der Attraktionen und Gebäude sowie die Ausstattung der Parks haben mehr als vier Milliarden Euro verschlungen. Dem Unternehmen gehören heute 82 Prozent der Parks, dazu kommen sieben Hotels mit 5800 Zimmern und das Recht, auch die Umgebung des Disneylands zu erschließen. Wie viel dieses Vermögen abzüglich der Unternehmensschulden wert ist, ist die große Frage im Streit zwischen Weltkonzern Walt Disney und Kleinaktionär Freisler.

Schon vor zehn Jahren, nachdem Walt Disney Kleinaktionären zum ersten Mal Anteile abgejagt hat, wehrt sich Freisler mit Briefen ans Management. Das reagiert auf die detaillierte Kritik des Kleinaktionärs ungewöhnlich: Euro Disney schickt Freisler den damaligen Chef Karl Holz vorbei. Man trifft sich im Saal Sankt Moritz des Münchner Sheraton Hotels. Holz hat seinen Finanzvorstand und einen Dolmetscher im Schlepptau. Schon damals ahnt Freisler, dass Walt Disney die französische Tochter komplett übernehmen will, die Topmanager wiegeln jedoch ab.

2015 greift sich Walt Disney das nächste Stück vom Park, wieder gibt es Streit um den Preis. Ein von Euro Disney in Auftrag gegebenes Gutachten bescheinigt, die Attraktionen seien eng mit der Marke Disney verwoben, ein fairer Marktpreis des Parks deshalb nicht bestimmbar. Freisler hingegen schätzt den Wert auf drei Milliarden Euro. Auch der aktivistische Fonds Charity Investment Merger Arbitrage (Cima) geht davon aus, dass Walt Disney den Euro-Disney-Aktionären bei der Kapitalerhöhung 2015 nur ein Drittel des fairen Werts geboten habe, wie die französische Finanzzeitung „L’Agefi“ berichtet. Der Fonds legte Beschwerde ein, verlor jedoch in erster Instanz. Aktuell läuft der Einspruch dagegen vor dem obersten französischen Gericht – Ausgang offen.

Euro Disney selbst beziffert den Wert seiner Anlagen nur noch auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Jüngst schrieb das Unternehmen noch mal satte 565 Millionen Euro auf Attraktionen, Gebäude und andere Vermögensgegenstände ab. Ungewöhnlich, sind die Hotels und Attraktionen doch ausweislich einer Unternehmensmitteilung „neu renoviert“. Beim letzten Werthaltigkeitstest 2014 hatte Euro Disney noch festgestellt, dass dieses Vermögen mehr wert war als in den Büchern ausgewiesen. Nun also soll es ein Drittel an Wert verloren haben.

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Euro Disney begründet die Abschreibung mit den „schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen der Tourismusindustrie in Paris“ und dürfte damit vor allem die Terrorgefahr meinen. Im Disneyland war allerdings von Terrorangst 2016 bei Besucherzahlen von über 13 Millionen nicht viel zu spüren. Aktionär Freisler vermutet einen Trick, mit dem sich das Unternehmen künstlich arm rechnet, um den Aktienkurs zu drücken. Bei Kursen von etwas über einem Euro vor dem Bekanntwerden des Angebots scheint der von Disney gebotene Preis großzügig. Details zu der Abschreibung will Euro Disney nicht nennen.

Jürgen Freisler wird das Übernahmeangebot auf keinen Fall annehmen und will auch die anderen Aktionäre davon überzeugen. Er schreibt anderen langjährigen Anteilseignern Briefe. Allein um das Porto zu bezahlen, müsse er einen Teil seiner geliebten Aktien hergeben, sagt er. Dieses Opfer wird er bringen, wie so viele vorher schon. Unten in seinem Haus ist ein Zimmer eine Baustelle geblieben, im Garten wächst den Zwergen das Gras bis zum Bauchnabel. In der Einfahrt steht ein alter Renault Laguna Kombi mit 155.000 Kilometern auf dem Tacho.

Vieles hat Freisler dem Kampf gegen den Weltkonzern untergeordnet. Was er tun würde, wenn er all sein Geld nicht bei Euro Disney versenkt hätte? „Nicht viel anderes, ich habe kaum materielle Wünsche“, sagt er. Und dann doch nach kurzem Überlegen: „Ein schönes Rallyeauto würde ich mir vielleicht noch mal kaufen.“

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