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Gemeinwohl Was dient der Allgemeinheit? Und wer?

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1. Gemeinwohl neu und anders auf die Agenda setzen

Seit Aristoteles‘ Überlegungen zum Gemeinwohl in der Polis steht die Begrifflichkeit im Raum und hat noch jeden beschäftigt, der sich mit der Funktionsweise von großen sozialen Gruppen auseinandersetzt. Die Begriffsgeschichte ist daher lang, schillernd und: sie ist nach vorn offen. Man sollte es sich dabei nicht zu einfach machen und Gemeinwohl endgültig auf den einen definitorischen Punkt bringen zu wollen, getreu dem Motto: „… ist nichts anderes als…“ Eine solche Fixierung hätte garantiert nur eine kurze Halbwertszeit. Man denke nur an die Vereinnahmungsversuche durch Ökonomen, Politiker oder auch Juristen.

Erfolgversprechender, aber auch mühsamer ist es, Gemeinwohl im Sinne von Immanuel Kant als regulative Idee zu verstehen, also als eine das menschliche Zusammenleben regulierende gedankliche Vorstellung. Als solche ist sie eben nicht abstrakt, sondern entwickelt ihre Kraft durch die mit ihr verknüpften Emotionen. Somit hängt sie von den Menschen ab, die sie entwickeln und verändern können. Es handelt sich dem Grunde nach in erster Linie um einen Mechanismus in großen Gruppen, ohne den Sozialität nicht möglich ist.

Eine Gesellschaft ist nicht funktionsfähig, wenn ihre Mitglieder nicht eine das Gemeinwesen tragende Gemeinwohlidee ausbilden. Dies wissen all jene sehr genau, die sich in einem säkularen Gemeinwesen letztendlich in komplexen Abwägungen auf das Gemeinwohl beziehen (müssen). Dass es für Gemeinwohlbelange unterschiedliche Begriffe gibt, die Einzelaspekte herausheben ist klar: Gemeinsinn, sozialer Frieden, kulturelle Identität usw. Wichtig ist, dass es jeweils nur Annäherungen und Provisorien sein können, weil man eben regulative Ideen nicht vollständig fassen kann.

Folglich wird das Gemeinwohl immer wieder neu und abhängig von den weltanschaulichen und politischen Einstellungen inhaltlich anders aufgeladen und vereinnahmt. Gelegentlich muss das Verständnis vom Gemeinwohl repariert und neu ausgerichtet werden, um einen Minimalkonsens in der Gesellschaft zu erreichen.

Gerade in Zeiten von Verunsicherung taucht dann die Frage vermehrt auf, was denn im „öffentlichen Interesse“, im „Interesse des Landes“ usw. ist. Nicht umsonst tauchen dann vermehrt Vorschläge auf, um diese Lücken zu füllen. Man denke stellvertretend nur an die auf Ernest Renan zurückgehende Idee von der Schweiz als Willensnation, an die Suche nach der Swissness oder auch an die außenpolitische Identitätskonstruktion der Schweiz als neutraler Staat.

Der GemeinwohlAtlas ist nun in doppelter Hinsicht neu und anders: Er greift zum einen auf einen der wissenschaftlich fundierten Bedürfnispsychologie entlehnten Bezugsrahmen auf. Damit wird die kollektive Gemeinwohlebene mit der Conditio humana konfrontiert und aufeinander bezogen. Das schwer greifbare Gemeinwohl wird somit mit der individuellen Erfahrung verbunden und aus dem gedanklichen Orbit ins Lebensweltliche übersetzt. Damit erhält Gemeinwohl eine empirisch überprüfbare Basis und wird den Sonntagsreden, metaphysischen Übungen und abstrakten Gedankenspielen gegenübergestellt. Mehr soziale Bedürfniserfüllung =  mehr Gemeinwohl – so die einfache Formel. Wer andere Bezugsrahmen heranziehen möchte, kann dies natürlich tun.

Unser Ansatz beruht auf einem ganzheitlichen Menschenbild, offen für je andere Ausgestaltungsformen und Variationen von Grundbedürfnissen. Durch die Verbindung von Individuum und Kollektiv über den Gemeinwohlbegriff wird die in der Moderne so kompliziert gewordene Beziehung zwischen einem sich (vermeintlich) selbst gestaltendem und handlungsmächtigen Subjekt und einer zunehmend als wenig überschaubaren und entfremdeten Gesellschaft thematisiert.

Diese Organisationen halten die Deutschen für besonders wichtig fürs Gemeinwohl

Ein zweiter wichtiger Gedanke bildet das Rückgrat des GemeinwohlAtlas. Ganz im Sinne von Peter Drucker, dem so wirkungsmächtigen Vordenkers modernen Managements wird unseren Organisationen und ihrem Handeln eine besonders gemeinwohlrelevante Rolle zugeschrieben: Nicht primär das im Gesetzestext, in religiösen Schriften oder abstrakten Staatsprinzipien festgeschriebene Gemeinwohl, sondern dass durch kleine und große Organisationen tagtäglich im Alltag verfertige Gemeinwohl wird hier thematisiert. Es sind unsere Institutionen – also vor allem auch unsere Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und NGO die unser Gemeinwohlempfinden prägen, formen und auch verändern.

In dieser Sichtweise erhält auch der in der Betriebswirtschaft gängige Begriff der Wertschöpfung eine erweiterte, teils neue Bedeutung. Organisationen leisten nicht nur einen Beitrag zum Gemeinwohl, man kann noch stärker formulieren: Sie machen aktiv Gesellschaft. Über Organisationserfahrungen als Kunde, Mitarbeiter oder Bürger machen wir Gesellschaftserfahrungen, die auf unsere Bedürfnisstrukturen einwirken.

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