Geplanter Kauf von Simon & Schuster Bekommt Bertelsmann seinen Weltverlag?

Bertelsmann will durch die Übernahme von S&S durch die Verlagstochter Penguin Random House seine Marktmacht deutlich ausbauen. Quelle: imago images

Der Medienkonzern Bertelsmann will in den USA einen Buchverlag kaufen – und seine Tochter Penguin Random House zum mächtigen Weltverlag ausbauen. Ein US-Gericht könnte den Deal im November stoppen – indem es den Argumenten von Bestsellerautor Stephen King folgt.

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Für katholische Konservative in den USA ist US-Supreme-Court-Richterin Amy Barrett ein Star, für woke Liberale eine Hassfigur – und für Bertelsmann-Chef Thomas Rabe soll sie ein gutes Geschäft werden. Wenn es denn nach Plan läuft. Die Bertelsmann-Tochter Penguin Random House (PRH) will Barretts neues Buch veröffentlichen. Die Top-Juristin wolle darlegen, wie Richter vermeiden können, ihre persönlichen Ansichten in Urteile einfließen zu lassen, heißt es aus dem Umfeld. Die Lektüre gilt als künftiger Verkaufsschlager. PRH zahlte dafür angeblich einen Vorschuss in Höhe von zwei Millionen Dollar. Bertelsmann äußerte sich dazu nicht.

Der Fall zeigt jedoch: PRH ist groß im Geschäft – und einer der renommiertesten Buchverlage der Welt. Die Bertelsmann-Tochter gilt als Premiumadresse für Buchveröffentlichungen. Im Januar 2023 sollen beispielsweise die Memoiren von Prinz Harry erscheinen. Zu den bisherigen Bestsellern zählen etwa die Bücher des ehemaligen Trump-Anwalts Michael Cohen oder des Autorenteams Walt Bogdanich und Michael Forsythe über den Machtfaktor McKinsey. PRH entscheidet, worüber in den USA diskutiert wird – und wer eine mächtige Stimme bekommt.

Bald soll PRH noch mächtiger werden. Die Bertelsmann-Tochter hat vor zwei Jahren den Kauf des Wettbewerbers Simon & Schuster (S&S) für fast zwei Milliarden Euro angekündigt. Der geballte Umsatz läge danach bei weit mehr als vier Milliarden Euro. Dagegen hat die US-Wettbewerbsbehörde jedoch Klage eingereicht. Der Merger würde die Meinungsmacht zementieren und den Autoren Verhandlungsoptionen rauben. Ein US-Gericht wird wohl noch im November eine Entscheidung treffen.

Sollte PRH verlieren, wäre das die zweite Niederlage für Bertelsmann-Chef Rabe in Folge: In Frankreich scheiterte er gerade mit dem Plan, einen TV-Ableger der Tochter RTL mit einem Konkurrenten zusammenzulegen. Bertelsmann wird zwar in diesem Jahr erstmals mehr als 20 Milliarden Euro Umsatz erzielen. Dennoch wäre mehr drin. Außerdem könnte das Werbegeschäft bald einbrechen. „Die nächsten 18 Monate bleiben schwierig“, sagte Rabe. Deswegen werde man nun selektiver investieren.

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Der geplante Buch-Deal in den USA wird von einer breiten Öffentlichkeit beobachtet – und von prominenten Stimmen begleitet. Vor wenigen Wochen etwa hat sich Beststeller-Autor Stephen King vor Gericht zu einem fusionierten Groß-Verlag geäußert. Er warnte vor negativen Folgen für Schriftsteller, die niedrigere Honorare zu befürchten hätten.

Top-Autoren wie Supreme-Court-Richterin Barrett verdienen in den USA viel Geld mit der Veröffentlichung eines Buches. Das Justizministerium behauptet nun aber, dass der Merger von PRH und S&S die Verhandlungsmacht gegenüber Autoren auf zu wenige Verlage konzentriere. Der Zusammenschluss würde den „signifikanten Kopf-an-Kopf-Wettbewerb zwischen den Unternehmen“ eliminieren, heißt es in dem Abschluss-Plädoyer der US-Regierung, das im Nachgang an die Verhandlungen im September 2022 veröffentlicht wurde – „zum Nachteil der Autoren“. Aus den „großen Fünf“ würden „die großen Vier“, so das Justizministerium – und ein Risiko, das Wettbewerbsrecht zu unterlaufen. Zu den „Big Five“-Gruppen gehören neben PRH (Nummer eins) und S&S (Nummer vier) auch Hachette, HarperCollins und Macmillan.

PRH und S&S, die beide ein Interesse an dem Zusammenschluss haben, widersprechen den Argumenten der Regierungsanwälte. Ihr Hauptargument: Der Merger würde den Wettbewerb nicht schwächen, sondern „stärken“. Gemeinsam könnten die Verlage PRH und S&S „sogar intensiver“ gegen Wettbewerber vorgehen, um die Bücher verlegen zu können, „die die Leser lesen wollen“.

Horrorvision: Beststeller-Autor Stephen King (hier nach dem Termin vor Gericht) warnt vor einem fusionierten Groß-Verlag. Quelle: AP

Uneins sind beide Seiten vor allem darüber, wie sich der US-Buchmarkt eigentlich am besten definieren lässt. Dabei fällt als Bezugsgröße für die Marktabgrenzung in den Plädoyers immer wieder ein Vorschuss in Höhe von 250.000 Dollar, den ein Verlag bereit wäre für die Veröffentlichung eines Buches zu zahlen. Aus Sicht der US-Wettbewerbsbehörde wüssten Verlage in solchen Fällen häufig sehr genau und schon im Vorfeld eines solchen Angebots, ob sich ein Buch für den Verlag rentieren würde, sprich: ob ein Bestseller mit hohen Umsätzen wahrscheinlich ist. Sie könnten die Umsätze vergleichbarer Bücher einschätzen, kennen das Manuskript und die Vermarktungschancen des Genres. Ein Vorschuss in Höhe von 250.000 Dollar würde ein „top-selling book“ antizipieren. Wenn nun die Nummer eins und Nummer vier der US-Buchverlage zusammen gingen, hätten Autoren weniger Alternativen. Die Vorschüsse könnten sinken.

PRH sieht das anders. Das Unternehmen behauptet, dass es einen Markt für „anticipated top-selling books“ nicht gebe. Es gebe keine Garantie für den Erfolg eines Buches. Über Vorschuss und Publikation entscheide auch „die Intuition“, sagte Madeline McIntosh, US-Chefin der Bertelsmann-Tochter PRH, während der juristischen Auseinandersetzung. Man produziere „keine Dinge“, sondern die Bewertung sei „ein hoch subjektiver Prozess“. Eine klare Marktabgrenzung sei nicht möglich.

Und für Autoren jenseits der Eine-Million-Schwelle gälten ohnehin andere Regeln. Tatsächlich würde sich hier die Zahl der starken Buchverlage nach einem Merger von fünf auf vier reduzieren. Doch Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die einen Vorschuss von mehr als eine Million Dollar erhielten, müssten aus Wettbewerbsgründen kaum geschützt werden, argumentiert die PRH-Seite.

Spannend ist das juristische Schauspiel aber vor allem auch, weil es einen ungeschminkten Einblick in die inneren Prozesse des Bertelsmann-Kosmos ermöglicht: So müssten Vorschüsse über eine Million Dollar von US-Chefin McIntosh persönlich abgezeichnet werden. Zahlt PRH mehr als zwei Millionen Dollar vorab, sei eine Genehmigung des PRH-Weltchefs Markus Dohle einzuholen. Dohle habe die Vorschuss-Vorschläge seines Teams aber noch nie abgelehnt, ließ PRH in dem Verfahren mitteilen. Ab einem Vorschuss von 75 Millionen Dollar sei eine Freigabe aus Gütersloh notwendig. Bislang wurde Bertelsmann-Chef Rabe aber noch nie gefragt, einen so hohen Vorschuss freizugeben. Der Rekordvorschuss in Höhe von 65 Millionen Dollar für die Memoiren von Barack and Michelle Obama habe unterhalb der Schwelle gelegen.

Noch bis Dezember 2022 soll das US-Gericht entscheiden. Und die Richter könnten sich auch auf die Meinung von Schriftsteller Stephen King stützen. Der Bestseller-Autor wurde im August als Experte gehört. Er stellte sich im Gerichtssaal als „freiberuflicher Schriftsteller“ vor und hatte zur geplanten Fusion eine klare Meinung. Es werde für Schriftsteller immer schwieriger, „genug Geld zum Leben zu finden“, sagt er. „Ich denke, dass eine Konsolidierung schlecht für den Wettbewerb ist, das ist mein Verständnis des Buchgeschäfts.“ Dass PRH und S&S behaupteten, sie würden im Falle einer Fusion ihre Bücher getrennt versteigern, nannte King „ein bisschen lächerlich“.

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Auf ihn dürfte die geplante Fusion von PRH und S&S selbst kaum Auswirkungen haben. Er ist einer der Top-Verdiener. Genauso wenig wie Bob Woodward. Der Journalist deckte in den Siebzigerjahren als Teil eines Autoren-Duos den Watergate-Skandal auf. Nun veröffentlichte er bei Simon&Schuster „Die Trump Tapes“ - ein Audiobuch mit 20 Interviews mit Donald Trump. S&S hält es für einen Verkaufsschlager und ordnet es in die Rubrik: „Trending Now“.

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