Gerd Becht Lufthansa spielte im Kartell eine maßgebliche Rolle

Der Rechtsvorstand der Bahn, Gerd Becht, übt scharfe Kritik am Verhalten der am Cargo-Kartell beteiligten Fluglinien und hält Belastungen für die Geschäftsbeziehung für möglich.

Gerd Becht Quelle: Deutsche Bahn AG, Mark Darchinger

WirtschaftsWoche: Herr Becht, die Deutsche Bahn verklagt die Lufthansa und andere Frachtfluggesellschaften wegen des Cargo-Kartells auf Schadensersatz in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Haben Sie der Lufthansa keine außergerichtliche Lösung angeboten?
Gerd Becht: Doch, das haben wir. Wir haben sogar etliche Versuche unternommen, mit den Verantwortlichen bei Fluggesellschaften über eine Schadensregulierung ins Gespräch zu kommen – bisher ohne Erfolg. Deshalb mussten wir zur Vermeidung von Verjährung Klage erheben. Dabei haben die Kartellbehörden in Europa, den USA und anderen Ländern den Rechtsverstoß der Unternehmen eindeutig festgestellt. Es handelt sich hier um eines der größten Kartelle in der Wirtschaftsgeschichte. Über zwei Milliarden Euro Bußgelder mussten rund um den Globus gezahlt werden. Für die Blockadehaltung aller Airlines habe ich daher kein Verständnis.

Zur Person

Die Frachtflieger haben in der Zeit von 1999 bis 2006 unter anderem Zuschläge für Treibstoff und Sicherheitsgebühren abgesprochen. Wie haben Sie den Schaden für die Speditionstochter der Bahn, Schenker, errechnet?
Durch die abgesprochenen Zuschläge haben die Fluggesellschaften für die Fracht einen Preis verlangt, der kartellbedingt deutlich über dem Marktpreis lag. Für die Schadensberechnung mussten wir zunächst ermitteln, wie hoch der Marktpreis ohne die kartellrechtswidrigen Absprachen gewesen wäre. Aus dem Delta zwischen diesem hypothetischen Marktpreis und dem abgesprochenem Preis konnten wir den prozentualen Kartellaufschlag auf den Marktpreis und damit anhand unserer Gesamtumsätze auch den Schaden berechnen.

Und die Lufthansa war Haupttäter?
Zumindest hat die Lufthansa in dem Kartell eine maßgebliche Rolle gespielt. Das zeigen die Ermittlungen etwa der Europäischen Kommission und aller anderen Kartellbehörden.

Neben der Lufthansa verklagen Sie auch Fluggesellschaften wie British Airways, Singapore Airlines, Cargolux, Qantas und LAN. Wer müsste für den Schaden, der Schenker entstanden ist, am Ende aufkommen?
Sollte das Gericht unserer Klage folgen, könnten wir grundsätzlich von jedem in der Klage genannten Unternehmen den Gesamtschaden einfordern. Die Fluggesellschaft könnte sich dann die Schadensersatzzahlungen, die nicht ihr zuzurechnen sind, von anderen Kartellmitgliedern zurückholen. Das wäre dann aber nicht mehr unsere Aufgabe.

Die Lufthansa ist ein Hauptlieferant Ihrer Speditionstochter Schenker. Inwieweit schadet die Klage der Geschäftsbeziehung?
Das hängt immer davon ab, wie sich der Geschäftspartner weiter verhält. Eine Verschlechterung unserer Geschäftsbeziehungen ist nicht unser Ziel. Wir wollen weiter gut miteinander zusammen arbeiten. So haben wir etwa auch beim Schienenkartell Rücksicht auf unsere Lieferanten genommen und faire Vergleiche mit ThyssenKrupp und Voestalpine geschlossen. Eines muss aber klar sein: Wir können nicht dulden, dass der entstandene Vermögensverlust nicht beglichen wird. Die Fluggesellschaften sind jetzt am Zug. Sie müssen eine Vertrauensbasis für die Zukunft schaffen.

Ganz überraschend dürfte die Klage der Deutschen Bahn für die Airlines nicht gekommen sein?
Absolut nicht. Wir haben bereits vor einem Jahr eine Feststellungsklage eingereicht, damit unsere Ansprüche nicht verjähren. Die Fluggesellschaften wussten also, dass wir sie auf Schadensersatz verklagen werden. Nur die Höhe war noch unbekannt.

Sind Sie mit der Arbeit der deutschen und europäischen Kartellbehörden zufrieden?
Dadurch, dass Mitglieder eines Kartells straffrei ausgehen, wenn sie ein Kartell zu Fall bringen, hat sich die Zahl der aufgedeckten Kartelle enorm erhöht. Durch diese sogenannte Kronzeugenregelung hat sich die Situation für die geschädigten Unternehmen deutlich verbessert. Allerdings müssen wir dann immer noch unseren konkreten Schaden nachweisen. Hier wäre es hilfreich, wenn wir von den Behörden Einblick in die Bußgeldbescheide bekommen könnten.

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