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Gerichtsurteil Schlechtes Zeichen für Deutschlands Flughäfen

Das Urteil zum Nachtflugverbot hat weitreichende Wirkung – auch über Frankfurt hinaus. Andere Flughäfen und ihre Betreiber müssen womöglich neu planen und schärfer kalkulieren.

Flugzeug bei Nacht Quelle: dpa

„Es ist ein bemerkenswerter Erfolg für die Kommunen, die sich für ihre Bürger stark gemacht und 2008 geklagt haben“, kommentiert Rechtsanwalt Bernhard Schmitz aus Frankfurt am Main das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen. Für die Regierung des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier ist es hingegen eine Ohrfeige: Die 17 Nachtflüge, die eine Ausnahmegenehmigung erhalten sollten, hat das Gerichtsurteil bis auf weiteres verboten. „Der Landesregierung Hessen wurden ihre Fehler aufgezeigt“, sagt Anwalt Schmitz, der schon seit rund zwölf Jahren verschiedene Kommunen der Region im Streit um den Flughafenausbau und Fluglärm vertritt.

Ungeliebte Donnervögel
Fluglärm belastet die Gesundheit, das haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt. Wer etwa über Jahre hinweg einem hohen Fluglärm-Pegel ausgesetzt ist, hat ein höheres Herzinfarkt-Risiko als Menschen ohne diese Schallbelastung. Doch wie entsteht Fluglärm eigentlich? Und was tun Hersteller und Flughafenbetreiber, um die Belastungen zu reduzieren? Ein Überblick. Quelle: dpa
StartHauptlärmquelle beim Start sind die Triebwerke des Flugzeugs. Je nach Triebwerksart sind der Motor selbst oder die Abgase für die Geräuschentwicklung verantwortlich. Bei Turboprop-Maschinen entsteht Lärm vor allem an den Propellerblättern, bei Jettriebwerken kommt es bei der Vermischung der Austrittsgase mit der umgebenden Luft zur Lärmentwicklung. Quelle: ap
TriebwerkeDurch neu entwickelte Strahltriebwerke versuchen Hersteller, den Lärmpegel beim Start zu senken. Im Zentrum des Interesses steht dabei der Fan, ein Gebläse zur Beschleunigung des Luftstroms. Experten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben einen neuen, langsam drehenden Fan entwickelt, der nicht nur deutlich leiser arbeitet, sondern auch Triebwerke mit höherer Leistung ermöglicht. In die gleiche Richtung geht ein Gemeinschaftsprojekt des amerikanischen Herstellers Pratt & Whitney und der deutschen MTU, das es bis 2013 zur Marktreife bringen soll. Quelle: dpa
Zero-SpliceUntersuchungen des DLR haben ergeben, dass ein Drittel des Triebwerklärms nach vorne abgestrahlt wird. Ein Grund dafür sind baubedingte Nähte und Lücken an Teilen im Lufteinlass des Triebwerks. Mit dem Zero-Splice-Verfahren, bei dem der Lufteinlass lückenlos umkleidet wird, lässt sich diese Lärmquelle beseitigen. Zum Einsatz kommt das Verfahren etwa beim Super-Airbus A380. Quelle: dapd
BrennstoffzellenAuch der Weg zur Start- oder Parkposition geht nicht ohne Lärm ab – müssen die Flugzeuge doch auch für die Fahrt über das Rollfeld ihre Triebwerke einsetzen. Abhilfe verspricht hier eine neue Entwicklung des DLR: Brennstoffzellen im Bugrad der Maschine liefern Energie für zwei Elektromotoren, die das Flugzeug ohne Lärm und Abgase über das Rollfeld befördern. Quelle: dpa
LandungBei der Landung sind weniger die Triebwerke als vielmehr Tragflächen und Fahrwerk für die Lärmentwicklung verantwortlich. Das ausgefahrene Fahrwerk und die geöffneten Klappen, hinter denen die Räder während des Fluges verborgen liegen, erhöhen den aerodynamischen Widerstand und bremsen das Flugzeug ab. Gleichzeitig macht sich die Luftströmung an den Rädern sowie an den zur Landung ausgefahrenen Vorflügeln und Landeklappen unangenehm laut bemerkbar. Quelle: dpa
Frankfurter VerfahrenZur Vermeidung von Anfluglärm wurde am Frankfurter Flughafen das sogenannte „Frankfurter Verfahren“ entwickelt. Kern dieser mittlerweile weltweit zum Standard gewordenen Methode ist ein möglichst spätes Ausfahren von Vorflügeln, Landeklappen und Fahrwerk. Gleichzeitig ist der Pilot angehalten, das Flugzeug in einem gleichmäßigen Gleitflug ohne übermäßigen Triebwerkseinsatz sinken zu lassen. Quelle: dapd

Schmitz traut dem Urteil weitreichende Folgen im Bundesgebiet zu: „Die Kernnacht muss dem Bundesverwaltungsgericht zufolge grundsätzlich flugfrei bleiben; nur dringende Ausnahmen für Expressfracht wie in Leipzig/Halle sind planbar. Das dürfte sich unmittelbar auf die künftigen Ausbaugenehmigungen für Flughäfen auswirken, zum Beispiel für die geplante neue Start- und Landebahn am Flughafen in München.“ Bereits genehmigte Nachtflüge oder Flughafenausbauten dürften hingegen davon abhängen, ob es einen politischen Willen gibt, daran zu rütteln. „Dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts lässt sich entnehmen, dass Gesundheitsschutz vor Bestandsschutz geht“, so Schmitz. Was das im Einzelfall bedeutet, wird erst aus der ausführlichen Urteilsbegründung ersichtlich werden, die in etwa sechs bis acht Wochen vorliegen soll. Das Urteil über den Nachtflugbetrieb am Flughafen Köln/Bonn vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster wird sicher schon im Lichte des Richterspruchs von Leipzig gefällt. Das könnte Zusatzkosten und aufwändige Planänderungen nach sich ziehen.

Nichts Gutes für Flughafenbetreiber

Für die Flughafenbetreiber und die Fluggesellschaften verheißt das nichts Gutes. Sie müssen ihre Expansionspläne neu konzipieren. Rechtsanwalt Matthias Möller-Meinecke, der vier Musterkläger aus dem in Flughafennähe gelegenen Kelsterbach in Hessen vor dem Bundesverwaltungsgericht vertrat, geht das Urteil in Sachen Nachtflugverbot noch nicht weit genug. „Es ist eine Niederlage der Justiz, weil die Richter wichtige Gutachten missachtet haben und hohe Schwellen gelten lassen“, sagt Möller-Meinecke. Weil das Nachtflugverbot nicht auch für die Zeit von 22 bis 23 Uhr und für 5 bis 6 Uhr vollumfänglich gilt, sondern in Stoßzeiten auch zig Starts und Landungen erlaubt, sieht er darin ein deutliches Zugeständnis an die Luftverkehrswirtschaft.

„Die Nacht darf nicht zum Tag werden“ hatten die Richter in Leipzig zwar postuliert, aber „ohne Konsequenz für ihr Urteil“, so der Rechtsanwalt Möller-Meinecke. „Umweltmediziner hatten bestätigt, dass sechs Stunden Schlaf, die das Nachtflugverbot nun gewährleistet, nicht genügen. Vor allem für Kranke und Kinder nicht.“ Aus seiner Sicht drohen durch die Lärmbelästigungen Bluthochdruck, Herzinfarkt, Stress und eingeschränktes Leistungsvermögen in Schule und Beruf. Wenigstens hat das Bundesverwaltungsgericht deutlich gemacht, dass es keinerlei Notwendigkeit für Flüge zwischen 23 und 5 Uhr sieht.

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