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Germania-Insolvenz Die letzten Stunden der Pleiteairline

Germania: Hinter den Kulissen der Insolvenz Quelle: dpa

Monatelanger Verfall, ein geheim gehaltener Insolvenzantrag, die nächtliche „Bergung“ von Flugzeugen und die Suche nach der richtigen Verfahrensart – was hinter den Kulissen der Germania-Insolvenz geschah.

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Es muss im Spätsommer 2018 gewesen sein, als Karsten Balke zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl ausstrahlte. „Karsten ist ohnehin kein Partytyp, aber damals wirkte er angestrengter als sonst“, erinnert sich ein hochrangiger Branchen-Insider an ein Treffen mit dem Chef der seit Dienstag insolventen Fluglinie Germania. „Wir dachten, es sei der Stress, den wir alle hatten.“ Immerhin waren wegen der vielen Streiks und dem ungewöhnlich schlechten Wetter so viele Flüge ausgefallen, dass allen Airlines hohe Entschädigungsforderungen drohten.

Heute ist klar: Balke könnte erstmals geahnt haben, wie eng es in den nächsten Monaten für sein Unternehmen wird.

Germania war nie sonderlich profitabel. Seit 2012 wiesen alle Bilanzen der Airline oder gar der ganzen Gruppe inklusive der Leasing- und Wartungsfirmen hohe Verluste und wachsende Verbindlichkeiten aus.

Dass sich die Lage weiter zuspitzte, lag an Sonderlasten, die Germania zusätzlich belasteten. Die Linie hatte sich weder gegen steigende Spritpreise noch den stärkeren Dollar abgesichert. Zudem litt sie unter steigenden Flugzeugkosten, weil sie günstige eigene Jets gegen teure Leihmaschinen getauscht hatte.

Das traf sie ab dem Spätsommer mit Wucht. Für Airline-Manager beginnt in diesen Monaten die anstrengendste Zeit. Dann läuft der Verkehr auf Hochtouren. Der Flugplan ist so ausgereizt, dass jede kleine Flugpanne gleich Hunderte, wenn nicht Tausende Passagiere betrifft. Ab Ende August verlieren die Airlines zudem Geld. Zwar sprudeln in der Hochsaison Umsätze und Gewinne. Doch das Betriebskapital schwindet. „Es kommt deutlich weniger Geld durch neue Buchungen rein als wir im Betrieb ausgeben“, beschreibt ein Insider die Mechanik des von Buchhaltern negativer Cashflow genannten Mittelabflusses.

Für Balke war der Mittelabfluss im vergangenen Herbst besonders groß. Dafür sorgte die Konkurrenz der Branche. In jedem Gespräch mit seinen wichtigsten Kunden, den Reiseveranstaltern, traf der 55-Jährige auf knallharte Preisvorstellungen. Insbesondere Ryanair, aber auch andere Billiglinien oder Konzerngesellschaften wie Eurowings, boten ihre Tickets extrem günstig an.

Richtig turbulent wurde es im Dezember und Januar. Wie genau die Monate verliefen, wollen Balke und seine Sprecher auf Anfrage nicht erzählen. Doch Insider schildern die Abläufe so: Als die Wirtschaftsprüfer in der Adventszeit an der Jahresbilanz arbeiteten, wurden sie skeptisch. Angeblich zögerten sie mit der Erklärung, dass aus ihrer Sicht das Unternehmen noch mindestens 18 Monate genug Geld haben wird, um weiter zu fliegen. „Schon damals hörten wir immer wieder, dass Karsten mehr oder weniger verzweifelt Geldgeber sucht“, so ein hochrangiger Manager der Konkurrenz. „Es sollte um mindestens 15 Millionen gehen, am besten um mehr.“

Trotz aller Anstrengungen fand sich niemand. Darum drückte Balke schließlich am Abend des 8. Januar den Alarmknopf. Man prüfe derzeit „mehrere Optionen einer Finanzierung, um den kurzfristigen Liquiditätsbedarf zu sichern“, ließ die Fluggesellschaft per Pressemitteilung wissen. Ein Notsignal für Kunden, Mitarbeiter und Gläubiger.

Als erste reagierte laut der Fachzeitschrift fvw Ingrid Bischoff, die Witwe des 2005 verstorbenen Germania-Gründers Hinrich Bischoff. Sie habe dem Unternehmen laut Spekulationen ab dem 10. Januar mit zwei Überweisungen aus dem Gröbsten geholfen.

Am 14. Januar gab Geschäftsführer Karsten Balke Entwarnung: Er habe eine „wichtige Zusage“ erhalten. Die Unterstützung gehe sogar über den angestrebten Betrag von 15 Millionen Euro deutlich hinaus, lautete seine Botschaft.

Angeblich stammte auch dieses Geld aus der Familie des Gründers und früheren Alleineigentümers Hinrich Bischoff. Das bestätigten drei Brancheninsider der WirtschaftsWoche. Das Unternehmen selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Allein, das Geld floss nicht. Stattdessen begann ein Aufmarsch der Sanierer bei dem Berliner Unternehmen. Gleich mehrere Großkaliber der deutschen Insolvenz- und Sanierungszunft waren nach Informationen der WirtschaftsWoche bei Germania im Einsatz.

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