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Germania-Insolvenz Die letzten Stunden der Pleiteairline

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Germania: Warum sich der Fall Air Berlin nicht wiederholt

So durfte sich Andreas Ziegenhagen, Restrukturierungschef von Dentons, als Berater primär um die Holding kümmern. Detlef Specovius, Insolvenzspezialist von Schultze & Braun, hat die operativen Töchter beraten. Die Wirtschaftskanzlei Freshfields steuerte die Expertise ihres Airline-Experten Konrad Schott und ihres Restrukturierers Lars Westphal bei. Und auch Frank Kebekus von Kebekus et Zimmermann, der bereits als Generalbevollmächtigter von Air Berlin wirkte, war als einer der zentralen Berater an Bord.

Ihre Hoffnung: eine Insolvenz in Eigenverwaltung á la Air Berlin, um den Flugbetrieb zumindest übergangsweise fortzusetzen.

Hinter den Kulissen bereiteten die Juristen derweil die verschiedenen Szenarien vor, sprachen mit Gläubigern und entwickelten ein Modell, bei dem – wie schon bei Air Berlin – Lucas Flöther von Flöther & Wissing als vorläufiger Sachwalter fungieren sollte. Kebekus hätte die Geschäftsführung als Chefsanierer unterstützt.

Doch das Amtsgericht Charlottenburg signalisierte dem Vernehmen nach, dass es einen entsprechenden Antrag nicht akzeptieren würde – trotz der Zustimmung wichtiger Gläubiger. Keine Frage: Die Kombination Kebekus-Flöther hätte für kritische Schlagzeilen gesorgt. Allerdings hätte das eingespielte Sanierungsduo wohl über die größte Erfahrung bei einer Airline-Pleite verfügt.

Alternativ wurde in der Branche Jesko Stark, Partner bei GT Restructuring, als Kandidat für die Sachwaltung gehandelt. Er ist seit 2008 als Rechtsanwalt und seit 2012 als Insolvenzverwalter tätig.

Doch am Ende erledigten sich die Eigenverwaltungspläne ohnehin. Das Problem: Den Sanierern gelang es nicht, Finanziers und Investoren davon zu überzeugen, einen Massekredit zu gewähren. Die Finanzierung hätte zudem deutlich über den ursprünglich avisierten 15 Millionen liegen müssen.

Im Fall von Air Berlin war die staatliche KfW-Bank eingesprungen – und hatte für ihre Kreditvergabe viel Kritik einstecken müssen. Der Fall Germania zeigt nun, was ohne die KfW wohl auch Air Berlin gedroht hätte – das sofortige „Grounding“. Denn ohne Finanzierungsnachweis gibt es aus Sicherheitsgründen keine Chance, die Betriebserlaubnis des Luftfahrtbundesamtes (AOC) im Rahmen eines Insolvenzverfahrens aufrecht zu erhalten.

Am Montag gegen 13 Uhr reichte Germania schließlich unter größter Geheimhaltung Insolvenzantrag ein. Auch das Gericht traf keinen offiziellen Beschluss, der zeitnah hätte veröffentlicht werden müssen. Das Kalkül dahinter: In der Nacht zu Dienstag wurden Germania-Flugzeuge aus dem Ausland wieder nach Deutschland geflogen, um den Zugriff im Insolvenzverfahren zu gewährleisten. Wäre der Antrag bekannt geworden, hätten Flughäfen oder Gläubiger womöglich versuchen können, die Maschinen festzusetzen. Auch der Entzug der Betriebserlaubnis (AOC) durch das Luftfahrt-Bundesamt hätte eine spätere Rückführung erschwert. Germania betreibt nach eigenen Angaben 37 Mittelstrecken-Jets.

Erst in der Nacht teilte die Unternehmensgruppe schließlich mit, für die Germania Fluggesellschaft und ihr Schwesterunternehmen für technische Dienstleistungen, die Germania Technik Brandenburg, sowie die Germania Flugdienste Insolvenz beantragt zu haben.

Wie zuerst die WirtschaftsWoche berichtete, hat nun als vorläufiger Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg das Kommando bei den drei Germania-Unternehmen übernommen.

Wienberg ist Partner der Kanzlei hww hermann wienberg wilhelm und war bereits bei einer Vielzahl von Insolvenzen als Verwalter im Einsatz, unter anderem beim Solarunternehmen Solon. Hww mit Hauptsitz in Berlin zählt zu den größten auf Insolvenz- und Sanierungsverfahren spezialisierten Kanzleien.

Wienberg wird bei Germania als klassischer Insolvenzverwalter agieren. Dass es nun zu einem Regelinsolvenzverfahren kommt, werten Beteiligte als Hinweis darauf, dass es bei Germania auf einen „Abwicklungsfall“ hinausläuft. Die Flugzeuge selbst wurden dem Vernehmen nach zwar geleast, Bestellungen für Airbus-Maschinen könnten jedoch zwischenzeitlich an Wert gewonnen haben und aus insolvenzrechtlicher Perspektive ein „Asset“ darstellen.

Für die mehr als 1600 Germania-Mitarbeiter brechen derweil unruhige Zeiten an.

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