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Germanwings-Absturz "Trauerbekundungen via Twitter können als Kondolenzbuch dienen"

Der Germanwings-Absturz löste in den sozialen Netzwerken binnen kürzester Zeit eine Welle der Anteilnahme aus. Internetsoziologe Stephan Humer erklärt, warum die Beileidsbekundungen auf Facebook, Twitter & Co. bei der Trauerbewältigung helfen können.

Fassungslosigkeit und Entsetzen bei Lufthansa und Germanwings
Der Copilot des Germanwings-Unglücksjets hat den Airbus nach Erkenntnissen der Ermittler absichtlich in eine Felswand gesteuert und 149 Menschen mit in den Tod gerissen. "Es ist davon auszugehen, dass der Copilot bewusst die Zerstörung des Flugzeuges eingeleitet hat", erklärte Brice Robin von der Staatsanwaltschaft Marseille am Donnerstag. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat gebe es nicht. Die Ermittler bemühten sich derzeit bei ihren deutschen Kollegen um konkretere Informationen zu den Lebensumständen des 28-jährigen Ersten Offiziers Andreas L., der die deutsche Staatangehörigkeit besitze. Quelle: AP
Der Staatsanwalt bezog sich auf das Protokoll der letzten 30 Minuten vor dem Absturz, in denen der Stimmenrekorder alle Geräusche im Cockpit des A320 aufgenommen hatte. Dabei sei zu hören, wie der Kapitän Andreas L. zur Übernahme des Steuers auffordere und dann - vermutlich für eine Toilettenpause - das Cockpit verlasse. Kurz darauf habe Andreas L. dem Bordcomputer die Anweisung erteilt, in den Sinkflug überzugehen. Dies könne nicht versehentlich geschehen und müsse daher eine bewusste Handlung gewesen sein. Quelle: dpa
Zugleich habe er den Piloten nicht mehr ins Cockpit gelassen, sagte Robin. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist es Vorschrift, dass der Arbeitsplatz in allen Passagierjets von einer gepanzerten Tür geschützt sein muss. Andreas L. habe weder auf Rufe noch auf Schläge gegen die Tür reagiert, erklärte der Staatsanwalt. Auch Aufforderungen des Towers in Marseille, einen Notruf abzusetzen, habe er ignoriert. Bis zum Zerschellen des A320 sei von ihm kein Wort mehr zu hören. Auf der Aufnahme sei nur noch sein ruhiges Atmen zu vernehmen. All dies lasse darauf schließen, dass Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz brachte, sagte Robin. "Wir müssen von einer willentlichen Tötung ausgehen...Er hat sich bewusst geweigert, die Tür zu öffnen, und er hat bewusst den Knopf (zur Einleitung des Sinkflugs) gedrückt, um die Maschine runterzubringen." Bisher hatte die Staatsanwaltschaft in Marseille dagegen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Quelle: REUTERS
Carsten Spohr Quelle: dpa
Im Foyer des Lufthansa Aviation Center am Flughafen in Frankfurt/Main liegt ein Kondolenzbuch für Mitarbeiter der Lufthansa aus. Quelle: dpa
Blumen und ein Aufsteller mit der Aufschrift "In deep sorrow" ("In tiefer Trauer") Quelle: dpa
Eine Luftaufnahme der Gendarmerie zeigt die Absturzstelle des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen. Quelle: AP

Früher wurde nach einer Katastrophe ein Kondolenzschreiben per Post an enge Freunde und Bekannte verschickt – heute senden völlig Fremde via Twitter, Facebook und Instagram ihre Beleidbekundungen innerhalb von Sekunden in die Welt. Führt das zu einer schnelleren Trauerbewältigung?

Im ersten Moment ist das für die Angehörigen relativ uninteressant. Die haben ganz andere Probleme, als sich um die digitale Berichterstattung zu kümmern. Später wird das aber natürlich eine Rolle spielen. Die vielen Nachrichten auf Twitter und Co. dienen dann als eine Art Kondolenzbuch mit hunderttausenden Nachrichten. Das spendet Trost und ist für die Betroffenen deshalb wichtig.

Internetsoziologe Stephan Humer Quelle: Presse

Woher kommt das Bedürfnis, sich nach einer solchen Katastrophe mitzuteilen?

Ich unterstelle jetzt mal, dass die meisten Menschen einfach sehr geschockt sind und ihrem Mitgefühl mit den Opfern und den Angehörigen Ausdruck verleihen möchten. So ein Flugzeugabsturz bewegt einfach viele Menschen – schließlich ist jeder von uns schon einmal geflogen. Es spielt aber auch der Druck von außen eine Rolle: Die Menschen wissen, was gesellschaftlich erwünscht und vielleicht sogar erwartet wird und verhalten sich dementsprechend: "Die Freunde haben etwas zum Unglück gepostet, also mache ich es auch". Außerdem geht es auch ums Mitreden: Die Unglücksstelle in Frankreich ist zwar weit weg, aber wenn man sich auf Facebook in eine Diskussion einbringt, ist man involviert.

Zur Person

Bleibt eine Katastrophe den Menschen heutzutage länger im Gedächtnis, weil sie online viel stärker verbreitet wird?

Ich glaube nicht. Für diejenigen, die nicht unmittelbar von dem Unglück betroffen sind, stehen nach zwei Wochen meist wieder andere Dinge im Vordergrund.

Und bei den Angehörigen?

Das ist etwas sehr individuelles: Manche empfinden die sozialen Netzwerke bei der Trauerbewältigung als hilfreich, andere wollen lieber nicht ständig mit ihrem Verlust konfrontiert werden.

Der Moderator und Entertainer Stefan Raab hat am Mittwochabend seine Unterhaltungsshow auf ProSieben abgesagt. Werden solche Gesten in der Medienwelt verlangt oder wäre Normalität der bessere Weg?

In Arbeit
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Das ist ein schwieriges Thema. Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich sagen, dass man nicht immer aus jedem Ereignis etwas Großes machen sollte. Ansonsten besteht die Welt irgendwann nur noch aus Katastrophen. Normalität ist also sicherlich hilfreich.

Das hilft aber den direkt Betroffenen natürlich überhaupt nicht, die auf diesen Moment und dieses Erlebnis fixiert sind. Ich konnte das auch bei den Opfern von Schusswechseln, Autounfällen oder anderen Katastrophen vielfach beobachten. Es fällt aus moralischer Sicht schwer, in solchen Situationen darauf zu drängen, dass jetzt wieder Alltag herrscht.

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