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Germanwings Die Rätsel der Blackbox

Was geschah an Bord des Germanwings-Flugs 4U9525? Eine Analyse des ersten gefundenen Flugschreibers soll Licht ins Dunkel bringen. Doch bei der Auswertung gibt es Probleme.

Der stark beschädigte Stimmrekorder des verunglückten Germanwings-Flugzeugs. Quelle: dpa Picture-Alliance

Was in den letzten acht Minuten vor dem Absturz der Germanwings-Maschine passierte, ist weiter unklar. In jenen acht Minuten, in denen der A320 fast 10.000 Meter an Höhe verlor. An deren Ende 150 Menschen starben.

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz der französischen Untersuchungsbehörde BEA konnte am Mittwochnachmittag nur wenig Licht ins Dunkel bringen. Allerdings gab die Behörde bekannt, dass sie auswertbare Daten aus dem ersten Flugschreiber sicherstellen konnte.

Warum Flugschreiber so wichtig sind

Der sogenannte Stimmenrekorder, der Geräusche und Gespräche im Cockpit aufzeichnet, war bereits am Dienstag geborgen worden. Beim Auslesen der Daten habe es zwar massive Probleme gegeben, wie BEA-Direktor Rémi Jouty mitteilte. Nun aber läge eine nutzbare Audiodatei von der gesamten Flugdauer bis zum Absturz vor. In ihrem letzten Kontakt hätten die Piloten des Airbus A320 eine Routine-Mitteilung gemacht.

Suche nach dem Flugschreiber

Dazu, was genau in der Aufzeichnung zu hören ist und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, wollte der BEA-Direktor keine Auskünfte geben. Es sei eine sorgfältige Analyse nötig, um die Stimmen und Geräusche auszuwerten und zum Flugverlauf in Beziehung zu setzen.

Vorrang vor der weiteren Auswertung hat aber jetzt vor allem die Suche nach dem zweiten Flugschreiber, der relevante Flugdaten wie Geschwindigkeit, Kurs, Flughöhe und Neigungswinkel der Maschine misst. Die Suche nach dem Flugschreiber gestaltet sich in dem zerklüfteten Absturzgebiet schwierig. Zumal der A320 mit hoher Geschwindigkeit in dem Bergmassiv aufschlug und die Trümmerteile weit verstreut sind.

Wie Frankreichs Präsident François Hollande auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel und dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy am Mittwochnachmittag mitteilte, haben die Bergungskräfte zwar den Behälter des Flugdatenschreibers gefunden, die sogenannte Blackbox selbst aber nicht. Die amerikanische "New York Times" berichtet, dass die Blackbox zwar gefunden sei, die Speicherkarte mit den Daten aber nicht.

Der Fund der Blackbox ist für die Ermittlungen jedoch von großer Bedeutung. Erst wenn die genauen Flugparameter ausgewertet und zu den Ereignissen im Cockpit in Verbindung gesetzt werden können, lassen sich für die Experten genaue Rückschlüsse auf den Unfallhergang ziehen.

Fassungslosigkeit und Entsetzen bei Lufthansa und Germanwings
Der Copilot des Germanwings-Unglücksjets hat den Airbus nach Erkenntnissen der Ermittler absichtlich in eine Felswand gesteuert und 149 Menschen mit in den Tod gerissen. "Es ist davon auszugehen, dass der Copilot bewusst die Zerstörung des Flugzeuges eingeleitet hat", erklärte Brice Robin von der Staatsanwaltschaft Marseille am Donnerstag. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat gebe es nicht. Die Ermittler bemühten sich derzeit bei ihren deutschen Kollegen um konkretere Informationen zu den Lebensumständen des 28-jährigen Ersten Offiziers Andreas L., der die deutsche Staatangehörigkeit besitze. Quelle: AP
Der Staatsanwalt bezog sich auf das Protokoll der letzten 30 Minuten vor dem Absturz, in denen der Stimmenrekorder alle Geräusche im Cockpit des A320 aufgenommen hatte. Dabei sei zu hören, wie der Kapitän Andreas L. zur Übernahme des Steuers auffordere und dann - vermutlich für eine Toilettenpause - das Cockpit verlasse. Kurz darauf habe Andreas L. dem Bordcomputer die Anweisung erteilt, in den Sinkflug überzugehen. Dies könne nicht versehentlich geschehen und müsse daher eine bewusste Handlung gewesen sein. Quelle: dpa
Zugleich habe er den Piloten nicht mehr ins Cockpit gelassen, sagte Robin. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist es Vorschrift, dass der Arbeitsplatz in allen Passagierjets von einer gepanzerten Tür geschützt sein muss. Andreas L. habe weder auf Rufe noch auf Schläge gegen die Tür reagiert, erklärte der Staatsanwalt. Auch Aufforderungen des Towers in Marseille, einen Notruf abzusetzen, habe er ignoriert. Bis zum Zerschellen des A320 sei von ihm kein Wort mehr zu hören. Auf der Aufnahme sei nur noch sein ruhiges Atmen zu vernehmen. All dies lasse darauf schließen, dass Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz brachte, sagte Robin. "Wir müssen von einer willentlichen Tötung ausgehen...Er hat sich bewusst geweigert, die Tür zu öffnen, und er hat bewusst den Knopf (zur Einleitung des Sinkflugs) gedrückt, um die Maschine runterzubringen." Bisher hatte die Staatsanwaltschaft in Marseille dagegen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Quelle: REUTERS
Carsten Spohr Quelle: dpa
Im Foyer des Lufthansa Aviation Center am Flughafen in Frankfurt/Main liegt ein Kondolenzbuch für Mitarbeiter der Lufthansa aus. Quelle: dpa
Blumen und ein Aufsteller mit der Aufschrift "In deep sorrow" ("In tiefer Trauer") Quelle: dpa
Eine Luftaufnahme der Gendarmerie zeigt die Absturzstelle des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen. Quelle: AP

Die Auswertung der Daten selbst kann mehrere Tage dauern, wie BEA-Direktor Jouty erklärte. Dies deckt sich mit den Informationen der WirtschaftsWoche aus Industriekreisen. Demnach sollen erste Ergebnisse der Datenanalyse frühestens zum Wochenende vorliegen - abhängig vom schnellen Fund des Flugdatenschreibers.

Weil gesicherte Informationen fehlen, mehren sich die Spekulationen. Darüber, ob ein Druckabfall in der Kabine die Germanwings-Maschine zum Sinkflug zwang. Darüber, dass die Piloten ohnmächtig gewesen sein könnten. Darüber, dass das 25 Jahre alte Flugzeug zu alt, zu fehleranfällig war.

"Keine Explosion"

Zu den Gerüchten nahm der BEA-Direktor Jouty nicht Stellung: „Zu diesem Zeitpunkt kann man keine Hypothese festlegen.“ An Spekulationen wolle er sich nicht beteiligen. Nach bisherigen Erkenntnissen sei der Sinkflug des A320 aber kontrolliert und gleichmäßig erfolgt. Dies könne allerdings sowohl durch den Einsatz des Autopiloten als auch die Steuerung durch einen Piloten erklärt werden. Vor dem Absturz der Germanwings-Maschine hat es keine Explosion gegeben. "Das Flugzeug ist bis zum Schluss geflogen", so Jouty.

Während die Ermittler der französischen Luftfahrtbehörde auch mit deutscher Unterstützung und unter Beteiligung von Airbus, Germanwings und Lufthansa an der Klärung des Unfallhergangs arbeiten, reisten zahlreiche Politiker in die Unglücksregion, um ihr Beileid zu bekunden und ihre Unterstützung zuzusichern.

Angela Merkel und Frankreichs Staatsoberhaupt Hollande, die sich vor Ort ein Bild machten, bezeichneten den Absturz beide als ein "fürchterliches Ereignis". Das französische Volk stünde nun an der Seite aller Nationen, die Opfer zu beklagen haben, so Hollande. Es werde alles getan, um die Leichen zu bergen und die Opfer zu identifizieren. Merkel bedankte sich für die "beispiellose Hilfsbereitschaft" vor Ort.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sprach in einer Pressekonferenz in Barcelona am Mittwochabend erneut von der „dunkelsten Stunde“ der Lufthansa und drückte sein Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer aus. Zuvor habe er sich mit den Hinterbliebenen getroffen. Man habe „das Bestmögliche getan, um sie in ihrem Schmerz nicht allein zu lassen“. Spohr kündigte an, dass am Donnerstagmorgen um 8.45 Uhr ein Sonderflug die Hinterbliebenen in Spanien von Barcelona nach Marseille bringen soll. Vor Ort sollen sie weiter psychologisch betreut werden.

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