Germanwings Flug 4U9525 Schwierige Suche nach Opfern der Flugzeugtragödie

Bei einem der schwersten Abstürze in der deutschen Luftfahrtgeschichte sind wahrscheinlich alle 150 Menschen an Bord gestorben. Die Bergungsaktion nach dem verheerenden Airbus-Absturz könnte zur Geduldsprobe werden.

Fassungslosigkeit und Entsetzen bei Lufthansa und Germanwings
Der Copilot des Germanwings-Unglücksjets hat den Airbus nach Erkenntnissen der Ermittler absichtlich in eine Felswand gesteuert und 149 Menschen mit in den Tod gerissen.
Der Staatsanwalt bezog sich auf das Protokoll der letzten 30 Minuten vor dem Absturz, in denen der Stimmenrekorder alle Geräusche im Cockpit des A320 aufgenommen hatte. Dabei sei zu hören, wie der Kapitän Andreas L. zur Übernahme des Steuers auffordere und dann - vermutlich für eine Toilettenpause - das Cockpit verlasse. Kurz darauf habe Andreas L. dem Bordcomputer die Anweisung erteilt, in den Sinkflug überzugehen. Dies könne nicht versehentlich geschehen und müsse daher eine bewusste Handlung gewesen sein. Quelle: dpa
Zugleich habe er den Piloten nicht mehr ins Cockpit gelassen, sagte Robin. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist es Vorschrift, dass der Arbeitsplatz in allen Passagierjets von einer gepanzerten Tür geschützt sein muss. Andreas L. habe weder auf Rufe noch auf Schläge gegen die Tür reagiert, erklärte der Staatsanwalt. Auch Aufforderungen des Towers in Marseille, einen Notruf abzusetzen, habe er ignoriert. Bis zum Zerschellen des A320 sei von ihm kein Wort mehr zu hören. Auf der Aufnahme sei nur noch sein ruhiges Atmen zu vernehmen. All dies lasse darauf schließen, dass Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz brachte, sagte Robin.
Carsten Spohr Quelle: dpa
Im Foyer des Lufthansa Aviation Center am Flughafen in Frankfurt/Main liegt ein Kondolenzbuch für Mitarbeiter der Lufthansa aus. Quelle: dpa
Blumen und ein Aufsteller mit der Aufschrift
Eine Luftaufnahme der Gendarmerie zeigt die Absturzstelle des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen. Quelle: AP

Nach dem Airbus-Absturz in den französischen Alpen müssen sich die Einsatzkräfte auf eine langwierige Sache nach den Opfern einstellen. Wegen der Abgelegenheit und Unwegsamkeit des Unglücksorts dürften die Bergungsarbeiten eine Woche andauern, sagte der Leiter des örtlichen Rettungsdiensts, Jean-Marc Meninchini. Seit dem Morgen sind Rettungskräfte und Experten wieder vor Ort im Einsatz. In der Nacht waren die Bergungsarbeiten unterbrochen worden.

Die Bundeswehr hat den französischen Behörden inzwischen ihre Unterstützung angeboten, falls Hilfe an der Absturzstelle der Germanwings-Maschine benötigt wird. Sie könnte beispielsweise Hubschrauber oder Gebirgstruppen beisteuern. "Wir sind hier im Hochgebirge“, sagt Polizeichef David Galtier über den Unfallort. Er koordiniert die mehr als 500 Einsatzkräfte - und bleibt kurz angebunden. Der Einsatz hat Priorität. In der Nacht hatte es geschneit, was die Suche zusätzlich erschweret. Am Unfallort gab es am Vorabend noch rauchende Trümmerteile. „Man muss mit äußerster Vorsicht vorgehen“, sagt Galtier.

Alle 150 Menschen an Bord sind bei dem Absturz am Dienstag wohl ums Leben gekommen, unter ihnen vermutlich 67 Deutsche. Es ist einer der schwersten Unfälle in der deutschen Luftfahrtgeschichte. „Das Wichtigste ist, das Gebiet abzusichern und die Körper zu bergen“, sagt Galtier.

Es gibt jedoch keine Hoffnung mehr, Überlebende zu finden. Die Wucht des Aufpralls des Flugzeugs des Typs A320 gebe dazu nach Ansicht des französischen Innenministers Bernard Cazeneuve kaum Anlass, dass noch einer der 150 Menschen an Bord am Leben sei. „Es gibt keinen Überlebenden“, zitierte die Zeitung „Le Figaro“ den französischen Verkehrsstaatssekretär Alain Vidalies. Der Präsident des Generalrats des Départments Haute Alpes-de-Haute-Provence, Gilbert Sauvan, sagte: „Alles ist pulverisiert. Das größte Trümmerteil hat die Größe eines Kleinwagens. Niemand kann die Absturzstelle vom Boden aus erreichen.“

Die verschneite Absturzstelle nahe dem Dorf Meolans-Revel am Fuße der französischen Alpen ist schwer zugänglich. Die Bergung der Leichen wird daher nach Angaben der Polizei voraussichtlich mehrere Tage dauern. Am Dienstagabend waren rund 50 Spezialkräfte zu Fuß von Seyne-les-Alpes gestartet, um zur Unglücksstelle vorzudringen. Sie hätten über Nacht biwakiert - bei Temperaturen um oder unter dem Gefrierpunkt.

Inzwischen werden Angehörige der Opfer in dem 1500-Seelen-Ort erwartet. Sie werden psychologisch betreut, sagte Innenministeriumssprecher Pierre-Henri Bardet. Für sie wurde eine Art Kapelle eingerichtet - ein Ort zum Trauern. Gegen Mittag wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy und Frankreichs Präsident François Hollande vor Ort erwartet.

An Board waren auch 67 Deutsche

Der geborgene Stimmenrekorder des Flugzeugs ist beschädigt. Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve sagte am Mittwoch dem Radiosender RTL, das Gerät, das Gespräche in der Pilotenkanzel aufzeichnet, sei aber noch benutzbar. Experten versuchen, die Daten auszuwerten. Der Stimmrekorder war wenige Stunden nach dem Absturz am Dienstag geborgen worden. Nach dem zweiten Teil der sogenannten Blackbox, dem Flugdatenschreiber, wird noch gesucht.

Das Flugzeug war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf abgestürzt. An Bord waren vermutlich 67 Deutsche, zahlreiche Spanier sowie Passagiere aus Australien, Japan, Dänemark, der Türkei und den Niederlanden.Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich nach der Ankunft am Ort des Flugzeugabsturzes erschüttert: "Vor Ort zeigt sich ein Bild des Grauens. ... Die Trauer der Familien und Angehörigen ist unermesslich." Alle müssten den Hinterbliebenen jetzt gemeinsam beistehen.

An Bord der verunglückten Maschine waren 144 Passagiere, darunter zwei Babys, zwei Piloten und vier Flugbegleiter, wie der Sprecher der Germanwings-Geschäftsführung, Thomas Winkelmann, auf einer Pressekonferenz erklärte. Unter den Passagieren befanden sich vermutlich insgesamt 67 deutsche Staatsbürger und 45 Spanier. Die Angaben zur Herkunft der Passagiere stehen laut Germanwings jedoch noch nicht endgültig fest. Derzeit könne man keine endgültigen Zahlen zu den Nationalitäten bekanntgeben, sagte Germanwings-Chef Thomas Winkelmann in einer zweiten Pressekonferenz am Abend in Köln. Zur Absturz-Ursache äußerte sich Winkelmann weiter nicht.

Das ist die Unglücksmaschine A320

Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geht davon aus, dass zahlreiche Opfer des Germanwings-Absturzes aus ihrem Bundesland kommen. "Noch ist die Herkunft von allen Passagieren nicht geklärt. Aber es steht zu vermuten, dass eine größere Zahl aus Nordrhein-Westfalen stammt", sagte sie in Düsseldorf. "Wir trauern um alle Opfer."

Der Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Haltern am See, Bodo Klimpel, bestätigte, dass 16 Schülerinnen und Schüler eines Spanischkurses des zehnten Jahrgangs sowie zwei Lehrerinnen des Gymnasiums im Flugzeug saßen. Sie hätten sich auf dem Rückweg von einem Schüleraustausch befunden. Der mit den Tränen ringende Bürgermeister spricht vom "schwärzesten Tag" in der 725-jährigen Geschichte der Stadt. Die Bewohner befänden sich im Schockzustand.

Der Kontakt zu dem abgestürzten Flugzeug soll um 10.53 Uhr abgerissen sein - auf einer Höhe von 6000 Fuß. Der Airbus mit der Flugnummer 4U9525 ist um 10.01 Uhr in Barcelona gestartet. Die Maschine sei mit einer Geschwindigkeit von 3000 bis 4000 Fuß - etwa 900 bis 1200 Meter - pro Minute heruntergegangen. Das sei vergleichbar mit dem Standard bei Landeanflügen. Der Sinkflug dauerte ungefähr acht Minuten. Bisher gibt es allerdings keine Erkenntnisse dazu, warum die Maschine in den Sinkflug gegangen ist, ohne die Flugüberwachung vorher zu informieren. Die französische Flugaufsicht erklärt, dass von dem Flugzeug kein Notruf abgesetzt worden sei. Stattdessen hätten dann die Fluglotsen eine Notsituation erklärt.

Nach dem Absturz hatte Germanwings am Dienstag zahlreiche Flüge gestrichen. Etliche Besatzungen hatten ihren Dienst nach Angaben der Muttergesellschaft Lufthansa nicht angetreten.

Minutenprotokoll des Germanwings-Unglücksflugs

„Einige haben ihren Dienst aus persönlichen Gründen nicht angetreten, aber nicht aus Sorge, dass da was im Argen liegt“, sagte die Lufthansa-Sprecherin. In der Folge hätten sieben Flüge in Düsseldorf gestrichen werden müssen, sagte Chef des Mutterkonzerns Lufthansa, Carsten Spohr. Er zeigte Verständnis für die Sorgen der Angestellten. Man dürfe nicht vergessen, dass viele Germanwings-Crewmitglieder Kollegen gekannt hätten, die an Bord der Unglücksmaschine gewesen seien.

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