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Germanwings Lufthansa-Chef Spohr: "Wir sind fassungslos"

Nach offiziellen Angaben war der Co-Pilot allein im Cockpit, als die Germanwings-Maschine in die französischen Alpen stürzte. Dass der Deutsche den Sinkflug bewusst eingeleitet haben soll, bezeichnete Lufthansa-Chef Carsten Spohr als kaum vorstellbare Katastrophe.

Ein Blick auf den Stimmrekorder des verunglückten Germanwings-Flugs Quelle: dpa

Zum Zeitpunkt des Absturzes des Germanwings-Jets in den französischen Alpen hat sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf nur der Co-Pilot im Cockpit des Airbus aufgehalten.

Dies gaben die französischen Ermittler am Donnerstag auf einer offiziellen Pressekonferenz bekannt. Wie Brice Robin von der französischen Staatsanwaltschaft erklärte, ergibt sich aus der Auswertung der Stimmrekorderdaten ein genaueres Bild von den letzten Minuten an Bord des A320, bei dessen Absturz am Dienstag 150 Menschen starben.

Die Audiodaten bilden die letzten 30 Minuten des Flugs ab. In den ersten 20 Minuten unterhalten sich die Piloten laut Staatsanwaltschaft normal. In den letzten zehn Minuten höre man die Vorbereitungen auf den Landeanflug. Der Co-Pilot habe dann nur noch "lakonisch" und einsilbig geantwortet, so Robin. Daraufhin sei zu hören, wie der Pilot den Copilot bittet, das Steuer zu übernehmen, seinen Sitz zurückschiebt und die Kabine verlässt.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

Danach war der Co-Pilot allein im Cockpit.

Laut Staatsanwaltschaft manipulierte der 28-Jährige deutscher Herkunft dann die Flugsysteme, um den Sinkflug einzuleiten. "Das kann nur eine bewusste Handlung gewesen sein", betonte der Ermittler.

Co-Pilot sprach kein Wort mehr

Auf Ansprache des Flugkapitäns, der nach dem Verlassen des Cockpits ausgesperrt war, reagierte der Co-Pilot anschließend ebenso wenig, wie auf Schläge und Tritte gegen die Kabinentür. Auch die Fluglotsen bekamen keine Reaktion. Von dem Flugzeug selbst sei zu keinem Zeitpunkt ein Mayday-Signal abgesetzt worden.

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

Kurz vor dem Ende der Aufzeichnung seien auch Schreie der Passagiere zu hören gewesen. In dem Moment wo die Fluggäste begriffen, was vor sich ging, traf die Maschine auf, so Brice Robin.

"Willentliche Tötung"

Weil während der gesamten Aufzeichnung gleichmäßiges, normales Atmen zu hören ist, geht die Staatsanwaltschaft derzeit nicht davon aus, dass der Co-Pilot ohnmächtig war.

Nach Meinung der Ermittler ist die wahrscheinlichste Interpretation der bisher bekannten Fakten, dass sich der Copilot bewusst weigerte, den Piloten wieder in das Cockpit zu lassen. Er habe bewusst den Sinkflug eingeleitet und somit den Absturz verursacht. Das Verhalten des Copiloten könne man so werten, dass er den Willen gehabt habe, das Flugzeug zu zerstören, sagte der Staatsanwalt. Die Behörden ermittelten nun nicht mehr wegen Totschlages, sondern gingen von "willentlicher Tötung" aus.

Deutlich erklärte Robin: "Wenn man 149 Menschen mit in den Tod reißt, ist das eigentlich kein Selbstmord."

Spohr: "Unsere schlimmsten Albträume"

Die Motive für die Tat seien bislang völlig unklar. Die Spekulationen über einen terroristischen Anschlag wies Robin zurück.

Man versuche derzeit, Informationen über den Hintergrund des Copiloten zu erlangen. Er sei nirgendwo als Terrorist verdächtigt gewesen, betonte Robin. Er sei zudem ausreichend ausgebildet gewesen, um das Flugzeug allein zu fliegen. Der Mann arbeitete laut Robin erst seit wenigen Monaten für Germanwings.

So streng werden Flugzeuge auf Sicherheit geprüft

Lufthansa-Chef Carsten Spohr sagte auf einer Pressekonferenz am Nachmittag: "In unseren schlimmsten Albträumen hätten wir uns nicht vorstellen können, dass sich eine solche Tragödie bei uns im Konzern ereignen kann." Er wirkte sichtlich erschüttert. Die Katastrophe sei für die Lufthansa "nicht vorstellbar" gewesen. Es handele sich um das "schlimmste Ereignis in der Geschichte des Konzerns".

Der Co-Pilot habe alle erforderlichen Checks, zu denen auch psychologische Untersuchungen gehören, ohne Einschränkung bestanden. Seine Leistungen seien einwandfrei und ohne jede Auffälligkeit gewesen, erläuterte Spohr. Die Auswahlverfahren seien seit Jahrzehnten erprobt.

Der Co-Pilot hatte seine Ausbildung 2008 begonnen, allerdings zwischenzeitlich für einige Monate unterbrochen. Vor der Wiederaufnahme habe er erneut alle Tests und gesundheitlichen Checks absolviert. Auf die Gründe für die Ausbildungsunterbrechung angesprochen erwiderte Spohr, er dürfe dazu keine Auskunft geben. Seit 2013 arbeitete der Mann als Co-Pilot in A320-Maschinen.

Wie die französischen Ermittler betonte Spohr, dass es bislang keinerlei Erkenntnisse über die möglichen Motive für die Tat gebe. Er sprach zudem den Piloten des Konzerns sein absolutes Vertrauen aus. Der Lufthansa-Chef betonte, dass "ein solches tragisches Einzelereignis" sich niemals ausschließen lasse.

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Zur Tür vor dem Cockpit erklärte Spohr, für Notfälle gebe es einen speziellen Code, der jedem von der Crew bekannt sei, und ein Klingelzeichen. Der Kollege, der sich im Cockpit befindet, kann dann aber die Türöffnung noch durch Umstellen eines Schalters verhindern. Dann seit die Tür für fünf Minuten verschlossen.

Am Donnerstagnachmittag wurde bekannt, dass die norwegische Airline Norwegian künftig die Regel einführen will, dass immer zwei Menschen im Cockpit sein müssen. In den USA ist dies bereits Pflicht, in anderen Ländern bislang nicht.

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