Germanwings-Unglück Co-Pilot allein im Cockpit: In den USA undenkbar

In den USA wundern sich Luftfahrtexperten über den Ablauf der Germanwings-Tragödie. Ein ähnlicher Fall wäre dort aufgrund strengerer Vorschriften weitgehend ausgeschlossen. Die Lufthansa sieht jedoch keinen Bedarf für schärfere Vorschriften.

Ein Blick in ein Cockpit eines Airbus 320 Quelle: REUTERS

Der offenbar vom Co-Piloten bewusst herbeigeführte Absturz der Germanwings-Maschine macht Unterschiede in den weltweiten Flugsicherheitsregularien deutlich. In den USA könnte sich eine solche Tragödie wohl nicht ereignen, denn dort sehen die Regularien vor, dass ein Flugbegleiter ins Cockpit geht, wenn der Pilot oder der Co-Pilot es verlassen müssen. So soll vermieden werden, dass eine Person allein im Cockpit ist und dort bewusst - oder unbewusst, etwa wegen eines medizinischen Notfalls – das Flugzeug in Gefahr bringt.

“Auf US-Flügen sieht man häufig”, so der australische Luftfahrtexperte Neil Handsford, “dass ein Flugbegleiter den Sitz eines abwesenden Piloten einnimmt und die Tür schließt oder den Zugang zum Cockpit mit einem Koffer blockiert. Der Luftfahrtexperte des US-Senders CNN bestätigt, dass auf Flügen von amerikanischen Airlines ein abwesender Pilot stets durch einen Flugbegleiter ersetzt werden müsse. In anderen Ländern, etwa in Europa, sei dies jedoch bislang nicht vorgeschrieben. "In Amerika ist es so, dass, wenn ein Pilot das Cockpit verlässt, ein anderes Crewmitglied ins Cockpit muss. Bei uns ist das nicht so," bestätigte auch Spohr. Er sehe nicht die Notwendigkeit, das zu ändern. Es handle sich hier um einen Einzelfall.

In Europa will eine erste Fluglinie das amerikanische System aufgreifen: So soll es den Piloten bei der Fluggesellschaft Norwegian künftig nicht mehr erlaubt sein, allein im Cockpit zu bleiben. „Ab sofort müssen immer zwei Leute im Cockpit sein“, sagte eine Sprecherin der norwegischen Fluglinie am Donnerstag. „Das bedeutet, dass wenn einer der Piloten das Cockpit verlässt, etwa um auf Toilette zu gehen, eines der Crewmitglieder ins Cockpit gehen muss.“

Frühere Abstürze lassen die US-Regelung sinnvoll erscheinen. 2013 stürzte eine Embraer 190 der Fluggesellschaft Linhas Aéreas de Moçambique (LAM) in Namibia ab und riss 33 Menschen in den Tod. Ursache war offenbar ein „Suizid“ des Piloten. Auch der Absturz eines Egypt Air-Fluges von New York nach Kairo im Jahr 1999, bei dem 217 Menschen starben, geht offenbar auf einen „Suizid“ des Co-Piloten zurück. Auch in diesem Fall gelang es dem Piloten nicht, ins Cockpit zurückzukehren.

Die Fakten zum Germanwings-Absturz

Lufthansa-Chef Carsten Spohr erklärte am Donnerstag, dass sich die Airline-Führung auch in ihren „schlimmsten Alpträumen“ ein solches Szenario nicht habe vorstellen können. Der Absturz sei ein „ein ganz tragischer Einzelfall.“ „Kein System der Welt“, so Spohr, „kann ein solches Einzelereignis ausschließen.“ Eine Änderung der Vorschriften, sagte Spohr, halte er nicht für notwendig.

Vor dem Absturz der Germanwings-Maschine über Frankreich war der Pilot nach Erkenntnissen der Ermittler zur Toilette gegangen und hatte seinem Kollegen das Steuer überlassen. Danach konnte er nicht mehr durch die automatisch verriegelte Kabinentür zurück in das Cockpit gelangen. Bei dem Unglück starben am Dienstag 150 Menschen.

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