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Geschäft mit der Pleite Entern Wirtschaftsprüfer den Insolvenzmarkt?

Das Geschäft mit Unternehmenspleiten und Sanierungen ruft neue Wettbewerber auf den Plan: Auch Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind interessiert.

Der Anruf kam überraschend. Vor ein paar Monaten meldete sich die Mitarbeiterin einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bei Daniel Bergner, Geschäftsführer des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Sie wolle Informationen über den Markt einholen, begann die Dame. Schließlich sei der Einstieg ihres Unternehmens ins Insolvenzgeschäft bereits beschlossene Sache, erinnert sich Bergner an das Gespräch. Auch ein renommierter Verwalter aus Süddeutschland berichtet, er sei jüngst von einer großen WP-Gesellschaft auf einen möglichen Verkauf seiner Kanzlei angesprochen worden. Er habe zwar abgelehnt, vermute aber dass auch andere Verwalterkanzleien entsprechende Angebote erhalten haben. 

Muss sich die etablierte Verwalterschar nebst der Pleiteflaute, die derzeit den Markt umkrempelt, demnächst auch noch mit neuer Konkurrenz herumschlagen?

Die führenden Insolvenzkanzleien 2014

Auch Big Four müssen kämpfen

Seit Jahren schon halten sich Gerüchte, die so genannten Big Four – KPMG, EY, PwC und Deloitte – würden mit einem Einstieg ins klassische Insolvenzgeschäft liebäugeln. Offiziell halten sich die Gesellschaften bedeckt. Doch „die Pläne dafür liegen in den Schubladen“, sagt ein früherer Mitarbeiter einer Prüfgesellschaft.  Auch die Big Four müssten derzeit kämpfen und würden händeringend nach Zusatzeinnahmen fahnden. Denn im Kerngeschäft – der Prüfung von Jahresabschlüssen – erodieren die Margen.

Vor allem angelsächsische Partner würden daher darauf drängen, endlich auch ins deutsche Sanierungs- und Insolvenzwesen einzusteigen, um ähnlich wie in England den Markt aufzurollen. Dort dominieren die Prüfer seit Jahrzehnten das Abwicklungsgeschäft. Dass mögliche Kalkül der Prüfer: Über den Kauf einer Insolvenz-Kanzlei ist ein schneller Einstieg möglich. Anschließend könnte das Argument „Internationalität" ausgespielt werden, um sich die interessanten Fälle zu sichern. Schon ein oder zwei lukrative Großverfahren könnten ausreichen, um die Expansionskosten wieder einzuspielen.

Die spektakulärsten Pleiten 2014
Stadtwerke GeraWas bislang in Deutschland als undenkbar galt, ist im Sommer 2014 erstmals eingetreten: In Gera, der mit 95.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Thüringens, haben die Stadtwerke Insolvenz angemeldet. Insolvenzverwalter Michael Jaffé aus München, der schon das Insolvenzverfahren von Kirch-Media betreut hat, setzt seither auf eine Sanierung der Stadtwerke, in deren Sogwelle auch der Verkehrsbetrieb und die Flugbetriebsgesellschaft Insolvenz anmelden mussten. Busse und Bahnen fuhren zwar unverändert weiter, aber Jaffé arbeitete Sparkonzepte aus, um den Zuschussbedarf für den Betrieb zu senken. Außerdem lotet er den Einstieg privatwirtschaftlicher Investoren aus und plant den Verkauf von Anteilen an einer Wohnungsbaugesellschaft. Die Folgen der Pleite reichen indes weit über die Grenzen von Gera hinaus. Auch in andere Kommunen ist die Schuldenlast drückend, gelten Insolvenzen städtischer Tochtergesellschaften nach Gera-Exempel nicht mehr als ausgeschlossen. Damit könnten zugleich aber auch Fragen nach der Absicherung und Eigenkapitalunterlegung von Bankkrediten an öffentliche Unternehmen auf die Agenda rücken. Quelle: dpa
Burger King GmbHNach monatelangen Querelen reichte im Dezember der größte Betreiber von Burger King Restaurants in Deutschland einen Insolvenzantrag ein. 89 Schnellrestaurants mit 3000 Mitarbeitern sind betroffen. Sie hatten schon im November schließen müssen,  nachdem die Burger-King-Zentrale dem Franchisenehmer Yi-Ko nach Schlagzeilen um Hygienemängel und schlechte Arbeitsbedingungen fristlos gekündigt hatte. Der vorläufige Insolvenzverwalter Marc Odebrecht erreichte eine schnelle Einigung mit Burger King und die Wiedereröffnung der Restaurants. Die insolvente Gesellschaft soll nun verkauft werden.   Quelle: dpa
ProkonDie Insolvenz des Windkraftunternehmens Prokon war nicht nur ein Schock für die Beschäftigten. Betroffen waren auch rund 74.000 Anleger, die insgesamt 1,4 Milliarden Euro in das Unternehmen investiert hatten. Sie werden nach Angaben von Insolvenzverwalter Dietmar Penzlin wohl rund die Hälfte ihres eingesetzten Kapitals verlieren. Penzlin will Prokon über ein Insolvenzplanverfahren sanieren und sondiert derzeit die Möglichkeit, den Konzern als Genossenschaft weiter zu führen. Quelle: dpa
WeltbildEine Debatte um erotische und esoterische Literatur stürzte das Verlagshaus Weltbild ab 2011 in eine tiefe Krise. Weltbild geriet ins Abseits, dann drehte die Kirche den Geldhahn zu. Anfang 2014 musste der defizitäre Verlag Insolvenz anmelden. Für die Beschäftigten begann ein Jahr der Ungewissheit: Ein interessierter Käufer sprang kurz vor einem Vertragsabschluss wieder ab. Doch Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz konnte einen neuen Kaufkandidaten aus dem Hut zaubern: Im Sommer übernahm die Düsseldorfer Droege Group den Verlag und kündigte weiteren Jobabbau an. Knapp ein Drittel der einst mehr als 3500 Stellen war zu diesem Zeitpunkt bereits weggefallen. Quelle: dpa
MS DeutschlandDie finanzielle Havarie der als ZDF-„Traumschiff“ bekannten MS Deutschland wurde im Oktober offenkundig. Die Geschäftsführung der MS-Deutschland-Beteiligungsgesellschaft stellte beim Amtsgericht Eutin Insolvenzantrag. Auf dem Schiff lasten Schulden von rund 56 Millionen Euro, davon sind 50 Millionen Anleiheschulden und drei Millionen Euro Zinsen. Wie viel die Anleger davon wiedersehen werden, hängt vom Verkaufserlös des Schiffes ab, den der Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Sperber erzielen kann. Quelle: dpa
MifaMifa, der größte deutsche Fahrradhersteller meldete Ende September Insolvenz an. Zuvor war eine Vereinbarung mit der indischen Hero Cycles gescheitert. Hero sollte eigentlich mit mindestens 15 Millionen Euro bei dem Unternehmen einsteigen. Zuletzt machte Mifa 13,2 Millionen Euro Verlust. Zudem kamen Fehler in der Bilanzierung ans Licht. So wurde Investoren 2012 und 2013 ein profitables Geschäft vorgegaukelt, das es so nie gegeben hat. Die Insolvenz trifft auch Mifa-Großaktionär Carsten Maschmeyer. Statt ihm steuert nun Insolvenzverwalter Lucas Flöther das Unternehmen. Quelle: dpa
StrenesseDer Nördlinger Modehersteller Strenesse stellte im April einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Grund für den Schritt waren drückende Altlasten, die die Sanierung des Unternehmens behinderten wie der Strenesse-Vorstand erklärte. Seither mühen sich Sanierungsexperte Michael Pluta und der Sachwalter Jörg Nerlich um die Rettung des Modeunternehmens. Von der Insolvenz sind mehr als 350 Beschäftigte betroffen. Quelle: dpa

Ihre deutschen Partner sind indes weit weniger optimistisch, dass die Rechnung aufgeht und verweisen auf die erheblichen Risiken eines Marktes, der trotz aller Reformen nach wie vor stark von der Vergabepolitik der zuständigen Gerichte abhängt. Trotzdem, der Wachstumsdruck ist erheblich. „Wenn eine der WP-Gesellschaften einsteigt, ziehen die anderen nach“, ist der ehemalige Mitarbeiter überzeugt. Zudem hat die Insolvenzrechtsreform – kurz ESUG - das Interesse am deutschen Sanierungsmarkt gesteigert. 

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