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Geschäftsreisen Ein Rückgang fast auf Null

Leere Terminals am Flughafen München: Geschäftsreisen mit dem Flugzeug finden nur noch sehr selten statt. Quelle: imago images

Es kam schlimmer als erwartet: Laut aktueller Übersicht hat die Coronakrise weltweit für einen fast kompletten Stopp bei Dienstreisen gesorgt. Deutsche Manager packen noch relativ oft die Koffer. Sie reisen aber anders.

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Bei seinen jüngsten Quartalszahlen konnte Amazon-Finanzchef Brians Olsavsky der Coronakrise gleich mehrere gute Seiten abgewinnen. Nicht nur dass der Online-Riese deutlich höhere Umsätze schaffte als im Vorjahr. Mehr als eine Milliarde Dollar, freute sich der 55-Jährige, habe der Konzern allein bei einem einzigen Posten sparen können: den Geschäftsreisen. „Die kamen zu seinem harten Stillstand“, so der Kassenwart zu den Folgen des Reisebanns für die rund eine Million Beschäftigten des Konzerns aus Seattle.

Ähnliche Gefühle haben derzeit wahrscheinlich viele seiner Kollegen bei anderen Konzernen. Wegen Corona haben weltweit fast alle Unternehmen ihren Beschäftigten mehr oder weniger komplett die Dienstreisen gestrichen. Nach einer Übersicht des IT-Dienstleisters Coupa sind weltweit die Ausgaben für Managertrips im dritten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 97 Prozent gesunken. „Das ist der größte Rückgang aller Ausgabengruppen“, sagt Jeff Collins, Chefökonom des auf Ausgabenmanagement spezialisierten Unternehmens aus Kalifornien, das zu seinen weltweit vielen Hundert Kunden neben US-Konzernen wie Amazon auch deutsche Unternehmen von Adidas bis Zalando zählt. Damit fiel die Zahl der Dienstreisen deutlich stärker als die der Urlaubsreisen. Hier lag das Minus weltweit nur bei rund zwei Dritteln.  

Während die Ausgaben in anderen Feldern wie Logistik oder Büromaterial derzeit wieder anziehen, verharren die Reiseausgaben auf niedrigstem Niveau. Das hat Coupa für die WirtschaftsWoche aus den Daten seiner hundert Kunden errechnet. Zu den wenigen Ländern, wo Manager noch vergleichsweise oft zumindest den Handkoffer packen, zählen China sowie Deutschland. Und wer hierzulande noch zu Kunden oder Kollegen aufbricht, kann immerhin mit etwas mehr Komfort rechnen. „Die Unternehmen sind in einigen Bereichen großzügiger als früher“, sagt Christoph Carnier, Chef des Geschäftsreiseverbands VDR und oberster Dienstreisemanager des Technologiekonzerns Merck.

Strenger Reisebann der Unternehmen

Treiber für das Absacken bis fast an die Null-Linie ist vor allem der Rückgang bei der Zahl der Flugtickets, traditionell der größte Posten auf den Spesenabrechnungen. Sie liegen bei rund einem Prozent des Vorkrisenwerts. Kaum besser ist es beiden Hotelrechnungen. Hier zeigt die Coupa-Statistik aktuell einen Buchungsrückgang von 92 Prozent. Dafür sorgt ein leichter Anstieg der Übernachtungsausgaben. Im Vergleich zum zweiten Quartal haben zuletzt rund 40 Prozent mehr Manager ein Zimmer bezogen. Die Zahl der Flugbuchungen blieb hingegen gleich niedrig.

Für den Einbruch sorgt vor allem ein strenger Reisebann der meisten Unternehmen. „Es werden nur noch die absolut unverzichtbaren Reisen gebucht“, so Carnier. Dahinter steckt nicht allein Sparsamkeit oder dass allen Unternehmen Videokonferenzen als immer besserer Ersatz zu persönlichen Treffen erscheinen. Auch wenn es vielen Managern gelegentlich anders erscheint: der wichtigste Grund für den Rückgang ist aus Sicht der Reisemanager die Fürsorgepflicht für ihre Kollegen, damit die sich unterwegs nicht anstecken. „Die Sicherheit der reisenden Mitarbeiter genießt eine hohe Priorität, weshalb Firmen auf intransparente Regelungen einzelner Länder und unkalkulierbare Ansteckungsrisiken mit Beschränkungen der Reisetätigkeit reagieren“, so Carnier. 

Ebenso schwierig ist inzwischen die Organisation der Reise. Dafür sorgen zum einen die nicht mal innerhalb Deutschlands einheitlichen und ständig wechselnden Vorschriften, wo sich Reisende testen lassen müssen oder oft auch bei einem negativen Ergebnis in Quarantäne müssen. Keine große Hilfe ist auch das inzwischen deutlich geringere Angebot an Flügen und geöffneten Hotels. Weil die Kunden ausgeblieben sind, hat nicht nur die Lufthansa die Zahl ihrer Flüge um bis zu 85 Prozent gekürzt. Laut einer Übersicht des auf die Luftfahrt spezialisierten Datenanbieters ist die Zahl der regelmäßig angebotenen Verbindungen seit Februar von 649 auf 235 gefallen. Und auf den verbliebenen Routen fliegen die Linien deutlich seltener als zu Jahresbeginn. Deshalb müssen Reisende oft mit so langen Wartezeiten umsteigen, dass für viele Reisende die Trips zu viel Zeit kosten und sie lieber verzichten. 

Selbst wenn es Flug oder gute Zugverbindungen gibt, scheitern Reisen am Hotelangebot. Besonders in kleineren Städten haben viele Häuser wegen des Beherbergungsverbots für Privatreisende inzwischen geschlossen, so dass es oft schwer ist eine passende Übernachtungsmöglichkeit zu finden. 

Die Einschränkungen treffen nicht alle Teile der Welt gleich. Während in Lateinamerika, Afrika und Teilen Asien der Rückgang fast komplett ist, sind Manager aus Ostasien wieder öfter unterwegs. Innerhalb von China reisen im Vergleich zum Vorjahr gar schon wieder gut 80 Prozent der Manager.

Deutsche Manager reisen noch öfter

Ebenfalls überdurchschnittlich oft verlassen deutsche Manager Büro und Homeoffice. Ihre Reiseausgaben liegen laut einer Übersicht des Geschäftsreiseverbands VDR in Summe bereits wieder bei knapp 20 Prozent des vergangenen Jahres. Im Sommer lagen die Rechnungen für Hotelübernachtungen bereits wieder bei fast 40 Prozent des Vorjahres. Und wegen der laut aktueller Buchungszahlen des Hotelverbands Deutschland (IHA) bis zu 30 Prozent niedrigeren Logispreise hat sich die Zahl der Buchungen sogar noch besser erholt. Die Flugetats liegen dagegen noch kaum über zehn Prozent des Werts aus 2019. Das liegt vor allem daran, dass die Unternehmen Reisen innerhalb Deutschlands eher genehmigen, wo Manager bevorzugt Mietwagen oder Zug fahren, wogegen die meist per Flug absolvierten Auslandstrips sicherheitshalber nur deutlich kürzer sein dürfen oder ganz ausfallen.

Wer reisen darf, kann zudem mit etwas mehr Komfort rechnen. So erlauben die Unternehmen öfter als früher, dass Manager für die letzten Kilometer zum Kunden oder nach Hause statt des preiswerteren öffentlichen Nahverkehrs nun Taxis oder Mietwagen nutzen dürfen. Zudem dürfen öfter besser und zentral gelegenere Hotels gebucht werden, weil deren Preise dank der Krise nun wieder unter den von den Firmen festlegten Obergrenzen für eine Übernachtung liegen.


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Die Großzügigkeit rührt nicht zuletzt daher, dass das Gros der Firmen trotz Corona relativ gute Geschäfte macht und genug Geld hat. „Die Budgets sind ja noch da und werden wohl bei fast keinem Unternehmen ausgeschöpft“, so Carnier. Dazu, so vermuten in Sachen Budgetpolitik erfahrende Manager, wollen viele Abteilungen auch deshalb etwas großzügiger Geld ausgeben, um bei den gerade laufenden Verhandlungen über die Etats des kommenden Jahres allzu starke Kürzungen zu vermeiden. 

Doch auch wenn es weiterhin genug Geld für Geschäftsreisen gibt, bis die Zahl der Buchungen wieder steigt, dürfte es noch eine Weile dauern. Das gilt auch wenn es einen Impfstoff gibt, fürchtet Carnier. „Dazu müssen erst die Reisebeschränkungen fallen und das Angebot an Flügen oder Hotels wieder steigen.“ 

Auf den alten Wert vor der Krise wird die Zahl der Reisen ohnehin nicht wieder klettern, erwartet selbst der für seinen Optimismus bekannte Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Ich rechne damit, dass die Zahl der Geschäftsreisenden auf Dauer zwischen zehn und 20 Prozent unter dem Jahr 2019 liegt.

Mehr zum Thema: Was für Dienstreisende in den wichtigsten Ländern gilt – und warum trotz aller Vorbereitung viele Touren scheitern.
 

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