Getir-Deutschlandchef „Wir glauben, dass die Deutschen ihr Kaufverhalten dauerhaft ändern werden“

Getir-Deutschland-Chef Karthik Harith Quelle: Urban Ruths - Getir

Kündigungen und Einsparungen: Schnelllieferdienste durchleben harte Zeiten. Wie reagiert der türkische Pionier Getir? Deutschland-Chef Karthik Harith über das Franchise-Modell und die Kritik an seiner Branche.

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Der Lebensmittel-Schnelllieferdienst Getir wurde 2015 in Istanbul gegründet von Nazim Salur, Serkan Borancili und Tuncay Tutek. Im Juli 2021 ist Getir in Deutschland gestartet. Nach der letzten Finanzierungsrunde im März 2022 (über rund 800 Millionen Euro) wird das Jungunternehmen mit etwa 11 Milliarden Euro bewertet. Heute ist Getir in neun Ländern tätig: neben der Türkei und Deutschland auch in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Italien, Portugal und den USA.

In Deutschland beschäftigt Getir derzeit rund 3000 Frauen und Männer in sieben Städten (Berlin, Hamburg, München, Nürnberg, Dortmund, Köln, Düsseldorf). Seit Dezember verantwortet Karthikeyan (genannt: Karthik) Harith das Deutschlandgeschäft. Der 32-Jährige hat Elektrotechnik in Providence studiert und verfügt über einen MBA von der privaten Wirtschaftshochschule HEC Paris. Bevor er im August 2021 bei Getir anheuerte (anfangs in London), arbeitete Harith unter anderem für Kraft Heinz und den Online-Bekleidungshändler Wolf & Badger.

WirtschaftsWoche: Herr Harith, Sie sind erst wenige Monate verantwortlich für das Deutschlandgeschäft von Getir, und mussten schon schlechte Nachrichten mittragen: Im Mai verkündete Getir, insgesamt rund 14 Prozent seiner Belegschaft zu kündigen. Wie viele der rund 3000 Angestellten in Deutschland sind davon betroffen?
Karthik Harith: Wir veröffentlichen die exakten Zahlen leider nicht auf Länderebene. Aber was ich sagen kann: Diese schmerzhaften Entlassungen sind kurzfristig. Sie sind den derzeitigen makroökonomischen Aussichten und der Inflation geschuldet. Langfristig jedoch haben wir andere, nämlich gegenteilige Pläne – wir werden wachsen.

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Sie starten nun auch in Deutschland das Franchise-Modell. Was erhoffen Sie sich davon?
Wir werden im August unser erstes Franchise-Geschäft in Deutschland eröffnen. Franchise ist für uns nicht neu. Wir haben vor sechs Jahren in der Türkei damit angefangen; mittlerweile läuft die große Mehrheit unseres Türkei-Geschäfts nach dem Franchise-Modell. Und in Großbritannien ist es bald die Hälfte unserer Geschäfte. Es bietet viele Vorteile.

Welche?
Es fördert die lokale Eigenverantwortung, stärkt die lokale Gemeinschaft und das Engagement. Wenn ich längere Zeit in einer Stadt gelebt habe, wusste ich irgendwann, wer diesen Kiosk in meiner Nachbarschaft betreibt, oder jenes Geschäft nebenan. Mir gefällt die Vorstellung, Menschen zu lokalem Unternehmertum zu motivieren. Gleichzeitig ist es effizienter: Die Franchisenehmer erwerben von uns das Recht, einen Laden mit kompletter Ausstattung zu betreiben, also mit Ausrüstung, Fuhrpark und Sortiment. Wir akquirieren die Kunden und stellen ihnen all das zur Verfügung, war sie für den Betrieb der Läden brauchen. Wir haben diese Techniken in den vielen Jahren, in denen wir ein Franchisenehmer-Modell betreiben, perfektioniert. Der Franchisenehmer muss sich nur darum kümmern, dass sein Geschäft läuft. Wobei: „Nur“ ist leicht gesagt – ich weiß sehr wohl, dass das nicht einfach ist.

Man könnte auch sagen: Durch das Franchise-Modell lagern Sie das Risiko aus.
Das sehe ich vollkommen anders: Niemand kennt seine Nachbarschaft besser als der Einzelhändler im Laden um die Ecke. Er weiß, wie die Leute im Viertel ticken. Er lebt da. Er begrüßt seine Angestellten mit Handschlag. Es ist dieses lokale Know-how, die regionale Verwurzelung, die wir in der Firma haben wollen.

Erhoffen Sie sich durch das Franchise-Modell eine schnellere Expansion? Derzeit ist Getir in sieben deutschen Städten aktiv. In wie vielen Städten werden Sie in zwölf Monaten aktiv sein?
Natürlich wollen wir in Deutschland wachsen. Unsere konkreten Ziele für den deutschen Markt kann ich hier leider nicht offenlegen. Aber wir sehen in den anderen Märkten, in denen wir das Franchise-Modell eingeführt haben, dass es das Wachstum befördert. Es gibt sogar mehr Franchise-Interessierte, als wir annehmen können. Wir haben die ultraschnelle Lebensmittellieferung vor sieben Jahren erfunden. Unsere Ambitionen in Deutschland sind groß. Wir glauben fest daran, dass Kunden ihr Kaufverhalten auch hier dauerhaft ändern werden. Heute nennen wir das Geschäft noch quick-commerce, also Schnelllieferung. In ein paar Jahren wird es einfach nur commerce heißen: Handel. Es wird dann nichts Besonderes mehr sein, weil eine Mehrheit es so machen wird. Denn durch unseren Service bekommt man wahrhaftig Zeit geschenkt. Zeit, die man sinnvoller nutzen kann, als durch Supermärkte zu gehen.

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Es sind aber derzeit keine besonders guten Zeiten für Schnelllieferdienste: Gorillas trennt sich von 300 Angestellten, Jokr zieht sich aus den USA zurück. Und in dieser Woche hat Ihr US-Wettbewerber Gopuff angekündigt, zehn Prozent seiner weltweiten Belegschaft rauszuschmeißen, und zwölf Prozent seiner US-Warenlager zu schließen. Gelten die Marktgesetze für Getir nicht?
Ich vergleiche unser Geschäft gerne mit einem Autorennen. Erst wenn es anfängt zu regnen, erkennt man, welche Fahrer auch unter anspruchsvollen Bedingungen gut manövrieren können. Im Moment regnet es in unserer Branche. Es wird jetzt richtig anspruchsvoll. Aber dieses Rennen ist kein Sprint. Das werden wir noch sehen. Ich bin optimistisch, dass wir das Rennen gewinnen werden. Man sollte nicht den Fehler machen, uns mit all den anderen Anbietern gleichzusetzen.

Der Online-Anteil des Lebensmittel-Einzelhandels beträgt in Deutschland 2021 lediglich drei Prozent. Er ist seit Corona kaum gewachsen. Was stimmt Sie optimistisch?
Sie haben Recht, der Anteil ist prozentual gesehen immer noch sehr gering. In Großbritannien liegt er deutlich höher. Aber in absoluten Zahlen ist auch das schon eine erhebliche Summe. Denn Deutschland ist der größte Lebensmittelmarkt Europas. Und so herum betrachtet, ergibt es Sinn: Hier ist das Potenzial einfach unglaublich groß. Deutsche Kunden sind etwas konservativer als Kunden in anderen Ländern. Man braucht eben etwas Geduld. Wir sind ja gerade einmal ein Jahr in Deutschland aktiv.

Der Rechtsanwalt Martin Bechert, der in Berlin viele Lieferdienst-Mitarbeiter vertritt, kritisierte kürzlich eine „entmenschlichte Arbeitswelt“ bei Lieferdiensten. In Bezug auf Getir sagte er, dort „hagelt es jetzt Kündigungen“ und die Leute seien „nahezu schutzlos“. Hat er Recht?
Ich bin sehr traurig, solche Begriffe wie „entmenschlicht“ zu lesen. Das weise ich entschieden von uns. Bei solcher Kritik werden auch immer alle Anbieter in einen Topf geworfen, und das kann ich nicht gelten lassen. Ich kann schließlich nicht für die ganze Branche sprechen. Ich kann nur für Getir sprechen, und da behandeln wir unsere Mitarbeiter gut. In jedem Getir Store gibt es Ruheräume, wo die Fahrer sich bei Kaffee oder Tee austauschen können. Und: Keiner unserer Fahrer trägt die Lebensmittel in einem Rucksack auf dem Rücken. Das sind ja keine Pizzen, die nur ein Kilogramm wiegen; das sind Lebensmittel, die können 20 Kilogramm wiegen! Wenn man solche Lieferungen eine Woche auf dem Rücken austrägt, macht man sich doch kaputt. Ich weiß das, ich habe ja auch schon einige Fahrten gemacht. Deshalb haben alle Getir-Kurierfahrer eine Transportbox auf ihren Rädern, eine Art Gepäckträger. Und die Farbkombination von Lila und Gelb sorgt dafür, dass unsere Fahrer in der Dunkelheit auf der Straße besser gesehen werden. Ich will sagen: Bei Getir sind auch Details gut durchdacht.

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Anfang Mai fand in der Getir-Deutschlandzentrale in Berlin-Friedrichshain eine Betriebsversammlung zur Wahl eines Wahlausschusses zur Gründung eines Betriebsrats statt. Hat der Wahlvorstand inzwischen eine Betriebsratswahl durchgeführt?
Die Betriebsratswahl wird voraussichtlich Anfang September stattfinden. Und darüber bin ich sehr froh. Denn nur mit zufriedenen Mitarbeitern kann man ein Geschäft erfolgreich betreiben.

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