WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Griechenland-Tourismus Die Regierung tut nicht, was sie müsste

Griechenlands Tourismussektor ist bisher erstaunlich gut durch die Krise gekommen. Doch die politische Unsicherheit verhindert dringende Investitionen - und der Troika fehlt es an Fingerspitzengefühl.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die Griechenland-Urlauber kommen - doch im Land droht ein Investitionsstau. Quelle: dpa Picture-Alliance

Eisenkraut wuchert am Hang, dicht daneben Minze. Filaretos Psimmenos steht im Kräutergarten seines Hotels in Tsagarada auf der vier Autostunden von Athen entfernten Halbinsel Pilion und deutet auf die Stelle, an der er bauen möchte. Eine Ferienwohnung soll da entstehen und eine Küche, in der er Kochkurse abhalten kann. Die griechische Version der italienischen „Cucina Povera“ möchte er seinen Gästen zeigen, dieses schlichte und schmackhafte Essen aus dem, was gerade im Garten wächst.

Die Finanzierung für den Ausbau steht, EU-Zuschuss eingeschlossen, den Bauunternehmer hatte Psimmenos auch schon ausgesucht, doch seit der Wahl Ende Januar ruht das Projekt. „Ich möchte wissen, wie es politisch weiter geht“, sagt Psimmenos. „Ich mag mich nicht in ein Abenteuer stürzen.“

Vor zehn Jahren gab der Marketingexperte seinen Job in der griechischen Hauptstadt auf und wandelte ein traditionelles Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in ein Hotel mit Meerblick um. Als junger Mann leistete er in der Region seinen Militärdienst und entdeckte die idyllischen Dorfplätze mit 1000 Jahre alten Platanen und das Meer, das sich hier meist in Türkis präsentiert. Heute läuft das Geschäft so gut, dass Psimmenos erweitern möchte. Aber er wartet lieber ab.

Was Sie über Griechenland wissen sollten
Für die griechische Nationalmannschaft gab es lange keinen Spitznamen. Erst, nachdem die Griechen die EM 2004 gewannen, erhielten sie den Spitznamen „ To Piratiko“, zu deutsch: das Piratenschiff. Der Name ist eine Anspielung auf die Seefahrernation Portugal, der die Griechen die Trophäe abluchsten. Quelle: dapd
Dem berühmten antiken Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes wird das Zitat zugeschrieben: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben“. Doch auch mit einem festen Punkt und mithilfe eines Flaschenzugs hätte Archimedes das nicht vollbringen können: Selbst mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes hätte er 45 Billionen Jahre lang ziehen müssen, um die Erde auch nur einen Daumen breit verschieben zu können. Quelle: dpa
Griechenland, damit verbinden viele vor allem Sonnenschein und warme Temperaturen. Und tatsächlich hat das Land einen Rekord zu bieten: In Iraklio auf der Insel Kreta wurde noch nie eine Temperatur unter 0 Grad Celsius gemessen. Quelle: dapd
Ob Vicky Leandros oder Nana Mouskouri: Der griechische Schlager ist in Deutschland beliebt, „ Weiße Rosen aus Athen“ oder „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“ klingen im Ohr. Was aber viele nicht wissen: Vicky Leandros war auch als Politikerin aktiv. 2006 errang sie ein Mandat bei den Kommunalwahlen in Piräus für die sozialdemokratische Pasok-Partei. Sie wurde Stadträtin für Kultur und Vizebürgermeisterin. 2001 und 2006 war sie sogar in Deutschland als Kultursenatorin im Gespräch, zuerst für Hamburg und fünf Jahre später für Berlin. Leandros lehnte das Angebot aber ab. Quelle: AP
2008 schaffte es die größte Bougatsa der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde. Dabei handelt es sich um ein Blätterteig-Gebäck, das süß oder herzhaft gefüllt wird und besonders in Nordgriechenland verbreitet ist. Die Rekord-Bougatsa wog 182,2 Kilogramm und war 19,97 Meter mal 58,5 Zentimeter groß und 2 Zentimeter dick. Sie wurde im ostmakedonischen Serres in einem 20 Meter großen Ofen zubereitet. Foto: Konstantinos Stampoulis, GNU-Lizenz 1.2
Für die Zeit zwischen 1200 vor Christus bis etwa 750 vor Christus gibt es kaum historische Belege wie Schriftstücke oder archäologische Funde. Die Zeit wird daher auch als die „Dunklen Jahrhunderte“ bezeichnet. Quelle: REUTERS
Eine Geschichte, die Schlagzeilen machte: Im Juli 2011 fiel auf der griechischen Urlaubsinsel Samos der Strom aus – auch in einem Krankenhaus. Eine Frau, die gerade in den Wehen lag, musste ihr Baby im schwachen Schein von Handydisplays gebären. Das Kind kam trotz allem gesund zur Welt. Quelle: dapd

Die Unsicherheit hängt in diesen Tagen nicht nur über dem Pilion. Ob auf der spektakulären Vulkaninsel Santorini oder auf dem mondänen Mykonos – Griechenlands Touristikmanager arbeiten an Plätzen, die es locker mit Destinationen wie St. Tropez und der Costa Smeralda aufnehmen, und haben doch immer die politischen Turbulenzen im Hinterkopf. Investitionen, ohne die die Branche langfristig international nicht konkurrieren kann, schieben sie erst einmal auf.

Tourismusverband erwartet Rekord

Bisher ist der Tourismus, der mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsleistung einbringt, erstaunlich gut durch die Krise gekommen. 24 Millionen Besucher kamen 2014, so viel wie nie zuvor. In diesem Jahr dämpften zwar die Bilder von geschlossenen Banken und die drohenden Szenarien des Austritts Griechenlands aus dem Euro das Geschäft. Dennoch rechnet Andreas Andreadis, Präsident des Verbands der Griechischen Tourismusunternehmen (Sete), für 2015 mit einem neuen Rekordwert von 26 Millionen Besuchern.

Im Athener Büro von Andreadis, selbst Chef der Hotelkette Sani Resorts, laufen Tag für Tag die neuesten Buchungszahlen für den Rest des Jahres ein. Anfang Juni, als bei den Krisensitzungen in Brüssel die Gefahr eines Grexit wuchs, brachen die täglichen Buchungszahlen um bis zu 40 Prozent unter Vorjahresniveau ein. Kaum war eine Einigung mit den Gläubigern erzielt, schlugen die Buchungszahlen genauso heftig in die andere Richtung aus. Eine gute Portion Gelassenheit, weiß Andreadis, kann in diesen Tagen nicht schaden.

Vor allem die Deutschen, die mit zehn Prozent den größten Anteil an den Urlaubern stellen, ließen sich von der Nachrichtenlage schrecken, beobachtet Andreadis: „Franzosen und Angelsachsen entscheiden sich dagegen unabhängig von der politischen Situation für ein Urlaubsland.“ Die deutschen Anbieter hatten schon Krisenpläne entworfen, wie sie Pauschalurlauber bei einer Staatspleite notfalls aus dem Land hätten evakuieren können. Dabei wurden alle Eventualitäten eingeplant, etwa dass die Flugsicherung zusammenbricht, weil der Staat seine Bediensteten nicht mehr bezahlen kann und dass Flüge wegen Treibstoffmangels ausfallen. „Notfalls hätten wir eine Fähre gechartert und die Gäste in die Türkei gebracht, um sie von dort auszufliegen“, sagt der Chef eines der großen deutschen Reiseveranstalter. Namentlich zitieren lassen will er sich damit nicht.

Höhere Mehrwertsteuer

Die Einigung Athens mit den Gläubigern brachte dennoch schlechte Nachrichten für die Hoteliers. Vom 1. Oktober an steigt die Mehrwertsteuer für Restaurants auf 23 Prozent. Der Satz für Unterkünfte verdoppelt sich auf 13 Prozent, womit Griechenland den höchsten Satz in Südeuropa hat: In Portugal zahlen Hotels nur sechs Prozent, in der Türkei acht.

Der Tourismusverband Sete hatte gehofft, dass die Regierung die höhere Mehrwertsteuer vermeiden könnte. Aber die Troika blieb hart. „Immerhin kommt der Aufschlag nicht mitten in der Saison“, sagt Andreadis. „Und nach einem Jahr soll überprüft werden, ob dadurch mehr Geld in die Staatskasse kommt.“ Er zweifelt daran sehr.

Die Urlaubs-Trends 2015

Weder die Gläubiger noch die Regierung in Athen haben offenbar die Bedeutung des Tourismus für Griechenland erkannt. Die Troika attestiert dem Sektor zwar hohe Wettbewerbsfähigkeit und sieht in ihm einen wichtigen Faktor, der ausländisches Geld in ein sonst extrem exportschwaches Land bringt. Aber ausgerechnet eine Branche zu belasten, die im internationalen Wettbewerb steht, zeigt, dass es der Troika mitunter an Fingerspitzengefühl fehlt.

Griechenlands Regierung tut nicht, was sie müsste

Ex-Premier Alexis Tsipras, der in den von ihm ausgerufenen Neuwahlen am 20. September wieder antritt, ist immerhin von seiner Forderung abgerückt, All-Inclusive-Resorts zu verbieten. Die hatte er beschuldigt, Einheimische und Gäste von einander zu „entfremden“. Aber von einer Strategie für die Branche kann in Athen keine Rede sein. „Die Regierung sieht Tourismus nur als Cashcow“, sagt Sete-Chef Andreadis. „Vieles von dem, was die Regierung machen müsste, tut sie nicht.“

Dazu zählt etwa, die Vielzahl von absurden Regulierungen zu durchforsten, die die Branche überzieht. Zwar wurde auf Betreiben der Troika ein Gesetz abgeschafft, dass Privatleuten die Vermietung von Ferienhäuser für weniger als drei Monate verbot. Aber noch immer sind Fährtickets nicht systematisch im Internet buchbar, weil die Reisebüros auf den Inseln um ihren Umsatz fürchten.

Aus ideologischen Gründen hatte die Regierung Tsipras auch die Privatisierung von Flughäfen verschleppt, wo Reisende teilweise verheerende Zustände vorfinden. Auf Rhodos etwa, einem Flughafen mit dem Charme einer Ostblockbehörde, sind die Toiletten von weitem am Geruch zu erkennen. Neben den Toiletten quellen offene Abfallkörbe mit benütztem Klopapier über, das wegen der schmalen Rohre nicht herunter gespült werden kann. Investitionen wären nicht nur in die Infrastruktur notwendig, sondern auch beim Umweltschutz. Abwasser fließt oft ungeklärt ins Meer.

Griechenlands Potenzial bräuchte Investitionen

Um Griechenlands großes Potenzial im Tourismus zu verwirklichen, müssten im Jahr drei Milliarden Euro investiert werden. Das errechnete die Beratung McKinsey für Sete. Dann könnte der Anteil des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt bis 2021 auf 30 Prozent steigen, die Zahl der Jobs um 700.000.

Doch schon im vergangenen Jahr, als das Geschäft so gut lief wie nie, haben die Hoteliers das Investitionsziel verfehlt. Ein Grund: Banken verlangen für Kredite bis zu sieben Prozentpunkte mehr als anderswo in der Eurozone. Dieses Jahr dürften die Investitionen wegen der Unsicherheit beinahe zum Erliegen kommen.

Diese griechischen Inseln stehen zum Verkauf
Traumhaftes GriechenlandZu Griechenland gehören je nach Schätzungen zwischen 1200 und 6000 Inseln. Viele davon sind bereits in privatem Besitz, der Rest gehört noch der griechischen Regierung, die mit Verkäufen viel Geld sammeln könnte. Dutzende dieser Inseln stehen aktuell zum Verkauf, auch die von privaten Eigentümern. Experten gehen von einem Ausverkauf griechischer Inseln in den nächsten Jahren aus. Auf der Verkaufswebsite Private Islands Online sind sie aufgelistet. Hier sind die elf günstigsten Inseln. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 11: Omfori IslandOmfori Island ist 4,5 Quadratkilometer groß – und hat genau ein Haus, abgebildet auf diesem Foto. Für 50 Millionen Euro ist die Insel zu haben. Der Käufer dürfte 20 Prozent der Insel bebauen. Kann nachgewiesen werden, dass eine weitere Bebauung eine gute Investition wären, würde die griechische Regierung laut Private Islands Online weitere Baugenehmigungen erteilen. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 10: Dulichium IslandDulichium Island ist die größte griechische Insel, die derzeit zum Verkauf steht – sie erstreckt sich über 5,4 Quadratkilometer. Der höchste Punkt der Insel liegt 250 Meter über dem Meeresspiegel, die Insel verfügt über 4000 Olivenbäume. Bisher ist die Insel jedoch komplett unerschlossen. Laut der Website wäre das Eiland jedoch ein guter Ort, um ein Hotel Ressort zu bauen. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 9: Nördliche Ägäische InselMit einem Schnellboot erreicht man die nördliche ägäische Insel in einer halben Stunde von Athen aus. Aufgrund dieser Nähe sollen bereits viele Interessenten auf der Matte stehen. Für 35 Millionen Euro Kaufpreis erhält man dieses Eiland mit einer Größe von 0,348 Quadratkilometern. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 8: St. ThomasDiese Insel ist mittlerweile nicht mehr zu haben: Der US-Starinvestor Warren Buffett hat sie gemeinsam mit Immobilienunternehmer Alessandro Proto gekauft - und den vollen Kaufpreis bezahlt. Die Insel Thomas befindet sich in der Nähe von Korinth, mit dem Wassertaxi erreicht man sie in 20 Minuten. Auch von Athen ist die 1,21 Quadratkilometer große Insel nur 45 Minuten entfernt. Ansonsten ist auch dieses Eiland komplett unerschlossen. Kaufpreis: 15 Millionen Euro. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 7: NafsikaFür 6,9 Millionen Euro wurde die Insel Nafsika kürzlich bereits verkauft. Das unentwickelte Eiland verfügt über drei natürliche Häfen und vielen Aussichtspunkten mit einem 360-Grad-Blick. Es ist fünf Quadratkilometer groß. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse
Platz 6: Kardiotissa Die Insel Kardiotissa liegt inmitten der ägäischen See. Sie wird angepriesen als perfekter Ort für eine Segel- oder Tauchschule. Mit einem Schnellboot ist man in zehn Minuten auf den Inseln Folegandros oder Sikinos, die beide wiederum über eine tägliche Fähre nach Piräus verfügen. Quelle: Privateislandsonline.com Quelle: Presse

Und auch die ausländischen Investoren halten sich zurück. So will sich die TUI trotz aller Treueschwüre der deutschen Großveranstalter für Griechenland aus ihrem Engagement bei den 23 Luxushotels der Marke Grecotel zurückziehen, die sie bisher zur Hälfte hält.

"Zeit des schnellen Geldes ist vorbei"

Sete-Präsident Andreadis ist dennoch verhalten optimistisch für seine Branche: „Wir sehen, dass eine neue Generation von Griechen das Geschäft übernimmt, die in der zweiten oder dritten Generation im Tourismus arbeiten und wissen, was die Gäste wollen.“ Die Qualität habe zugenommen. „Die Branche hat verstanden, dass die Zeit des schnellen Geldes vorbei ist“, sagt Andreadis mit Blick auf die Jahre vor der Krise, als die Griechen selbst viel in ihrem Land reisten.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Gefragt ist Einfallsreichtum. Andreadis macht in den Ikos Resorts, die er mit dem US-Investor Oaktree betreibt, vor, wie das von der Regierung ungeliebte All-Inclusive-Modell an griechische Verhältnisse angepasst werden kann. Gäste können nicht nur in den Luxus-Restaurants der Anlagen speisen, wo die Weinkarte 300 Posten aufweist. Genauso inbegriffen ist das Essen in drei Tavernen in der Umgebung mit Lokalkolorit. Das widerlegt den Vorwurf, dass bei All-Inclusive-Anlagen zu wenig Geld in die örtliche Wirtschaft fließt.

Der Verband Sete tüftelt nun an einem All-Inclusive-Modell, bei dem kleine Hotels mit 20 bis 25 Zimmern mit örtlichen Tavernen zusammen arbeiten. „Das wendet sich an Leute, die keine unpersönlichen Anlagen mögen und viel vom Land mitbekommen möchten“, sagt Andreadis.

Er hat schon eine Zielgruppe im Auge, der das besonders gut gefallen könnte: Die Deutschen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%