Grüner Punkt in der Kritik Alles Müll

Beim Thema Mülltrennung blickt kaum ein Bürger durch. Das Duale System steht zunehmend in der Kritik. Wäre es nicht besser, den Gelben Sack ein für alle mal zuzumachen? Ein Blick auf die Probleme und mögliche Alternativen.

Wäre es nicht besser, den gelben Sack ein für alle mal zuzumachen? Quelle: dpa

22 Jahre Gelber Sack und noch immer ist die Frage mit dem Blumentopf nicht geklärt. Wo soll das Plastiktöpfchen hin, wenn der Basilikum sein letztes Blatt für Mozzarella mit Tomate gab? Ist der Blumentopf an sich eine Verpackung?

Täglich mehrmals stellen sich 80 Millionen Deutsche die Frage, welcher Müll in welche Tonne gehört - gut vierzig Prozent treffen die falsche Entscheidung. So hoch ist die so genannte Fehlwurfquote. Viele sind mit den Trennvorgaben schlicht überfordert und wer sie logisch hinterfragt, muss zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass sie nicht logisch sind. Warum darf der Plastik-Joghurt-Becher in den gelben Sack, der Plastik-Blumentopf aber nicht? Ist Plastik nicht gleich Plastik? Vom Standpunkt der DSD - Duales System Deutschland AG - ist das tatsächlich so.

270.000 Tonnen Plastikmüll treiben auf den Weltmeeren
Fast 270.000 Tonnen Plastikmüll treiben einer neuen Studie zufolge auf den Ozeanen der Erde. Das sei so viel Abfall, wie nicht einmal in 38 500 Müllwagen passen würde, schätzt eine am Mittwoch in dem Fachjournal „Plos One“ veröffentlichte Studie. Es handele sich dabei um mehr als fünf Billionen Einzelteile, heißt es in der Untersuchung. Um zu den Zahlen zu kommen, hatten Forscher zu See mit einem Maschennetz kleine Abfallteilchen gesammelt. Beobachter auf Booten zählten größere Gegenstände auf dem Wasser. Mit Computermodellen wurde für nicht untersuchte Gebiete hochgerechnet, wie viel Müll auch dort schwimmt. Die Studie bezieht sich lediglich auf Plastikabfall an der Wasseroberfläche. Wieviel Material auf dem Meeresboden liegt, erforschten die Wissenschaftler nicht. Foto: NOAA/PIFSC Quelle: Presse
Im Meer vor Griechenland treiben Plastiksäcke. Das Bild stammt aus dem Jahr 2008. Foto: Gavin Parson/Marine Photobank Quelle: Presse
Plastikmüll als Habitat für Meeresbewohner im Pazifik. Foto: Lindsey Hoshaw Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Tromsø in Norwegen. Foto: Bo Eide Quelle: Presse
Angeschwemmter Plastikmüll vor der Küste von Kanapou in den USA. Foto: NOAA/Marine Debris Program Quelle: Presse
Vor der Küste von Hawaii sind etliche Netze angeschwemmt worden. Foto: Chris Pincetich/Marine Photobank Quelle: Presse
Kein seltener Bild: Eine Robbe hat sich in einem Treibnetz verfangen, USA, 2009. Foto: Kanna Jones/Marine Photobank Quelle: Presse

Das Unternehmen wurde 1991 gegründet und sollte das deutsche Müllproblem lösen. Damals türmten sich auf Deutschlands Deponien riesige Abfallberge. Der Platz wurde knapp. In den Jahren zuvor war vor allem immer mehr Verpackungsmüll angefallen, daher beschloss die Bundesregierung, dort anzusetzen: Diejenigen, die die Verpackungen herstellten, sollten einen Anreiz bekommen, weniger davon herzustellen, in dem man sie für die Entsorgung ihrer Verpackungen zur Kasse bat - und zwar über ein Lizenzsystem: den grünen Punkt. Unternehmen, die verpackte Waren anbieten, zahlen an die Duale System Deutschland AG einen Betrag X, der sich nach der Menge der produzierten Verpackungen richtet. Die DSD übernimmt dafür das Einsammeln und Wiederverwerten dieses Mülls. Zum Zeichen, dass das Unternehmen für seinen Müll aufkommt, darf es den Grünen Punkt auf seine Verpackungen drucken. Die Verpackungsverordnung von 1991 regelt gleichzeitig, wie viel der eingesammelten Plastikverpackungen, der Einwegglasflaschen und Marmeladengläser, Pappe und Papier wiederverwertet werden soll.

Die Schwächen des System werden schnell deutlich:

1. Die Deutschen sind zu fleißige Mülltrenner

Sie werfen alle Plastikverpackungen in die gelbe Tonne - egal, ob auf dem Joghurtbecher ein grüner Punkt prangt oder nicht. Was keine grünen Punkt trägt, nimmt aber nicht am System teil. Die DSD erhält für das Einsammeln und Aufbereiten dieses Mülls also keine Lizenzgebühr. So fallen tausende Tonnen Müll an, für dessen Wiederaufbereitung keiner bezahlt. Es ist den Unternehmen nämlich freigestellt, ob sie am DSD teilnehmen oder ihren Müll selbst entsorgen und recyceln lassen. Das öffnet Trittbrettfahrern Tür und Tor. Es besteht bis heute keine funktionierende Kontrolle darüber, wer wie viel Müll über welchen Weg abtransportiert. Und dass Kunden Verpackungen lieber zu Haus in den Gelben Sack stecken als direkt im Supermarkt zurückzulassen, kann niemand verbieten.

2. Das duale Systeme ermöglicht zu viele Trittbrettfahrer

Die DSD hat bis 2001 eine Monopolstellung inne. Auf Druck der europäischen Kartellbehörden muss Deutschland den Markt für Wettbewerber öffnen. Sie dürfen seither die gelbe Tonne mitnutzen. Mittlerweile gibt es acht große Mitbewerber: BellandVision, Eko-Punkt, Interseroh, Landbell, Redual, Veolia Umweltservice Dual, Vfw und Zentek. Die Konkurrenzsituation hat die Kosten für das Gesamtsystem deutlich verringert. "Mitte der 90er Jahre fielen Milliarden D-Mark an, gegenwärtig liegen die Kosten bei unter einer Milliarde Euro", sagt Thomas Rummler, Ministerialdirigent im Bundesumweltministerium im Juni 2013. Das kann man als Erfolg werten. Die Marktöffnung brachte aber ein neues Problem: Das System wurde extrem komplex, Trittbrettfahrer sind kaum aufzuspüren.

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