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Grünes Gewissen im Urlaub Wie die Reisebranche auf die Klimaproteste reagiert

Quelle: dpa

Reisekonzerne überbieten sich mit Nachhaltigkeits-Initiativen. TUI übernimmt in Skandinavien sogar auf eigene Kosten die CO2-Kompensation. Doch es gibt Kritik an den Konzepten. Und die Kunden ziehen noch nicht mit.

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Ein Backsteingebäude im Zentrum von Stockholm. Früher war hier mal eine Brauerei, heute soll hier die Klima-Revolution des Reise- und Tourismusgewerbes beginnen, das für acht Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes sorgt.

Hier sitzt die Skandinavien-Zentrale des Tourismuskonzerns TUI. Vier Geschosse, viel freier Raum, 400 gut gelaunte Mitarbeiter, ein Büroroboter namens Pepper 2E. Der Pressesprecher zeigt auf eine kleine Wölbung an seiner Hand. Er hat sich einen Chip unter die Haut spritzen lassen. Einen Hausausweis, mit dem er auch das Kantinenessen zahlen kann. Die Botschaft ist klar: Willkommen in der Zukunft.

Geschäftsführer Alexander Huber bittet in ein gläsernes Besprechungszimmer und setzt eine ernste Miene auf. Er möchte über das schwedische Wort: „Flygskam“ sprechen. Flugscham, neuerdings Teil des Wortschatzes. Hier in Stockholm begann Greta ihre Kampagne gegen den Klimawandel, hier in Schweden merkten Huber und seine Kollegen plötzlich, dass das Fliegen in den Urlaub auf einmal nicht mehr so schick galt. „Scham zu fühlen, erschrocken zu sein, löst kein Problem. Die Welt wäre nicht besser, wenn es keinen Tourismus gäbe. Deshalb haben wir gehandelt“, sagt Huber. Seit Mai kompensiert TUI Nordic die CO2-Emissionen, die in 2000 Flugstrecken in konzerneigenen Flugzeugen und den 200 eigenen Hotels verursacht werden. Auf eigene Rechnung.

Wie viel Geld TUI Nordic das gute Gewissen wert ist, will Huber nicht sagen – das macht sein ehrenhaftes Projekt intransparent. Dafür spricht er aber umso lieber darüber, was er mit dem Geld macht: Es fließe in Projekte der NGO Southpole, die Sonnen-, Windkraft, Wasser- und Biogas-Projekte in Indien, Thailand und Vietnam fördert. Huber hat ein Ziel: Bis zum Jahr 2030 will er mit TUI auf den nordischen Märkten „klimaneutral“ sein.

Wie Huber in Stockholm wetteifern in diesen Tagen auch andere Reisekonzerne in Sachen Nachhaltigkeit: Sie sammeln Müll an den Stränden ein, sparen Wasser in den Hotels, sind lieb zu Tieren und fördern Kinder in Entwicklungsländern. Und sie schmücken sich mit Nachhaltigkeitssiegeln wie mit Medaillen.

Die Klimaproteste der Schüler zeigen Wirkung: „Die klassische Reisebranche steht unter Schock. Die Kunden radikalisieren sich ja fast schon“, sagt der Tourismusforscher Harald Zeiss von der Hochschule Harz, er meint damit vor allem die „Flugscham“.

Die sehen die Nachhaltigkeits-Manager deutscher Reiseanbieter die Debatte? „Im Moment entsteht bei den Verbrauchern Unsicherheit: Was darf ich noch? Man darf den Menschen den Spaß am Reisen nicht verderben. Man muss die positiven Effekte nachhaltiger Reiseerlebnisse vermitteln und zeigen, dass Nachhaltigkeit auch ein Qualitätskriterium ist“, sagt Ulrike Braun, die sich beim Reisekonzern DER Touristik (unter anderem. Dertour, ITS, Meier Weltreisen) um das Thema Nachhaltigkeit kümmert.

Braun berichtet von Projekten des Reiseanbieters in den Reisegebieten: Bildungsprojekte, Arbeitsschutz-Initiativen, Tierschutz. „Das Thema Fliegen wird immer ein schwieriges bleiben, solange Flugzeuge auf fossile Brennstoffe angewiesen sind. Die nachhaltige Leistung muss auch deshalb in erster Linie im Zielgebiet erfolgen“, sagt Braun. Zwar biete man den Kunden an, ihren CO2-Ausstoß gegen einen Aufpreis auszugleichen. Aber: „Gerade wenn es an das Thema Flug geht, besteht bei den Kunden eine große Hürde, Geld in die Hand zu nehmen und die Flüge zu kompensieren.“

Sie könne sich aber vorstellen, „dass die Kundengruppe, die sich für Nachhaltigkeit interessiert, wächst“.

Zum Thema Nachhaltigkeit befragt, kann es den Deutschen gar nicht engagiert genug gehen. In einer Erhebung unter Kunden des Reisekonzerns Thomas Cook gaben zwei von drei Urlaubern an, dass das Thema Nachhaltigkeit wichtig oder sehr wichtig sei. Deshalb hat sich das Unternehmen selbst ein Klima-Ziel gesetzt: Bis zum kommenden Jahr soll der CO2-Ausstoß von Flugreisen und Transfers im Urlaubsland im Vergleich zur Saison 2008/2009 um zwölf Prozent gesenkt werden. Aktuell jedoch, teilt Nachhaltigkeits-Managerin Friederike Grupp mit, liege man erst bei vier Prozent.

So hat man sich noch ein weiteres Ziel gesetzt: „Dass 100.000 Menschen einen positiven Effekt durch unsere Unternehmensaktivitäten spüren.“ Es klingt ein wenig weicher als das CO2-Ziel.

Grupp berichtet, dass sich Thomas Cook für Kinder in Not engagiere, Plastikmüll an Stränden und in Hotels bekämpfe und vermeide und darauf dränge, dass alle eigenen Hotels mit dem Travelize-Zertifikat versehen werden. „Zertifizierte Hotels sind nicht automatisch teurer“, sagt Grupp und verweist auf Einsparungen, die entstehen, wenn Bettwäsche in Hotels seltener gewechselt oder Wasser eingespart wird.

Petra Thomas, die mit dem Forum Anders Reisen rund 140 Reiseunternehmen mit einem Gesamtumsatz von 334 Millionen Euro vertritt, sieht die Nachhaltigkeits-Strategien der großen Reisekonzerne kritisch.

„Wir wollen nicht durch schöne Charity-Projekte glänzen – sondern die Reiseprodukte so gestalten, dass sie den Menschen im Zielgebiet zugute kommen und keine Schäden entstehen.“, sagt Thomas; es ist klar, wen sie mit den „Charity-Projekten“ meint. Bei diesen Wohltätigkeits-Strategien werde „ein Teil des Gewinns in Hilfsprojekte investiert, die nicht immer etwas mit Tourismus zu tun haben. Wie das Geld erwirtschaftet wurde, spielt dabei keine Rolle.“

Das Forum Anders Reisen verpflichtet seine Mitglieder mit einem strengen Kriterienkatalog zur Nachhaltigkeit. Jeder einzelne Bestandteil einer Urlaubsreise ist definiert: Flüge in Zielgebiete, die weniger als 800 Kilometer entfernt sind, werden von den Firmen nicht angeboten. Die Mobilität im Reiseland, Aktivitäten vor Ort, das Hotel und die Verpflegung orientieren sich an umwelt- und sozialverträglichen Kriterien.

Und dennoch gibt es ein Problem: Die Kunden ziehen noch nicht mit. Nur zwei Prozent aller deutschen Urlauber kompensieren freiwillig ihren CO2-Ausstoß. „Das ist bitter“, sagt Petra Thomas und räumt ein, dass auch von den Kunden der Reisebüros ihres Forums nur 6,3 Prozent kompensieren. Für dieses Jahr hat der Verband eine Mindestquote von zehn Prozent festgelegt.

Zurück nach Stockholm, zu Alexander Huber von der TUI. Auch er muss sich Kritik anhören, etwa dass sein Kompensationsprogramm mit Wind- und Wasserenergie Branchen fördert, die auch ohne TUI laufen würden. Er sagt dazu: „Die Kompensation ist nur ein Baustein in einer umfassenden, globalen und langfristigen Nachhaltigkeitsstrategie“ und darüber hinaus „sicher nicht die endgültige Lösung. Viel wichtiger sind Investitionen in Innovationen“, etwa im Luftverkehr oder der Schifffahrt. „Es muss Investitionen geben in die Technik der Zukunft, da ist der Hebel sehr viel größer.“

Er sieht Nachhaltigkeit auch als Verkaufsargument, als Kriterium bei der Wahl des Reiseveranstalters. Huber klingt selbstbewusst: „Die TUI war hier immer ganz vorne, das gilt für die ökologische wie die soziale Nachhaltigkeit.“ Ob die Kunden auch bereit sind, mehr für Nachhaltigkeit zu zahlen? Huber denkt einen Augenblick nach, dann sagt er: „Das ist eine heikle Frage.“

Flugreisen, Stahlhütten, Kraftwerke: Das Geschäft mit der Kompensation von CO2-Sünden boomt wie nie zuvor – doch nicht alle Klimaschutzprojekte halten, was sie versprechen. Mehr lesen Sie in der großen Titelgeschichte der WirtschaftsWoche „Die Ablasshändler“.

Dieser Wald in Togo soll deutsche Klimasünden ausgleichen

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