Gustav Stolper Wir alle wollen seine Enkel sein

Gustav Stolper hat 1926 „Den deutschen Volkswirt“ gegründet, den publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Ein Leitstern für die Redaktion ist er bis heute.

Gustav Stolper Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SA

War er ein großer Ökonom? Hat er einen Platz auf dieser Internetseite verdient? Gustav Stolper erdachte keine ökonomische Theorie. Die Wissenschaft verdankt ihm keine bahnbrechende Erkenntnis. Er löste keine knifflige Gleichung; das Stolper-Samuelson-Theorem, das bestimmte Preisentwicklungen im Außenhandel erklärt, geht auf seinen Sohn Wolfgang zurück. Vater Gustav hat es nicht einmal zum ordentlichen Professor an einer Universität gebracht. Stattdessen hatte er einen ausgeprägten Hang zur Politik, mischte sich mit Leidenschaft in die wichtigen Debatten seiner Zeit ein.

In Deutschland schaffte er es 1932 immerhin als Abgeordneter in den Reichstag. Alles in allem aber ist die Geschichte seines Wirkens in Österreich und in Deutschland die Geschichte eines doppelten Scheiterns. So gesehen lautet die Antwort: nein.

Aber andererseits? Sein ganzes Leben hat Gustav Stolper mit großer Leidenschaft der Ökonomie gewidmet. Der Verein für Socialpolitik, der traditionsreichste und renommierteste Zusammenschluss deutscher Volkswirtschaftler, hält die Erinnerung an Stolper jedes Jahr durch die Vergabe eines nach ihm benannten Preises wach, unter anderem an Hans-Werner Sinn (2008), Martin Hellwig (2009), Ernst Fehr (2010) und Otmar Issing (2011).

Gustav Stolper über...

Erinnert wird damit an einen brillanten Wirtschaftsjournalisten, Verleger und Politiker. Ab 1911 schreibt Stolper für den „Österreichischen Volkswirt“, übernimmt das Blatt später. 1926 hebt er in Berlin die Zeitschrift „Der deutsche Volkswirt“ aus der Taufe – ein neuartiges und ungewöhnliches Magazin mit einer Mischung aus akademischen, außen- und wirtschaftspolitischen Themen und Unternehmensanalysen.

Daneben reist Stolper als erfolgreicher Redner durch das Land, ist wie kein Zweiter seiner Zeit vernetzt mit den Spitzen von Regierung und Unternehmen. Er und sein Blatt haben Erfolg – bis 1933. Mehr oder weniger gleichgeschaltet, erscheint das Blatt noch bis 1943 und lebt dann ab 1949 in seiner ursprünglichen Tradition wieder auf. 1970 wird aus „Dem deutschen Volkswirt“ die WirtschaftsWoche.

Geboren 1888 in Wien als Kind jüdischer Einwanderer aus Polen, ist Stolper eine Karriere als Wirtschaftsexperte, Publizist und Politiker nicht in die Wiege gelegt. Schon früh muss er in der Familie Verantwortung übernehmen. Sein Vater, von falschen Ratgebern zur Geldspekulation verleitet, hat sein Vermögen im Börsencrash 1895/96 verloren und findet danach nicht mehr ins geregelte Leben zurück. Gustav ist damals acht Jahre alt.

Schon mit 13 muss er dazuverdienen, damit es für ihn, die Eltern und seine zwei Schwestern reicht. Weil er in der Volksschule reichlich Einser schreibt, darf er aufs Gymnasium. Im Sommer 1906 belohnt er sich für die Matura mit einer Reise – zu Fuß geht es über die österreichischen Alpen und hinunter bis zum Adriatischen Meer. Finanziert wird das Abenteuer, indem Stolper zwei junge Schüler auf den wochenlangen Marsch mitnimmt und sie auf den Rückweg in Bad Ischl wohlbehütet den Eltern übergibt.

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