Heinrich Bauer Verlag So wird Europas größtes Zeitschriftenhaus umgebaut

Unter Verlegerin Yvonne Bauer wandelt sich Europas größter Zeitschriftenkonzern vom reinen Heftchenverkäufer zum internationalen Medienhaus. Denn das alte Bauer-Modell stößt an seine Grenzen.

Bauer Media Group Quelle: dpa

„Frecher Junge bekommt schlimmste Strafe aller Zeiten“, „Foto-Love: Zicken-Zoff statt Flirt-Alarm“ – wenn solche Überschriften Sie reizen, sind Sie potenzieller Leser der „Bravo“.

Dem Heft täte das gut. Denn am Kiosk leidet das Magazin, das seit Mitte der Fünfzigerjahre pickelige Teenies durch die Wirrungen der Pubertät begleitet, an Schwindsucht. Ende der Neunzigerjahre verkaufte die „Bravo“ mehr als 1,2 Millionen Hefte. Ende 2014 waren es nur noch 120.000.

Umsätze der größten Medienkonzerne der Welt

Um das Blatt zu wenden, ist „Bravo“ jetzt dicker, hat einen glänzenden Umschlag und landet nur noch alle 14 Tage am Kiosk. Gleichzeitig hat „Bravo“ den Online-Auftritt aufgehübscht und verbündet sich mit Stars der Videoplattform YouTube.

Die neue Linie bei der „Bravo“ steht symptomatisch für die Strategie des Bauer Verlags unter der 38-jährigen Chefin Yvonne Bauer: gegen den Trend weiter in gedruckte Zeitschriften investieren, damit noch möglichst viel verdienen, um verstärkt ins lange vernachlässigte Digitalgeschäft einzusteigen. Dazu startet Bauer Online-Ableger und kauft weitgehend unbeachtet weltweit Shopping- und Gesundheitsportale. Zudem will die seit Ende 2010 amtierende Verlegerin die Erlöse aus der Werbung steigern und investiert in Radio und TV.

Umsatz des Bauer Verlages 2005-2014. Für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik klicken.

Denn das alte Bauer-Modell stößt an Grenzen. Branchenweit schrumpfen wegen der Konkurrenz durch Internet und mobile Medien die Auflagen. Das gilt auch für Bauers Massenblätter. Wichtige Titel wie „TV Movie“ oder „Das Neue Blatt“ bröckeln. Doch anders als etwa der Axel-Springer-Konzern, der sich bis auf „Bild“ und „Welt“ von fast allen Print-Titeln trennte und so vehement wie aktienkurstreibend ins Digitale stürzte, klebte das Familienunternehmen Bauer am Gedruckten und ignorierte das Web-Geschäft lange.

"Wir setzen auf Print"

Lieber verfeinerte Europas nach Auflage gerechnet größter Zeitschriftenkonzern sein Geschäftsmodell, Massenblätter möglichst preiswert zu produzieren und zweistellige Renditen zu erzielen. „Wir setzen weiter voll auf Print“, sagt Konzerngeschäftsführer Jörg Hausendorf. „Während andere sich aus dem Kerngeschäft verabschieden, haben wir seit 2011 gut 100 neue Zeitschriften gestartet, davon über 20 in Deutschland.“

Das sind die Giganten der Medienwelt
Fernsehsender, Zeitungen, Kinostudios: Medien sind ein Milliardengeschäft – im Bild eine Szene aus dem aktuellen Film „Spider-Man“. Auf Basis der Erlöse des Jahres 2013 hat Lutz Hachmeister, Direktor des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik, ein Ranking der 50 größten Medienunternehmen der Welt erstellt. Wir zeigen die Top 10. Quelle: AP
Platz 10: Cox EnterprisesMit fast 12 Milliarden Euro Umsatz zählt Cox Enterprises zu den zehn größten Unternehmen der Branche. Das Hauptquartier liegt in Atlanta (Georgia). Der Konzern gehört fast vollständig der Familie Cox beziehungsweise Kennedy und beherbergt unter anderem 17 Tages- und 25 Wochenzeitungen sowie 15 regionale Fernsehsender. Quelle: Handelsblatt Online
Platz 9: BertelsmannBertelsmann ist der größte deutsche Medienkonzern, auch dank der RTL-Gruppe mit ihren Fernsehsendern. Weltweit rangiert der Konzern auf Rang 9, mit einem Umsatz von 16,4 Milliarden Euro. Vorstandschef Thomas Rabe will die Erlöse bis 2016, spätestens aber bis 2017 auf 20 Milliarden Euro steigern. Quelle: dpa
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern befindet sich weiterhin in der Krise. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten: Bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 8: Sony Entertainment Der japanische Elektronikkonzern Sony ist in vielen Sparten aktiv: Er hat ein Filmstudio, baut Fernseher und Audiogeräte, hat aber auch die Spielkonsole Playstation im Angebot – im Bild eine Brille, die Spiele in einer virtuellen Realität ermöglicht. Allerdings tut sich das Traditionsunternehmen schwer. Der Umsatz stieg zwar zuletzt um 14,3 Prozent auf 7,77 Billionen Yen (54,8 Mrd. Euro am Stichtag 31. März), das Plus resultierte aber größtenteils aus Währungseffekten, bei konstanten Kursen wäre der Erlös um zwei Prozent gesunken. Der operative Gewinn sank um fast 90 Prozent auf 26,5 Milliarden Yen (187 Millionen Euro), unterm Strich steht ein Verlust von 128,4 Milliarden Yen (903 Millionen Euro) – der sechste in sieben Jahren. Quelle: AP
Platz 7: Viacom CBSDer US-Medienkonzern Viacom CBS, Mutter der Fernsehsender MTV, Nickelodeon und des Hollywood-Filmstudios Paramount, verbuchte im vergangenen Jahr einen Umsatz 21,894 Milliarden Euro – Rang sieben. Der Hauptsitz ist der Broadway in New York City. Quelle: AP
Platz 6: Time WarnerUnter dem Dach von Time Warner sind diverse Medienunternehmen versammelt – etwa der Bezahlsender HBO, der derzeit mit der Serie „Game of Thrones“ für Furore sorgt. Auch das Verlagshaus Time Inc., die Filmproduktionen New Line Cinema und Warner Bros. Entertainment sowie die TV-Kette Turner zählen zum früheren Branchenprimus. 2009 gliederte das Unternehmen den Kabelnetzbetreiber Time Warner Cable Inc. aus und zog zudem einen Schlussstrich unter die erfolglose Fusion mit AOL. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr umgerechnet 22,4 Milliarden Euro. Quelle: AP

In den Geschäftszahlen für 2014, die der zugeknöpfte Verlag wohl im Juni bekannt geben wird, liefern die Magazine entsprechend mit 1,7 Milliarden Euro noch immer den Löwenanteil am Umsatz ab. Zwar lag das Konzernergebnis nach Informationen der WirtschaftsWoche wohl über dem von 2013. Doch mit 2,2 Milliarden Euro sank der Umsatz unter die 2,3 Milliarden des Vorjahres – Grund genug, das Printgeschäft auf noch mehr Effizienz zu trimmen und zugleich nach neuen Erlösquellen zu fahnden.

Im Weg stehen könnte der Verlegerin dabei das Image von Bauer: Denn dem Haus haftet der Ruf an, quasi der Aldi der Branche zu sein. Die Methoden ähneln denen des Discounters, von der für ein Medienunternehmen ungewöhnlichen Verschlossenheit über extreme Sparpolitik und Effizienz bis hin zur Ablehnung von Betriebsräten.

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