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ICE-und Intercity-Flotte Mit diesen Zügen will die Bahn das Chaos in den Griff kriegen

Mit diesen Zügen will die Deutsche Bahn das Chaos in den Griff kriegen Quelle: Deutsche Bahn AG/Kai Michael Neuhold

Die Deutsche Bahn investiert nicht nur viel Geld in neue Züge, sondern auch Millionen, um alte Züge zu sanieren. Einige Züge fahren deutlich länger als geplant.

Am 2. Juni 1991 begann in Deutschland eine neue Ära. Das Land war noch kein Jahr wiedervereinigt und die Hauptstadt hieß noch Bonn, da startete an diesem Juni-Tag morgens um 5:53 Uhr in Hamburg der ICE 593 „Münchner Kindl“ Richtung München. Die Fahrt verlief über Hannover, Frankfurt, Stuttgart und weitere Städte – eine „Bilderbuchfahrt“, erinnern sich Beteiligte, mit pünktlicher Ankunft in der bayerischen Landeshauptstadt. Es war die Premierenfahrt eines ICE-Zuges. Der ICE1, also der ICE der ersten Generation, hat mit Tempo bis zu 280 Kilometer pro Stunde bis heute Bahngeschichte geschrieben.

Und er wird auch in Zukunft noch gebraucht. „58 Züge, umfassende Modernisierung (insbesondere Technik) ab 2019“, heißt es in einer internen Unterlage der Deutschen Bahn unter dem Stichwort „ICE1-Modernisierung“. Lange Zeit war der Vorstand der Bahn unsicher, ob er die betagten Züge noch einmal entrümpeln und weiterbetreiben soll. Doch angesichts der Probleme im Fernverkehr wird nun jeder Zug gebraucht, der zur Verfügung stehen kann. Der ICE1 fährt also weiter.

Der Ausbau der Fernverkehrsflotte ist einer von fünf Maßnahmen der Bahn gegen die Krise auf der Schiene. Jeder vierte ICE- und Intercity-Zug 2018 war unpünktlich. Bei einer internen Fehleranalyse kam heraus, dass das Unternehmen selbst für die Hälfte der Verspätungen verantwortlich ist, weil Züge kaputt aus der Werkstatt rollten. Weder Wind noch Schnee konnte der Konzern als Ausrede gelten machen lassen. Eine robustere Flotte soll die Probleme in Zukunft lösen. Man werde in diesem Jahr „noch extra Geld in die Hand“ nehmen, versprach Bahnchef Richard Lutz vergangene Woche.

Viele Entscheidungen für die Erneuerung der Flotte sind schon vor einiger Zeit getroffen worden. Dazu zählt etwa ein umfangreiches „Redesign“ der bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnellen ICE-Züge der dritten Generation. Der ICE3 steht der Bahn seit Ende der 90er Jahre zu Diensten. Nun werden die 66 ICE3-Züge modernisiert – 17 davon haben die Grundsanierung bereits hinter sich.

Unklar ist, ob der seit Mitte der 90er Jahre fahrende ICE2 modernisiert werden soll. Hier will der Vorstand bald eine Entscheidung treffen, ob ein „Weiterbetrieb als Chance ab 2025“ einzuordnen ist, heißt es in der Aufsichtsratsunterlage. Der Zug fährt seine Vorteile etwa auf den Strecken von Berlin ins Rheinland und von München in den Norden aus. Der ICE2 wird in Hamm beziehungsweise in Hannover geteilt, um die Fahrt mit jeweils zwei Zielen (Köln und Düsseldorf beziehungsweise Hamburg und Bremen) fortzusetzen.

Die größte Hoffnung, die Probleme mit der Pünktlichkeit zu lösen, setzt das Unternehmen aber in ganz neue Züge. Vor allem der neue Prestigezug ICE4 von Siemens soll die Zahl der Sitzplätze deutlich erhöhen und auf wichtigen Strecken zum Einsatz kommen. 137 Züge hat die Deutsche Bahn für zig Milliarden bei Siemens bestellt – mal mit 7, 12 oder 13 Wagen. Die ersten ICE4-Züge sind bereits von Hamburg nach München unterwegs. Jeden Monat liefert das Werk in Krefeld etwa einen weiteren Zug aus. Bis Ende des Jahres werden insgesamt 19 ICE4 in der Flotte sein.

Auch der neue Doppelstock-Intercity von Bombardier, genannt IC2, soll die Lage auf der Schiene deutlich verbessern. 27 Intercity-2-Züge sind bereits im Einsatz, fahren beispielsweise von Köln nach Hamburg oder von Hannover nach Bremen. Weitere 42 sind bestellt. Die ersten IC2-Züge dieser Tranche werden ab Ende des Jahres in Dienst gestellt. Alleine dadurch soll die Kapazität der Deutschen Bahn im Fernverkehr um einige Prozent steigen.

Die Deutsche Bahn erhofft sich damit einen deutlich stabileren Betrieb. Bis 2024 kommen insgesamt 200 neue Züge dazu. Die Kapazität, gemessen in Sitzplatzkilometern, steigt in den kommenden fünf Jahren um bis zu 20 Prozent. Rechnerisch will die Bahn dann im Jahr 2024 gigantische 90 Milliarden Sitzplatz-Kilometer anbieten. Einige Metropolen werden dann halbstündlich miteinander verbunden.

Ein Problem für die Bahn bleibt aber: Neue Züge erhöhen nicht automatisch die Zug-Reserve. Denn die werden oft auf neuen Strecken eingesetzt. Die Flotte bleibt also weiterhin angespannt. Außerdem steigt mit dem Alter der bestehende Flotte offenbar auch die Anfälligkeit für technische Defekte. Im vergangenen Jahr sind so viele ICE- und Intercity ganz oder teilweise ausgefallen wie noch nie, belegen Zahlen aus streng vertraulichen Bahn-Unterlagen.

Klar ist auch: Das Leben des Intercity1, dem ältesten Zugmodell der Deutschen Bahn im Fernverkehr, ist bald vorbei. Einige IC1-Züge sind schon länger als vier Jahrzehnte im Einsatz. Der IC1 stellt nach wie vor bis zu ein Viertel der Sitzplatzkapazitäten. Bis 2024 soll der Zug komplett ausgemustert werden. Auf den Strecken könnte dann der modernisierte ICE1 zum Einsatz kommen. „Künftige Einsatzgebiete der ICE1 sind ja auch IC-Linien, um hier das teilweise sehr alte Wagenmaterial abzulösen“, heißt es in einer Antwort der Deutschen Bahn in einem User-Forum.

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