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ImagekampagneWie die Bahn bei ihren Kunden um Begnadigung wirbt

In einer neuen Imagekampagne legt die Deutsche Bahn ein Schuldbekenntnis ab – und bittet um Verständnis für das Chaos auf den Schienen. Ob das die Fahrgäste milde stimmt?Jan Lutz 05.09.2023 - 16:37 Uhr

Screenshot des neuen Bahn Imagefilms.

Foto: Screenshot

Der Werbespot zeigt eine junge Frau, weißer Bauhelm, orangefarbene Warnschutzjacke. Sie steht in einem gigantischen Tunnel – hier entsteht Großes, so viel ist klar. Das rote Logo auf Haube und Jacke enttarnt die weibliche Person als Mitarbeiterin der Deutschen Bahn. Und diese hat uns, wo sie gerade so auf der Baustelle steht, Erfreuliches mitzuteilen. „Ihr alle nutzt die Bahn so stark wie noch nie“, sagt sie, um dann ihre Freude zu relativieren. Das Schienennetz sei für die Vielzahl an Kunden nicht ausgelegt, „wir kommen an unsere Grenze“.

Doch Alessa Becker, so heißt die Mitarbeiterin mit vollem Namen, ist nicht nur kritisch mit ihrem Arbeitgeber. Nein, sie will auch Zuversicht verbreiten: „Wir modernisieren und bauen wie noch nie“, sagt Becker – und geht dann zur Pointe über: „Es wird gut, aber es wird dauern.“

Der Werbeclip, der bisher nur auf YouTube zu sehen ist, ist Teil der neuen Imagekampagne der Deutschen Bahn (DB), die am Montag gestartet ist, Titel: „Mehr Bahn für alle“. Die Marketingfirma Ogilvy hat sich die Werbung ausgedacht. Alessa Becker ist die Protagonistin in dem Spot, der den Startpunkt einer ganzen Werbereihe markiert, die bis zum 8. Oktober läuft. Einer Sprecherin der Deutschen Bahn zufolge sind im Rahmen der Aktion weitere Themenfilme und Informationen auf der Website geplant. Sie sollen erklären, wie die Generalsanierung der Deutschen Bahn, die im zweiten Halbjahr 2024 beginnt, und bis zum Ende des Jahrzehnts andauern soll, in den kommenden Jahren abläuft.

Bahnfrust im Jahr 2024 vorprogrammiert

Ab dann müssen sich Fahrgäste nämlich auf noch mehr Verspätungen und volle Züge einstellen. Zumindest in bestimmten Regionen. Sechs Monate sind pro Baustelle jeweils angesetzt, die Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt am Main ist zuerst dran – eine der am meisten befahrenen Bahnstrecken Deutschlands. Statt ICEs fahren auf dieser Strecke dann Busse als Schienenersatzverkehr. 2025 beginnt die Generalsanierung auf den Strecken Hamburg-Berlin und Emmerich-Oberhausen. Bis 2030 will die Bahn so Dutzende wichtige Strecken modernisieren, insgesamt 4.000 Kilometer. Im Rahmen der Bauarbeiten soll auch jeder dritte Bahnhof erneuert werden.

Mit der Imagekampagne versucht die Bahn, über die Baumaßnahmen zu informieren – und erhofft sich, „Vertrauensdepots“ bei den Kunden aufzubauen, wie ein Bahnsprecher in Marketingsprech auf Anfrage mitteilt. Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn sagt, die Kampagne sei „eine nette Sache“. Verantwortung für Verspätungen und überfüllte Züge zu übernehmen sei richtig, so Naumann, der dann aber hinzufügt: „Durch Werbung allein ändert sich die Realität nicht“. Die Politik habe die Bahn in den vergangenen Jahrzehnten „kaputtgespart“, die Probleme seien systemisch. Naumann sagt aber auch, dass, sobald die Grundsanierung zum Ende des Jahrzehnts abgeschlossen ist, zumindest in einzelnen Regionen mit spürbaren Verbesserungen zu rechnen sei.

Marode Infrastruktur, schlechte Pünktlichkeitswerte

Gründe, um für Verständnis zu werben, hat die Bahn schon vor Beginn der Grundsanierung mehr als genug. Die Infrastruktur ist auf vielen Strecken marode, fast täglich kommt es an diesen Abschnitten zu Störungen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren laut Bahnstatistik lediglich knapp 68 Prozent der Züge im Fernverkehr, also ICE- und IC-Züge, pünktlich unterwegs.

Und diese Zahl steht nur für die halbe Wahrheit: In die Bahnstatistik werden Zugausfälle, etwa weil die Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft (EVG) streikt, wie es im März und April dieses Jahres der Fall war, gar nicht mit eingerechnet. Hinzu kommt: Als pünktlich gilt ein Zug bereits, sobald er mit nicht mehr als sechs Minuten Verzögerung an einem Bahnhof ankommt. Auch verpasste Anschlusszüge finden bei den 68,6 Prozent keine Berücksichtigung.

Lesen Sie auch: Probleme bei Gütersparte der Deutschen Bahn: Ein krankes System"

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