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Insolvenzen Droht nach der Coronakrise die Wirtschaftskrise?

Die Zahl der Unternehmenspleiten wird nach den Erwartungen des weltgrößten Kreditversicherers Euler Hermes erst im kommenden Jahr wieder anziehen - weltweit und in Deutschland.   Quelle: dpa

Trotz Pandemie sind die weltweiten Insolvenzzahlen im Sinkflug. Ab 2022 könnte sich das ändern, prognostiziert der Kreditversicherer Euler Hermes. Gibt es dann auch in Deutschland wieder mehr Pleiten?

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Von der oft befürchteten Pleitewelle von Unternehmen wegen der Coronakrise ist in der Statistik bislang nichts zu sehen. Im Gegenteil: Mit 7408 Fällen lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zwischen Januar und Juni des laufenden Jahres sogar um 17,7 Prozent unter dem Wert der ersten sechs Monate des vergangenen Jahres, teilte jüngst das Statistische Bundesamt mit. Demnach wurde auch das Niveau des nicht von der Coronakrise beeinflussten ersten Halbjahres 2019 um 22,9 Prozent unterschritten.

Ein Teil der Entwicklung ist die Folge von Ausnahmeregelungen: So wurden Antragspflichten teilweise ausgesetzt, auch milliardenschwere Konjunkturhilfen halten etliche Unternehmen über Wasser – aber wie lange noch?

Der Kreditversicherer Euler Hermes hat in einer neuen Studie das welt- und deutschlandweite Insolvenzrisiko für die nächsten Monate prognostiziert. Für 2021 geht die Tochter des Münchner Versicherungsriesen Allianz demnach für Deutschland erneut von einem Rückgang der Insolvenzen um rund fünf Prozent auf 15.000 aus. Das wäre der niedrigste Stand seit 1993, als es rund 15.600 Unternehmenspleiten gab. Weltweit würden die Firmeninsolvenzen im laufenden Jahr um rund sechs Prozent sinken. 

„Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen haben ihr Ziel erreicht, möglichst viele Insolvenzen zu verhindern“, sagt Maxime Lemerle, Leiter der Branchen- und Insolvenzanalyse bei der Euler Hermes Gruppe. „In Westeuropa haben die Maßnahmen jede zweite Pleite verhindert, in den USA jede Dritte.“ Erst ab 2022 dürfte sich das weltweite Insolvenzgeschehen wieder „sukzessive normalisieren“.

Dann dürften „auch in Deutschland die Pleiten wieder um rund neun Prozent auf etwa 16.300 Fälle zunehmen“, sagt Experte Lemerle. Das werde sich vor allem im zweiten Halbjahr 2022 zeigen. Damit würden die Insolvenzzahlen aber auch 2022 noch unter dem Niveau aus dem Vor-Corona-Jahr 2019 liegen. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnen auch Deutschlands Banken.

Wie aus einer am Montag veröffentlichten Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hervorgeht, erwarten auch die Kreditinstitute, dass sich das wahre Ausmaß der Pandemie-Folgen erst 2022 zeigen wird: 49 Prozent rechnen im ersten Halbjahr und 29 Prozent im zweiten Halbjahr mit zunehmenden Insolvenzen von Unternehmen und Privathaushalten. 74 Prozent der Institute gehen davon aus, dass sich die Kreditqualität verschlechtern wird. EY befragte 100 Kreditmanager von Banken und Sparkassen.

Weltweite Insolvenzen steigen 2022 um 15 Prozent 

International drohen noch größere Probleme. Euler-Hermes-Experte Lemerle rechnet 2022 mit einem Anziehen der weltweiten Firmenpleiten um 15 Prozent.

„Die relativ gute Ausgangslage, eines der größten staatlichen Unterstützungsprogramme und die wieder anziehende Weltwirtschaft haben deutschen Unternehmen eine gute Startposition verschafft, um sich auf die neue Normalität einzustellen“, bilanziert Lemerle.

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Eine Entwarnung für deutsche Unternehmen sei das allerdings nicht. „Zwar waren die Fallzahlen rückläufig – die erwarteten durchschnittlichen Schäden pro Insolvenz für die betroffenen Unternehmen haben sich im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt“, so Lemerle. Im 1. Halbjahr 2020 lagen die erwarteten Schäden pro Insolvenz durchschnittlich noch bei 1,8 Millionen Euro. Im gleichen Zeitraum im laufenden Jahr, lagen diese bei 4,3 Millionen Euro und damit mehr als doppelt so hoch.

Zudem existierten trotz des global rückläufigen Trends einige Hotspot-Regionen, in denen die Zahl der Unternehmensinsolvenzen schon 2021 steigen dürfte. So gibt es in Westeuropa 2021 voraussichtlich in Italien (+47 %) Spanien (+30 %), Großbritannien (+10 %), Luxemburg und der Schweiz (je +4 %) sowie in Belgien (+3 %) mehr Insolvenzen. In Osteuropa verzeichnen insbesondere Polen (+62 %), Ungarn (+20 %), Rumänien (+8 %) und Bulgarien (+5 %) steigende Fallzahlen ebenso wie in Asien Hongkong (+24 %), Indien (+13 %) und Taiwan (+10 %). In Afrika dürfte Marokko (+48 %) einen starken Anstieg sehen, und in Südamerika sind Kolumbien (+12 %) und Brasilien (+6 %) besonders betroffen.

Mehr zum Thema: Seit kurzem gilt die Insolvenzantragspflicht für überschuldete oder zahlungsunfähige Unternehmen wieder ohne Ausnahmen. Trotzdem verharren die Pleitezahlen auf niedrigem Niveau, zeigt eine exklusive Datenauswertung.

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