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Insolvenzen Wer beim Abschwung unter die Räder kommt

Mit der Modekette Gerry Weber, der Fluglinie Germania und dem Stromdiscounter BEV gab es zum Jahresauftakt bereits drei große Insolvenz-Fälle, die für Aufsehen sorgten. Quelle: dpa

Jahrelang boomte die deutsche Wirtschaft, die Insolvenzzahlen erreichten Tiefstände. 2019 dürfte es damit vorbei sein, erwarten Insolvenzexperten. Sie haben die potenziellen Opfer des nächsten Abschwungs identifiziert.

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Erinnern Sie sich noch? Nur zehn Jahre ist es her, da taumelten prominente deutsche Unternehmen gleich reihenweise in die Insolvenz. Der Modellbahnbauer Märklin stellte Anfang Februar 2009 Insolvenzantrag.

Es folgte der Wäschehersteller Schiesser, später der Arcandor-Konzern mit den Flaggschiffen Karstadt und Quelle. Es erwischte die Luxusmodemarke Escada und den Billiganbieter Woolworth. Auch die Traumschiffreederei Deilmann und das Vertriebsimperium von Mehmet Göker brachen 2009 zusammen. Krisenstimmung allerorten, die Insolvenzzahlen schnellten nach oben und bescherten Insolvenzverwaltern und Beratern ein Auftragshoch.

Schaut man dieser Tage auf die Statistiken des vergangenen Jahres, könnte der Unterschied kaum größer sein. Überschaubare 7841 eröffnete Verfahren über Kapital- und Personengesellschaften zählten die Experten des Karlsruher Datenspezialisten STP Portal, rund drei Prozent weniger als 2017. Und trotzdem: Es regt sich wieder was im Insolvenz- und Sanierungsgeschäft. Das zeigt das Insolvenzverwalter-Ranking 2018.

Jens Décieux, Geschäftsführer von STP Portal, sieht erste, wenn auch leichte Hinweise auf eine Trendwende. Einerseits sei der Rückgang bei den eröffneten Verfahren „nur noch minimal“. Andererseits, so Décieux, würden die vorläufigen Verfahren, „die ein kleiner Frühindikator für die kommenden Eröffnungen“ seien, etwas ansteigen.

In der Praxis wird die Trendumkehr bereits deutlich stärker wahrgenommen. „Es gibt wieder Bewegung im Markt“, sagt Lorenzo Matthaei, Gründungspartner der Frankfurter Kanzlei Finkenhof. „Auch größere Player spielen jetzt wieder Sanierungsszenarien durch.“ Der erfahrene Hamburger Verwalter Berthold Brinkmann, Namenspartner von Brinkmann und Partner, verweist auf den zeitlichen Konjunkturverlauf. „Regelmäßig steigen zum Ende eines langen wirtschaftlichen Aufschwungs die Insolvenzzahlen“, sagt er. „Banken schauen sich ihre Krisenkandidaten sehr genau an, Investoren halten sich mit Neuengagements zurück“, so Brinkmann. „Das erleben wir jetzt gerade.“

Sind die goldenen Zeiten für die deutsche Wirtschaft also vorbei? Tatsächlich mangelt es derzeit nicht an Risiken. Spitzen sich globale Handelskonflikte weiter zu oder lässt das Wachstum in China spürbar nach, könnte die Lage schnell kippen. Der Brexit und die angesichts italienischer Verschuldungspläne neu entflammte Sorge um die Eurozone schüren Rezessionsängste. Nicht zuletzt dürfte das Zinsklima in den kommenden Jahren rauer werden und die Zeit extrem billigen Geldes beenden. Weltweit geht der Kreditversicherer Euler Hermes daher für 2019 von einem Anstieg der Insolvenzzahlen aus. „Die fetten Jahre sind vorbei, die weltweite Konjunktur schwächelt“, konstatierte kürzlich Euler-Hermes-Chefvolkswirt Ludovic Subran. „Viele Länder wachsen langsamer, als es notwendig wäre, um die Insolvenzen stabil zu halten.“

Bis derlei Effekte auf die Bilanzen der deutschen Unternehmen durchschlagen, dürfte zwar noch einige Zeit vergehen. Doch die Einschläge kommen näher. Zuletzt mussten zahlreiche börsennotierte Unternehmen ihre Umsatz- und Gewinnerwartungen revidieren. Mit der Fluglinie Germania, der Modekette Gerry Weber und dem Stromdiscounter BEV gab es zum Jahresauftakt bereits drei Fälle, die für Schlagzeilen sorgten. Weitere dürften folgen.

Handel unter Druck

Über die Branchen, denen Ungemach droht, herrscht weitgehend Einigkeit in der Saniererzunft: Vor allem unter Modefilialisten wähnen Experten zahlreiche Pleitiers in spe. „Neben der Fashion-Branche gibt es im gesamten Handel Teilsegmente, die unter erheblichem Druck stehen“, sagte jüngst der Münchner Insolvenzexperte Christian Gerloff, der aktuell bei Gerry Weber im Einsatz ist. „Apotheken und Autohäuser müssen kämpfen. Der Automotive-Bereich schwächelt, und auch viele Krankenhäuser hatten wirtschaftlich schon bessere Zeiten“, so Gerloff.
Letzteres lässt sich bereits an den Zahlen für 2018 ablesen. Im Gesundheitswesen gab es im vergangenen Jahr gegen den Trend rund zehn Prozent mehr Insolvenzen, zeigen die Daten von STP. Ähnlich fiel die Entwicklung im Gastgewerbe aus. „Aber auch im Baugewerbe deutet sich eine Trendumkehr an, da es hier keinen weiteren Rückgang der Insolvenzen wie in den letzten Jahren gab“, sagt Décieux.

Vor allem in jenen Unternehmen steigt der Handlungsdruck, bei denen zu Überkapazitäten und strukturellen Veränderungen noch hausgemachte Probleme kommen. Konnten sie in den vergangenen Jahren noch darauf zählen, allen Problemen zum Trotz von Investoren weiter finanziert zu werden, ändert sich dies gerade. „Vor allem Private-Equity-Investoren werden vorsichtiger und prüfen jetzt sehr genau ob, sie ihre Problembeteiligungen weiter finanzieren“, sagt Lars Westphal, Restrukturierungsexperte der Wirtschaftskanzlei Freshfields.

Keine Frage, von einem Flächenbrand wie 2009, als Unternehmen reihenweise in die Insolvenz taumelten, ist Deutschland noch immer weit entfernt. Doch auf viele Verwalter und Kanzleien dürfte in den kommenden Monaten wieder ein deutlich höheres Pensum zukommen. Wer dabei die beste Ausgangsposition hat, lässt sich aus dem Insolvenzverwalter-Ranking 2018 ablesen. Auf Basis der Daten von STP-Portal wurden die 50 führenden Insolvenzkanzleien identifiziert und die verfahrensstärksten Verwalter des vergangenen Jahres identifiziert. Der detaillierte Marktüberblick zeigt, wie sich juristische Schwergewichte und Newcomer 2018 geschlagen haben – und wer für 2019 noch Reserven hat.

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