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Insolvenzverwalter Aderlass bei Branchengröße hww

Zwei Jahre nach dem Zusammenschluss mit Hermann Rechtsanwälte streicht die Insolvenzkanzlei hermann wienberg wilhelm Stellen. Es geht um Synergien und die Folgen der Pleitenflaute.

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Symbolbild

Rüdiger Wienberg war in seinem Element: „Wir wollen in Deutschland in einem sich schnell ändernden Markt Vorreiter sein", verkündete der Berliner Insolvenzexperte und Namenspartner von hww wienberg wilhelm im Dezember 2014. Kurz zuvor hatte er die Fusion mit der Frankfurter Kanzleigruppe Hermann bekannt gegeben, einen Zusammenschluss, der hww auf einen Schlag zur Großmacht im Geschäft mit Pleiten und Sanierungsfällen beförderte.

Zwei Jahre liegt der Start der Liaison zurück. Doch erst jetzt zeigen sich ihre Konsequenzen: hww baut massiv Stellen ab. In der Branche ist von insgesamt 50 bis 100 Mitarbeitern die Rede, die das Haus teils bereits verlassen hätten, teils in Kürze gehen müssten. Eine Sprecherin der Kanzlei bestätigt zwar "Personalanpassungsmaßnahmen" im zweiten Halbjahr 2016, will sich zum Umfang der Einschnitte aber nicht äußern. Klar ist: In den vergangenen Wochen verließen gleich mehrere hww-Kräfte das Haus. So sorgte etwa der Wechsel des bekannten Compliance-Spezialisten Peter Fissenewert samt Team zu Buse Heberer Fromm für Schlagzeilen.

Zudem sollen hww-Dienstleistungseinheiten in Dresden und Frankfurt gestutzt worden sein, berichten Wettbewerber. Einzelne Insolvenzverwalter und Anwälte verabschiedeten sich zu Konkurrenten wie Brinkmann & Partner. Hww will keine Details zu Personalien nennen und schweigt auch zur aktuellen Zahl der Beschäftigten, vage ist nur die Rede mehreren Hundert Mitarbeitern. Direkt nach der Fusion hatte die Kanzlei ihrer Mitarbeiterzahl offiziell mit „rund 400“ beziffert.

Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr 2016: Plätze 20 bis 11

Als Begründung für die Stellenstreichungen führt eine Sprecherin der Kanzlei die Fusion mit Hermann ins Feld, durch die „Synergieeffekte generiert und Arbeitsprozesse effizienter gestaltet“ wurden. „In Folge dessen bedeutet das aber auch, dass wir an Personalanpassungsmaßnahmen nicht vorbeikommen“, heißt es. Dass die Einspareffekte erst jetzt realisiert würden, liege an den „komplexen Strukturen“ des Zusammenschlusses. „Denken Sie beispielsweise nur an unterschiedliche Mietvertragslaufzeiten an Standorten mit je einem Büro der vormaligen Einheiten.“ 

In der Branche überwiegt indes eine andere Lesart. So ist die Zahl der Insolvenzen seit 2010 regelrecht eingebrochen. In Deutschland dürften in diesem Jahr nach Schätzungen von Creditreform so wenige Unternehmen Insolvenz anmelden wie seit 1999 nicht mehr. Die Wirtschaftsauskunftei rechnet bis zum Jahresende mit rund 21.700 Firmenpleiten, das wären noch einmal 6,4 Prozent weniger als 2015. Die robuste Konjunktur und die niedrigen Zinsen sorgen zudem dafür, dass auch viele Sanierer derzeit wenig zu tun haben.

Die Pleitenflaute trifft die gesamte Zunft und schlägt damit auch auf das Schwergewicht hww durch. Ein früherer hww-Mitarbeiter spricht denn auch von „allgemeiner Panik“ im Haus, die Verwalter und Berater hätten „alle nichts zu tun“.

Ganz so dramatisch ist die Lage indes nicht. Im Ranking der WirtschaftsWoche auf Basis von Daten des Karlsruher Informationsdienstleisters STP Portal lag hww im ersten Halbjahr 2016 mit 136 eröffneten Insolvenzverfahren immerhin auf Platz zwei der meistbestellten Insolvenzkanzleien – vor Pluta und hinter Schultze & Braun.

Insolvenzkanzleien im ersten Halbjahr 2016: Plätze 10 bis 1

Im Vorjahreszeitraum waren es allerdings noch 144 eröffnete Verfahren für hww. Jenseits der Quantität ist ohnehin die Struktur der Verfahren entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg. Doch gerade lukrative Konzerninsolvenzen sind derzeit Mangelware. „Wie die gesamte Insolvenzverwalterbranche spüren wir - ‚hww Insolvenzverwalter’ im Markt auch den seit einigen Jahren anhaltenden Rückgang der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland“, teilt hww dazu mit. „Dies spielt auch eine gewisse Rolle bei den getroffenen Personalanpassungsmaßnahmen.“ Entscheidend seien jedoch  Effizienzsteigerungen im Zuge der Fusion, „die uns veranlasst haben, den Bereich ‚hww Insolvenzverwalter’ personell schlanker aufzustellen“.  

In der Verwalterszene sorgt indes weniger der Schritt selbst als das Ausmaß für Verwunderung – und dämpft nebenher alle Hoffnungen auf einen baldigen Anstieg der Insolvenzzahlen. Denn „wenn einer rechnen kann, dann ist das Wienberg“, sagt ein Verwalter, der an Rhein und Main aktiv ist. Gut möglich, dass hww also auch diesmal die von Wienberg beschriebene Rolle als „Vorreiter“ übernimmt: Auch in anderen Insolvenzkanzleien dürften 2017 Sparrunden auf die Agenda drängen.

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