Insolvenzverwalter Drang zur Größe

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Die Pleitenflaute erhöht den Konsolidierungsdruck auf Insolvenzkanzleien: Viele Einzelkämpfer geben auf, zeigen exklusive Daten.

Rückgang der Insolvenzverfahren Quelle: imago

Der Markt ist in Bewegung: Im Januar schloss sich die Stuttgarter Kanzlei Beck der Ulmer Insolvenzformation Pluta an. Im Februar erlag auch der Düsseldorfer Jurist Michael Bremen dem Werben Plutas. Schon Ende vergangenen Jahres zerbrach die Insolvenzverwalterkanzlei LB Rechtsanwälte. Die Münchner Kanzlei Pöllmann und die Marburger Sozietät Pierson & Kollegen fanden bei Schultze & Braun Unterschlupf. Schon etwas weiter zurück liegt die Großfusion von hww und Hermann Rechtsanwälte.

Übernahmen, Zusammenschlüsse, Geschäftsaufgaben: Seit ein paar Jahren scheinen neue Bündnisse und Kooperationen zum Tagesgeschäft in deutschen Insolvenzkanzleien zu gehören. Kein Wunder: Die Reform des Insolvenzrechts und die seit Jahren sinkenden Verfahrenszahlen sorgen dafür, dass sich die Branche neu sortiert. „Es gibt seit einigen Jahren einen Konzentrationsprozess im Markt, der bedingt durch Nachfolgethemen und die aktuell niedrigen Verfahrenszahlen sicherlich auch noch anhalten wird“, konstatiert denn auch Christoph Niering, Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter in Deutschland (VID).

Doch wie stark ist der Drang zur Größe wirklich? Und wen treffen die Marktveränderungen mit voller Wucht?

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Für die WirtschaftsWoche haben die Spezialisten des Karlsruher Informationsdienstleisters STP Portal die Verteilung von Unternehmensinsolvenzen auf verschiedene Größencluster von Kanzleien im Zeitverlauf analysiert. Das Resultat: „Unternehmensinsolvenzen sind in den vergangenen Jahren immer stärker zur Domäne größerer Kanzleien geworden", sagt Jens Décieux, Geschäftsführer von STP Portal. "Sie konnten ihren Marktanteil deutlich ausbauen, während Einzelkämpfer eher auf dem Rückzug waren."

Demnach haben all jene Kanzleien mit aktuell nur einem Insolvenzverwalter im Jahr 2007 insgesamt rund 1443 Unternehmensinsolvenzen bearbeitet. „Zehn Jahre später lag die Zahl nur noch bei 968“, sagt Décieux. Damit haben die Solisten der Verwalterzunft deutlich stärker an Verfahrenszahlen eingebüßt als der Gesamtmarkt. Auch Kanzleien mit zwei bis drei Verwaltern verloren demnach überproportional. Kanzleien mit sieben oder mehr Verwaltern legten dafür tendenziell zu. „Da es sich um eine Ex-post-Sicht auf die Kanzleien handelt, die es heute in der aktuellen Struktur gibt, dürften die tatsächlichen Marktveränderungen sogar noch deutlicher ausgefallen sein“, so Décieux.

Quelle: STP Portal

Seit 2010 scheint die Entwicklung sogar an Tempo zu gewinnen. Die Finanz- und Bankenkrise hatte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zuvor ansteigen lassen. Seither geht es indes abwärts, sinken die Insolvenzzahlen Jahr für Jahr auf breiter Front. Das bekommen den Daten zufolge zwar Kanzleien aller Größenordnungen zu spüren – doch kleinere Formationen leiden am stärksten.

„Der allgemeine Rückgang von Unternehmensinsolvenzen scheint die Entwicklung zu beschleunigen: Es gibt einen Professionalisierungsschub, der sicherlich zur Marktkonzentration beiträgt“, sagt Décieux dazu. Seinen Daten zufolge profitieren nicht unbedingt die Big Shots der Zunft mit mehr als 20 Verwaltern in ihren Reihen. Vielmehr konnten auch Kanzleien mit sieben bis zehn Verwaltern bei der Neuaufteilung des Marktes punkten. Ihre Verfahrenszahlen sind trotz des generellen Rückgangs seit 2010 in Summe stabil geblieben.

Quelle: STP Portal
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