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Interview Klaus-Peter Naumann „Wir können die Welt nicht einfrieren“

Der Chef des Instituts der Wirtschaftsprüfer warnt vor den Risiken anhaltend niedriger Zinsen und Qualitätsverlusten durch die Rotation.

Diese Firmen schauen Deutschland in die Bilanz
Screenshot www.rbs-partner.de Quelle: Screenshot
screenshot Warth & Klein Grant Thornton Gruppe, Düsseldorf Quelle: Screenshot
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pressebild Quelle: Pressebild
Platz 6: Rödl & PartnerIn Deutschland machten die Nürnberger im Geschäftsjahr 2012 einen Umsatz von knapp 154 Millionen Euro. Ein Drittel davon erwirtschaftete die Gesellschaft mit Wirtschaftsprüfungen.* Weltweit setzten Rödl & Partner 281,3 Millionen Euro um - und damit rund 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. 3.500 Menschen sind bei Rödl & Partner beschäftigt. * Rest der Umsätze: Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung Quelle: Presse
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WirtschaftsWoche: Herr Naumann, die Finanzkrise hat den Ruf Ihrer Zunft kräftig angekratzt. Wofür brauchen wir Wirtschaftsprüfer, wenn sie solche Krisen nicht verhindern und nicht mal davor warnen können?
Naumann: Das ist mir zu pauschal. Bei Schieflagen einzelner Unternehmen helfen wir ständig dabei, Krisen zu verhindern oder davor zu warnen – etwa dann, wenn der Abschlussprüfer mit dem Aufsichtsrat Risiken aus dem Geschäftsmodell erörtert oder gar über Risiken berichtet, die den Fortbestand des Unternehmens gefährden. Aber die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns als Berufsstand dazu veranlasst, auch gesamtwirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Was machen Sie konkret?
Im IDW planen wir, regelmäßig gesamtwirtschaftlich relevante Risikoanalysen zu bestimmten Branchenentwicklungen zu veröffentlichen. Mit solchen Trend-Reports hätten wir ein Instrument, um auf Risiken, wie das Entstehen von Blasen in bestimmten Märkten oder die ökonomischen Folgen politischer Entscheidungen hinzuweisen. Wirtschaftsprüfer haben einen Blick für Risikoszenarien, vor denen sie – wenn sie nicht nur einzelne Unternehmensschicksale betreffen – über solche Gesamtschau-Analysen gezielter und offensiver warnen könnten. Unserer gesellschaftlichen Funktion als Frühwarnsystem für Krisen können wir so noch besser Rechnung tragen.

Welche Gefahrenszenarien sehen Sie denn im Moment auf uns zukommen?
Es könnte zum Beispiel sinnvoll sein, in einem solchen Trend-Report der Frage nachzugehen, wie sich das anhaltend niedrige Zinsniveau auf die Versicherungsbranche auswirkt. Schließlich sichern Millionen von deutschen Bürgern traditionell ihre Altersvorsorge über Lebensversicherungen ab. Eine fundierte Analyse wäre auch die Frage wert, mit welchen Risiken es unser Land zu tun bekommt, wenn das niedrige Zinsniveau weiter anhalten sollte und dadurch die Belastungen von Unternehmen durch Pensionszusagen an ihre Mitarbeiter weiter steigen. Die öffentliche Infrastruktur, wie Brücken oder Straßen weisen einen hohen Instandhaltungsrückstand auf. Eine fortentwickelte Rechnungslegung der öffentlichen Hand könnte solche Entwicklungen früher transparent machen.

Der Chefprüfer

Warum hat die Branche der Wirtschaftsprüfer nicht schon längst ihre Stimme bei solchen gesamtwirtschaftlich relevanten Fragen erhoben?
Nach der Finanzkrise haben wir uns schon einmal in eine solche Diskussion eingeschaltet. Damals hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble darauf beharrt, dass beim zweiten Rettungspaket für Griechenland auch die privaten Gläubiger einen Sanierungsbeitrag leisten. Zu diesen privaten Gläubigern zählten vor allem Banken und Versicherungen, die in Folge dieser Entscheidung Finanzanlagen in großem Umfang abwerten mussten. Dies wurde von der Bundesregierung jedoch zunächst verneint. Wir vom IDW haben uns in die öffentliche Diskussion eingeschaltet und darauf hingewiesen, dass die Beteiligung der privaten Gläubiger an der Sanierung Griechenlands nicht ohne Effekt auf die wirtschaftliche Lage der betroffenen Unternehmen und deren Anleger von statten gehen könnte. Uns war es wichtig, Analysten und Anleger über die Folgen der politischen Entscheidung rechtzeitig zu warnen.

Qualität wird durch die Rotation sinken

Können denn die neuen EU-Regeln für Wirtschaftsprüfer eine Krise verhindern?
Die Regeln schreiben vor, dass sich Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsrat des geprüften Unternehmens intensiver über die Prüf-Ergebnisse austauschen müssen. Dennoch gilt: Wirtschaftsprüfer können Finanzkrisen weder verursachen noch verhindern. Aber sie können helfen, bei den Verantwortlichen in den Unternehmen wie auch in der Aufsicht das Risikobewusstsein zu schärfen, wenn sich Rahmenbedingungen ändern.

Das war doch schon immer eine Aufgabe der Wirtschaftsprüfer. Was hat sich im Vergleich zu 2008 geändert?
Die Risikosensibilität. Wir machen uns bei Prüfungen viel stärker bewusst, wo Risiken entstehen können – aus dem Geschäftsmodell und durch veränderte Rahmenbedingungen. Heute nehmen wir solche Risiken stärker unter die Lupe und diskutieren sie intensiver mit dem Aufsichtsrat. Prüfer können nicht sagen, ob Prognosen richtig oder falsch sind. Aber sie können sie auf ihre Plausibilität hin überprüfen.

Was halten Sie davon, dass die EU jetzt eine Rotation der Prüfer vorschreibt?
Jedes Unternehmen muss nach individuellen Risikomaßstäben geprüft werden. Dafür muss der Prüfer das Unternehmen und sein Geschäft genau kennen. Wenn jetzt der Prüfer regelmäßig gewechselt werden muss, geht dieses Know-how zunächst schlagartig verloren. Solange dies vom neuen Prüfer nicht wieder aufgebaut werden kann, geht das sicher auf die Qualität.

Wer ist von der Zwangsrotation betroffen?
Sie gilt für Unternehmen von öffentlichem Interesse, also für alle, die mit Kapitalanteilen wie etwa Aktien, aber auch Anleihen an einem organisierten Markt notiert sind. Hinzu kommen Banken und Versicherungen. In Deutschland sind das insgesamt rund 1500 Unternehmen.

Die müssen aber nicht alle auf einen Schlag und sofort den Prüfer wechseln?
Bei den betroffenen Unternehmen gibt es viel Bewegung: Allein bei den Dax-30-Unternehmen haben 24 seit mehr als 20 Jahren den gleichen Prüfer, müssen also nach spätestens sechs Jahren rotieren. Die Details stehen aber noch nicht fest. Die EU geht davon aus, dass grundsätzlich nach zehn Jahren rotiert werden muss. Diesen Zeitraum können die Mitgliedsstaaten jedoch beispielsweise bei Gemeinschaftsprüfungen von mindestens zwei Prüfern verlängern, wenn sie die Regelung in nationales Recht umsetzen.

PwC, KPMG, Deloitte und EY, die sogenannten Big Four der internationalen Wirtschaftsprüferszene, dürften sich schon die Hände reiben…
Wir können nicht in die Glaskugel blicken. Aber in Ländern wie Italien und der Türkei, wo bereits eine externe Rotationspflicht besteht, hat das zu einem Konzentrationsprozess in der Branche geführt. Selbst bei freiwilligen Wechseln gehen deutlich mehr Unternehmen von einem kleineren Prüfer zu einem größeren als umgekehrt, so eine Studie der Universität Duisburg.

Hoffnung durch Ausbau des Beratungsgeschäfts

Wie wirkt sich das auf Unternehmen aus, die nicht von öffentlichem Interesse sind, etwa auf eine mittelständische GmbH?
Diese Regelungen dürfen nicht eins zu eins übertragen werden. Das wäre ein unangemessener Eingriff in den Mittelstand, nicht nur auf Prüfer-, sondern vor allem auf Unternehmensseite. Die Pflichtrotation ist als Reaktion auf die Finanzmarktkrise entstanden und daher speziell für die Unternehmen im öffentlichen Interesse und vor allem die Finanzbranche gemacht. Darum wäre es falsch, sie unreflektiert auf andere Unternehmen zu übertragen.

Für Wirtschaftsprüfer stellt sich damit die Frage, wie sie wegbrechendes Geschäft ersetzen können.
Für betroffene Prüfungsunternehmen ist vor allem wichtig, wie das erforderliche Know-how der Mitarbeiter abgesichert werden kann. Wenn Sie etwa ein Mandat in Hamburg verlieren, aber eines in München hinzugewinnen, müssen Sie kurzfristig die richtigen Leute an die richtige Stelle bekommen. Soll ein Weltkonzern mit vielen Standorten in mehreren Ländern geprüft werden, kann das schwierig werden.

Vor allem die vier großen WP-Gesellschaften setzen auf einen Ausbau des Beratungsgeschäfts. Hier besteht aber die Gefahr, dass Prüfung und Beratung zum Nachteil der Unternehmen vermischt werden. Hat Brüssel das Risiko im Griff?

Ich denke ja. In Deutschland gab es schon immer die Regel, dass niemand prüfen darf, was er vorher als Berater gestaltet hat. Diese hat das neue EU-Recht präzisiert. Und die von Ihnen gesehene Gefahr besteht ja nicht, wenn der Wirtschaftsprüfer Unternehmen berät, die er nicht prüft.

Das klingt eher nach Hoffnung als nach Gewissheit. In der vernetzten Ökonomie von heute ist das Dreiecksverhältnis Prüfer-Berater-Unternehmen doch völlig intransparent. Wie lassen sich Interessenkonflikte vermeiden?

Es gibt zahlreiche Instanzen, die überwachen, dass der Prüfer keine unzulässigen Beratungsleistungen erbringt. Neu im europäischen Recht ist etwa, dass der Vorstand eines Unternehmens dem Abschlussprüfer die Beratung nur dann übertragen darf, wenn Aufsichtsrat das vorher genehmigt haben. Zudem wird der Abschlussprüfer in mehreren Stufen kontrolliert, ob er seine Aufgabe ordentlich erledigt und alle erforderlichen Unabhängigkeitsvorschriften eingehalten hat.

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Für nahezu alle Unternehmen geht es in den kommenden Jahren vor allem darum, ihre Geschäftsmodelle zu digitalisieren. Was heißt das für die Abschlussprüfer?
Um Risiken und Chancen dieser digitalen Geschäftsmodelle bewerten zu können, eignen sich auch Wirtschaftsprüfer neue Kenntnisse an. Die zunehmende Technologisierung macht zudem auch vor unserer eigenen Branche nicht halt. Auch in der Prüfungsarbeit selbst könnte zukünftig arbeitsteiliger gearbeitet werden, Routinetätigkeiten ließen sich verlagern. Wir diskutieren in unserem Institut etwa darüber, ob sich für Routinearbeiten ein neuer Ausbildungsberuf schaffen ließe. Für die Verlagerung braucht man eine gewisse Größe, das passt nicht für jede Prüfung und für jeden Prüfer. Nur: Die Welt ist nicht starr und wir können sie nicht einfrieren. Anpassungsprozesse sind unumgänglich.

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