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Kampf um die Kultur Streit um Frankreichs Super-Kunsttempel

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Emirat zahlt für den Namen "Louvre"

Frankreichs Pritzkerpreisträger Jean Nouvel, der als Architekt für den Louvre-Ableger in Abu Dhabi verantwortlich zeichnet, tut derlei Kritik als Neid aus dem alten Europa ab, das derzeit kein Geld hat, sich ähnlich kostspielige Kunstprojekt zu leisten. "Meint jemand wirklich, dass Europa anders handelte, als es noch mächtiger war? Es ist doch ganz normal, dass eine Wirtschaftsmacht diese Macht durch den Erwerb von Kunstwerken kenntlich macht."

Die französischen Kulturbeamten werden deshalb weiter im Auftrag Abu Dhabis auf die Suche gehen, weil das Emirat dafür bezahlt: 400 Millionen Euro für die Nutzung des Namens „Louvre“ bis 2037, 164 Millionen Euro für die Aufbauhilfe bis 2016, 195 Millionen für insgesamt 60 mit französischen Sammlungen bestückte Wechselausstellungen binnen 15 Jahren sowie weiteren 190 Millionen Euro für Dauerleihgaben. Über zehn Jahre hinweg müssen der Louvre und neun weitere staatliche Kulturinstitutionen wie das Centre Pompidou, die Nationalbibliothek und das Musée d’Orsay jährlich zwischen 200 und 300 Werke für eine unüblich lange Zeit von zwölf Monaten abtreten.

Uhrenmuseen

39 Louvre-Konservatoren haben sich - erfolglos - gegen diesen Vertrag gewehrt. Nicht nur, weil die Werke enormen Risiken ausgesetzt werden, sondern auch, weil sie den Museumsbesuchern in Frankreich fehlen werden. Aber was zählen solche Bedenken gegenüber der Gabe von beinahe 1 Milliarde Euro sowie den politischen Interessen Frankreichs, das in Abu Dhabi einen Militärstützpunkt errichten und auf Aufträge für die klamme Wirtschaft hofft?

949 Millionen Euro, das ist zigfach das jährliche Aufkaufsbudget sämtlicher französischer Kunstmuseen. Das Centre Pompidou, das zusammen mit dem Louvre immerhin für die wertvollsten Aufkäufe in Frankreich bekannt ist, hatte 2012 gerade einmal 2,58 Millionen Euro zur Verfügung. Wenn nicht weitere 17 Millionen Euro in Form von Geld- und Sachspenden von Mäzenen hinzu gekommen wären, wäre das Museum um viele Kunstwerke ärmer. Das gilt auch für die anderen Pariser Häuser.

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Gerade in Zeiten klammer öffentlicher Kassen wird deutlich, wie sehr staatliche Institutionen gegenüber privaten Kunstsammlern mit ihren weit großzügigeren Budgets inzwischen ins Hintertreffen geraten sind. Ein Ballon Dog von Jeff Koons? Undenkbar. Er wurde 2013 für 58,4 Millionen Dollar verkauft - bei Christie’s übrigens, das zum Imperium von Bernard Arnault gehört.

Auch die Abhängigkeit vom Geschmack der Mäzene ist nicht außer Acht zu lassen. „Die Medici oder der Vatikan haben die Künstler viel eher dirigiert, als dass sie sie unterstützten“, ist der Direktor der Cartier-Stiftung, Alain Dominique Perrin, überzeugt. „Nichts gegen die wunderbaren Bilder und Skulpturen aus dieser Zeit. Aber ich denke, ohne die so genannten Gönner wäre die Kunst selbst damals sehr viel diversifizierter, vielgestaltiger ausgefallen.“ Wie groß ist heute der Unterschied zwischen solchem Dirigismus und dem, was man Zeitgeist nennt? "Ich wäre froh, wenn heute die Medicis als Mäzene agierten", sagt Rykner. "Die hatten wenigstens Ahnung von Kunst. Von unseren Politikern kann man das nicht behaupten."

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