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Karliczek-Bruder Olaf Kerssen „Wir haben viel Verständnis für meine Schwester“

Olaf Kerssen Quelle: Volker ter Haseborg

Hotelier Olaf Kerssen ist der Bruder von Bundesministerin Anja Karliczek. Ein halbes Jahr nach dem ersten Lockdown berichtet er von Verlusten, neuen Geschäftsfeldern – und Forderungen an die Politik.

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Die Wut der Gastronomen auf die Politik – wohl kaum jemand kann beide Seiten besser verstehen als Olaf Kerssen. Er ist Chef des Ringhotels Teutoburger Wald im westfälischen Brochterbeck – und Bruder von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). Im April, mitten im Lockdown, hatte er die WirtschaftsWoche empfangen und kräftig Dampf gegen die Politik abgelassen: „Sie retten die Banken, sie retten die Versicherungen, sie retten die Autoindustrie. Aber der Tourismus ist ihnen scheißegal“, schimpfte er. Dass ihm und seinen Gastro-Kollegen eine Protestaktion im Münsterland untersagt wurde, bezeichnete er als „DDR 2.0“. Wie geht es Olaf Kerssen heute – ein halbes Jahr später? Ein Gespräch.

WirtschaftsWoche: Herr Kerssen, wie geht es Ihnen?
Olaf Kerssen: Danke, wir dürfen nicht klagen.

Wie sind Sie durch das Corona-Jahr gekommen?
Wir haben uns relativ schnell erholt. Nach neun Wochen Lockdown kamen zwar weniger Geschäftsreisende, dafür mehr Urlauber. Der Oktober ist der erste Monat, der wieder einigermaßen gut gelaufen ist.

Im Jahresschnitt hatten Sie in den vergangenen Jahren eine Belegungsquote von 80 Prozent.
Da kommen wir bei Weitem noch nicht hin. Im Oktober werden wir an die 80 Prozent wieder rankommen. Im September waren wir bei 70, im August bei 65 Prozent. Wir haben uns von Monat zu Monat erholt. Wir haben allerdings mehr Gastronomie machen können als vor Corona. Die Leute wollten raus, auch in der Woche, am Wochenende; es gab mehr Anfragen nach Mittagessen, Kaffeetrinken, Abendessen. Dadurch haben wir Verluste wettmachen können.

Wie hoch ist der Corona-Verlust bislang?
Bis jetzt sind es 250.000 Euro. Es wird Jahre dauern, bis wir die wieder zurückgeholt haben. Aber das wirft uns noch nicht aus der Bahn. Wir haben einen KfW-Kredit in Höhe von 500.000 Euro bekommen. Das Geld ist ein guter Puffer, auch für das, was jetzt noch in Sachen Corona passiert. Wir merken nämlich, dass wegen Corona wieder die ersten Stornierungen reinkommen.



Konnten Sie Ihre 42 Mitarbeiter, die Sie im Frühjahr in Kurzarbeit geschickt haben, halten?
Wir haben sogar fünf neue Mitarbeiter für die Gastronomie eingestellt. Und seit Juli sind wir raus aus der Kurzarbeit. Ich hoffe, dass wir nicht wieder reingehen müssen.

Ob es einen weiteren Lockdown gibt, dafür wird auch das Bundeskabinett entscheiden, in dem Ihre Schwester Anja Karliczek sitzt.
Wir haben viel Verständnis für meine Schwester und die Regierung, die erstmal die Zügel anziehen mussten. Aber jetzt geht es darum, der Branche zu helfen. Das Alkoholverbot ab 23 Uhr ist für uns zwar noch verkraftbar: Aber was passiert denn, wenn ich meine Gäste um 22 Uhr auffordere, das Lokal zu verlassen? Die feiern dann zuhause weiter. Das Risiko, sich in unseren belüfteten Räumen Corona zu holen, ist viel niedriger als zu Hause.

Ihre Schwester hat bis vor einigen Jahren zusammen mit Ihnen im familieneigenen Hotel gearbeitet. Kann sie ihre Fachkompetenz denn in Berlin einbringen?
Ich weiß es nicht. Ich glaube aber, dass unsere Branche genug Sprachrohre durch die Verbände in Berlin hat.


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Was wünschen Sie sich von der Politik?
Die Mehrwertsteuersenkung auf Speisen hat uns geholfen, sie muss über den 30. Juni 2021 bestehen bleiben. Nur so können wir aus den ersparten Aufwendungen den Schaden zurückzahlen. Für die Veranstaltungsbranche sollte der Staat mehr Hilfen geben. Zahlen des Robert-Koch-Instituts haben gezeigt, dass das Risiko, sich in einem Hotel oder einem Restaurant mit Corona anzustecken, überschaubar ist. Es wird keine Weihnachtsfeiern geben – was aber mehr kommen wird, dass sich vier oder sechs oder acht Leute anmelden und zusammen essen gehen wollen. Wenn die Gastronomie das mit einem vernünftigen Konzept machen könnte, wäre das gut.

Mehr zum Thema: Leere Büros, geschlossene Hotels: Der Markt für Gewerbeimmobilien steht vor einem Preiseinbruch – und viele Fondsanleger könnten Geld verlieren.

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