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Kinos in der Krise Neuer Luxus soll Zuschauer anlocken

Die Deutschen gehen immer seltener ins Kino, viele Filmtheater mussten bereits schließen. Neue Luxuskinos sollen die Zuschauer zurückholen. Geht der Plan auf?

Die Luxus-Säle der Kinobetreiber
Kino als Wohlfühlort: Die Astor Film Lounges setzten - wie hier in Berlin - auf gehobenes Ambiente.  Quelle: Presse
Die Kinobesucher erwarten bequeme Ledersessel mit viel Beinfreiheit.
Vier Astor Film Lounges gibt es bislang in Deutschland: In Berlin, München, Köln und Frankfurt am Main. Quelle: Presse
Doch die heimelige Atmosphäre der Luxus-Kino (hier Köln) kostet: Die Preise für ein Kino-Ticket liegen deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt.
Auch die Multiplex-Kette Cinemaxx setzt sich seit einiger Zeit auf Luxus: In Mülheim und Essen gibt es "First Class"-Säle mit edlerer Ausstattung. Quelle: Presse
Wie in den Astor Film Lounges kommt die Bedienung im Cinemaxx-Luxus-Kino auf Wunsch zum Platz. Vorstellungen kosten stets 14,90 Euro für 2D- und 19,90 Euro für 3D-Filme. Quelle: Presse
Die UCI Kinowelten setzten bei ihrer Premium-Variante iSens weniger auf Service: Bedienung am Platz gibt es nicht. Quelle: Presse

Das Licht im Saal des Kölner Residenz-Kinos ist bereits gedimmt, in wenigen Minuten beginnt der Film. Die meisten Besucher sitzen in breiten Ledersesseln, die Rückenlehnen zurückgeklappt. Mit ausgestreckten Füßen auf den Hockern lauschen sie leiser Lounge-Musik. “Ihr Mai-Tai”, sagt eine Kellnerin plötzlich, lächelt und stellt den Cocktail auf die Armlehne des Sessels. “Noch einen Wunsch?”,  will sie wissen - um dann die Abfuhr des Abends zu erteilen: “Popcorn gibt es bei uns nicht.”

Das Konzept des Residenz ist Anti-Popcorn. Der Prototyp des Kino-Snacks passt nicht zu dem, was sich Andreas Lühnstroth für sein Filmtheater vorstellt. Zu klebrig, zu stinkig, zu gewöhnlich ist ihm der Puffmais. “Viele unserer Gäste wollen etwas anderes”, sagt er.

Das Residenz ist eine von vier Astor Film Lounges in Deutschland, die zu Premium Entertainment gehören. Das Unternehmen hat sich auf Luxus-Kinos spezialisiert. Die bieten den Gästen zusätzlichen Service - vom Begrüßungs-Sekt an der Bar über besonders komfortable Kinosessel bis zur Bedienung am Platz. Und dieser Service hat seinen Preis.

Konkurrenz durch Heimkinos

Mit dem Luxus-Konzept wollen Astor Film Lounges in einer Branche bestehen, die es derzeit schwer hat. Denn die Deutschen meiden die Lichtspielhäuser.

2003 kauften nach Angaben der deutschen Filmförderungsanstalt (FFA) noch 149 Millionen Besucher eine Eintrittskarte. Im vergangenen Jahr waren es fast 20 Millionen weniger.

Für die Unlust am Kino sind weder gutes Wetter noch schlechte Filme allein verantwortlich. Denn vor allem ist durch immer bessere Heimkinos eine gefährliche Konkurrenz entstanden.

Nur wenige Monate, nachdem der Film im Kino lief, ist er schon auf DVD oder Blue-Ray zu kaufen. Die Scheiben selbst werden nur wenig später selbst zu Schleuderpreisen angeboten. Und dank einer zunehmenden Zahl an Streaming-Angeboten müssen Cineasten nicht das Haus verlassen, um an einen aktuellen Film zu kommen.

Die neuen Flachbildschirme verschärfen die Situation. “Das Geschäftsmodell der Kinobetreiber wird durch alternative Filmmedien bedroht”, heißt es im aktuellen Geschäftsbericht von Multiplex-Riese Cinemaxx.

Kinos in der Krise

Kein Wunder, dass Kinobetreiber ständig die besondere Atmosphäre beschwören. “Man kann das TV-Erlebnis auf dem heimischen Sofa nicht mit dem Event ‚Kino‘ vergleichen”, sagt etwa Cinemaxx-Geschäftsführer Christian Gisy. Es sei etwas ganz anderes, einen Film gemeinschaftlich auf der großen Leinwand zu erleben als im kleinen Kreis im Wohnzimmer.

Doch Schönreden hilft wenig. Denn das große Kinosterben hat bereits begonnen. Zwischen 2003 und 2013 ging die Zahl der Lichtspielhäuser um rund 200 zurück. Knapp 1700 Spielstätten gibt es derzeit noch. Tendenz sinkend.

Das Kinosterben geht weiter

Die größten Kinobetreiber Deutschlands
CinestarNach Schätzung des Branchenexperten Thomas Pintzke von der Beratungsfirma rmc medien consult kommt die Cinestar-Gruppe auf einen Marktanteil von 18 bis 20 Prozent in Deutschland. Die Gruppe betreibt in Deutschland 74 Kinos an 61 Standorten und zeigt Filme auf mehr als 500 Leinwänden. Quelle: dpa
Cineplex-GruppeDie Cineplex-Gruppe ist ein Sonderfall: In ihr haben sich viele unabhängige  Kinobetreiber mit insgesamt 86 Kinos zusammengeschlossen, die mit einem  gemeinsamen Label auftreten und bei Einkauf und Beschaffung kooperieren. Gemeinsam kommen die Kinos auf rund 470 Leinwände. Quelle: Screenshot
CinemaxxDer einzige börsennotierte Kinobetreiber aus Deutschland und jüngst Übernahmeziel der britischen Vue-Gruppe. Mit einem geschätzten Marktanteil von 10 bis 12 Prozent erreicht Cinemaxx den dritten Platz der deutschen Kinoketten. Im vergangenen Jahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 200 Millionen Euro und erwirtschaftete nach Steuern 19 Millionen Euro Gewinn. Quelle: dpa
UCI KinoweltUCI Kinowelt ist der deutsche Ableger des nach eigenen Angaben größten Kinobetreibers in Europa. 23 Kinos mit mehr als 200 Leinwänden bilden hierzulande die Kinowelt. Quelle: Presse
KinopolisMit einer Unternehmensgeschichte von mehr als 100 Jahren gehört Kinopolis zu den Urgesteinen auf dem deutschen Kinomarkt. Mit einem geschätzten Marktanteil von acht bis zehn Prozent reiht sich der Kinobetreiber auf Platz fünf hinter seinen Konkurrenten ein. Das Familienunternehmen aus Darmstadt betreibt Kinos an 16 Standorten und mit rund 27.500 Sitzplätzen in Deutschland. Quelle: dpa

Bislang waren es vor allem kleine Kinos, bei denen der letzte Vorhang fiel. Insbesondere in kleineren Städten mussten Kinobetreiber schließen. Sie konnten mit den Großen der Branche nicht mehr mithalten, hatten kein Geld, um in moderne Technik zu investieren und verloren deshalb noch schneller Zuschauer.

Doch auch an den Multiplex-Kinos geht die Entwicklung nicht vorbei: In den vergangenen zehn Jahren haben sie zehn Millionen Besucher eingebüßt.

Manche Betreiber reagieren auf die sinkenden Zuschauerzahlen mit technischer Aufrüstung. Sie investieren Millionen in Digitaltechnik, moderne Sound-Systeme und 3D-Ausstattung. Die bessere Technik, so die Hoffnung, wird die Filmfans schon vom Sofa in den Kinosessel treiben. Die hohen Kosten holen sich die Lichtspielhäuser von den Kunden zurück - vor allem durch höhere Ticket-Preise.

Kurios: Der nachlassende Hype um 3D-Filme hat den Kinos zwar nicht mehr Besucher, wohl aber deutlich höhere Umsätze beschert. In den vergangenen Jahren knackte die Branche die Milliardenmarke.

“Im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten sehen wir unsere Preise als absolut gerechtfertigt an, wenn man die Qualität und die Länge der gebotenen Unterhaltung betrachtet”, sagt Cinemaxx-Boss Gisy, dessen Ticketpreise den Durchschnitt von zurzeit 7,89 Euro zumeist deutlich übersteigen.

Der Kino-Besuch wird zum Event stilisiert, das seinen Preis hat. Wenn schon weniger Besucher kommen, sollen die wenigstens ordentlich für das Gebotene zahlen. Diesen Gedanken treiben die Luxus-Kinos der Marke Astor Film Lounge weiter. Zwischen elf und 16 Euro kostet dort eine Karte am Abend.

Ältere Zielegruppe

Das Konzept geht offenbar auf. Nach einer Anlaufphase ist sein zwei Jahre altes Kino in Köln mittlerweile profitabel, sagt Residenz-Theaterleiter Lünstroth. Auch in den anderen Astor Film Lounges läuft das Geschäft so gut, dass das Unternehmen expandieren will. Zurzeit werden geeignete Standorte für neue Filmtheater gesucht - unter anderem Dortmund ist im Gespräch.

Die Luxus-Kinos bekommen nicht nur Zulauf von den klassischen Kinogängern. Komfort, Service und Exklusivität locken vor allem ältere Zuschauer. “Viele Besucher kommen nach Jahren der Kino-Abstinenz wieder zurück”, sagt Lünstroth.

An diese Zielgruppe richtet sich auch die Filmauswahl: Kein Arthouse, aber gehobener Mainstream. Die großen Blockbuster laufen auch in der Filmlounge. Wer aber klaumike Teenie-Komödien und brutale Horrorstreifen will, wird enttäuscht.


Luxus-Kino auch im Multiplex

Die 30 deutschen Top-Luxus-Marken
Rang 30: Escada (15)* Escada erwirtschaftet nach Jahren der Krise wieder einen positiven Cashflow. 2009 hatte Megha Mittal, die Schwiegertochter des indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal, das Münchner Modehaus aus der Insolvenz herausgekauft. Heute setzen Escadas Designer unter anderem auf kräftige Farben, große Blumenaufdrucke und Metalltöne. Kritiker loben die Stücke als prächtig und stylisch. Das Modehaus konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Märkte USA, Deutschland, Spanien, Russland, Japan und China. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 116 (144)* Trend seit 2011: ⇘ ** * in Klammern: 2011 ** Trendanzeige ab 5 Punkten Der Luxusmarkenindex basiert auf einer Befragung von 163 Branchenexperten zu den drei Kriterien relativer Preisabstand des Luxusmarkenanbieters zu einem Mainstream-Markenanbieter, absolute Preishöhe und Anziehungskraft einer MarkeQuelle: Biesalski & Company und Brand Networks Quelle: dpa
Rang 29: Hotel Adlon (25) 1907 eröffnete das Hotel Adlon am Berliner Boulevard Unter den Linden und beherbergte im Laufe der Jahre viele berühmte Gäste, darunter Thomas Alva Edison, Henry Ford, John D. Rockefeller, Walther Rathenau, Gustav Stresemann und Aristide Briand. Durch die schlechte Finanzlage seines Investors, der Fundus-Gruppe, geriet das Hotel zuletzt oft in die Schlagzeilen. Laut einer Schätzung der Ratingagentur Moody’s sollte das Hotel am Brandenburger Tor im Vorjahr nur noch 182 Millionen Euro wert sein.  Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 117 (121) Trend seit 2011: NEU Quelle: dpa/dpaweb
Rang 28: Nymphenburg (-)Die Porzellan Manufaktur Nymphenburg kooperiert schon seit Jahren mit namhaften Künstlern wie dem Niederländer Joep van Lieshout, dem Franzosen Saâdane Afif oder dem deutschen Schmuckdesigner Patrik Muff. Er lässt Schriftsteller Texte zu seinen Porzellanvasen schreiben und gibt der traditionsreichen bayerischen Marke so ein hippes Image. Zählt doch die klassische Sammeltasse nicht zu den angesagtesten Objekten bei der Generation Facebook. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 118 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 27: Tobias Grau (-) Betriebswirt und Designer Tobias Grau ist bekannt für seine Leuchten in Tropfenform. 1984 entwickelte er seine erste Leuchtenkollektion, 1992 baute er sie zusammen mit seiner Frau Franziska zu einer Leuchtenmarke aus. 150 Mitarbeiter beschäftigt Grau heute. Rund 95 Prozent der Fertigung erfolgt heute in Deutschland, die Endmontage in der Nähe von Hamburg. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 119 (-) Trend seit 2011: NEU Quelle: Screenshot
Rang 26: Schloss Elmau (-) Dietmar Müller-Elmau, Chef des Hotels Schloss Elmau in Oberbayern, wurde 1954 auf dem Schloss geboren und führt heute das Fünf-Sterne-Hotel. Neben seiner Lage ist es bekannt für seine renommierten klassischen Konzerte. Über 17 Millionen Euro Umsatz machte das Nobelhotel 2010. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 120 (-) Trend seit 2011: NEU
Rang 25: Wempe (30) Als der gelernte Uhrmacher Gerhard Diedrich Wilhelm Wempe am 5. Mai 1878 mit 21 Jahren und einem Startkapital von 80 Mark den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, ahnt er noch nicht, dass er den Grundstein für ein internationales Uhren- und Juwelen-Imperium schafft. Heute zählt Wempe über 700 Mitarbeiter, unterhält 30 Niederlassungen und ist einer der größten und umsatzstärksten Händler von Luxusuhren und Schmuck in Europa. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 125 (118) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Presse
Rang 24: Marktex (33) Die Möbelmanufaktur aus Kronberg im Taunus ist das Reich von Ettore Palmiota. Er ist Inhaber und kreativer Kopf von Marktex. Typisch für die Schränke und Sideboards sind grafische Elemente wie gerade Linien, Quadrate und Andreaskreuz. Palmiota bevorzugt Pinienholz, gerne im Kontrast zu Nussbaum, aber auch Kirschholz und Eiche. Bei den Polsterstoffen dominieren Naturmaterialien wie Wolle und Leinen.  Martex-Möbelhäuser gibt es in Berlin, Hamburg, Köln, Kronberg, Mannheim und München. Deutscher Luxusmarkenindex (max. 300): 126 (114) Trend seit 2011: ⇗ Quelle: Screenshot

Was die Luxus-Kinogänger eint, ist die Geldbörse. Sie können es sich leisten, für den gebotenen Service und Komfort zu bezahlen. Im "Residenz" kostet eine Platte “Variation von Käse” 11,50 Euro, die Schale mit Gemüsesticks gibt es für sieben Euro, die 0,75-Liter-Flasche Dom Pérignon für 280 Euro.

Luxus-Kino auch im Multiplex

Dass mit dem Luxus-Konzept neue und vor allem zahlungskräftige Gäste gelockt werden können, haben auch andere erkannt. Cinemaxx hat seine Häuser in Essen und Mülheim bereits vor einigen Jahren mit zwei Luxuskinosälen ausgestattet. Das Angebot "First-Class" bietet ebenfalls bequeme Sitze und Glastische mit dimmbaren Lampen. Getränke und Fingerfood werden an den Platz gebracht. Auch Cinemaxx verspricht dadurch mehr Kinogenuss zu sorgen und hofft auf Gäste, die bis zu 15 und 20 Euro für eine Karte bezahlen.

Bislang funktioniert das Luxus-Experiment, inzwischen hat es die Kette auf fünf Standorte ausgeweitet. Auch UCI bietet unter dem Namen iSens eine Luxus-Variante.

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Sorge, dass ihm die großen Häuser das Luxus-Geschäft vermiesen könnten, macht sich Lünstroth nicht. “Unser Konzept ist nicht eins zu eins zu übertragen”, glaubt er. “Wir wollen unseren Gäste Ruhe und Entspannung zu geben. Das funktioniert in den großen Häusern nicht.”

Luxus ist eben kein Patent-Rezept. Mit dem „Event Cinema“ stieg auch Cinestar 2011 in die Premium-Klasse der Filmtheater ein. Das Ziel: durch Komfort eine neue Zielgruppe zu erschließen. Für mehr als eine Million Euro baute die Kette ihr Berliner Imax zum Luxus-Kino um. Doch nur zwei Jahre später war das Experiment zu Ende.

Seit 2013 betreibt Cinestar in dem Gebäude wieder ein Imax-Kino - mit moderner 3D-Technik.

Keine Frage, die Strategie ist riskant. Denn mit der Hochpreis-Politik schließen die Luxus-Kinos große Teile der Filmfans aus. Nicht jeder ist nunmal dazu bereit, für einen Kinoabend zu Zweit mit ein paar Knabbereien 50 Euro zu bezahlen - zumal Popcorn doch irgendwie zum echten Kino-Besuch gehört. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch.

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