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Kliniken, Energie- und Wasserversorger Letzter Ausweg: „Kasernierung des Schichtpersonals“

Notaufnahme der Asklepios-Klinik St. Georg in Hamburg: Klinikbetreiber fordern eine Verkürzung der Quarantäne für medizinisches Personal. Quelle: imago images

Die Omikron-Welle kommt – die Frage ist nur, wann und wie heftig. Die Betreiber kritischer Infrastrukturen sorgen vor, um ihr Personal einsatzfähig zu halten und fordern kürzere Quarantäneregeln für ihre Mitarbeiter.

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Krise? Nein, von einer Krise ist in den Häusern der Klinikgruppe Schön noch keine Rede. Das Coronavirus schickt seine Omikron-Variante in die Welt, doch auf den Stationen des privaten Klinikbetreibers herrscht weitestgehend Normalbetrieb. Patienten könnten behandelt werden, auch das Personal blieb bislang verschont. Der Krankenstand sei „der Jahreszeit entsprechend“, heißt es auf Anfrage. „Wir verzeichnen aktuell in unseren Kliniken keinen signifikant höheren Krankenstand als wir üblicherweise um diese Jahreszeit hätten.“

Doch von Gelassenheit ist beim Münchener Klinikbetreiber mit rund 10.000 Mitarbeitern trotzdem keine Spur. Man habe „Einsatzpläne mit einem Backup-Team entwickelt“, um flexibel auf eventuelle Personalausfälle reagieren zu können. Darüber hinaus fordert das Unternehmen, dass „sich vollständig geimpfte Mitarbeitende aus dem Gesundheitswesen nach einer Coronainfektion nach fünf oder sieben Tagen freitesten können“ – sofern sie keine Symptome zeigten. Voraussetzung sei, dass dies durch einen negativen PCR-Test begleitet wird.

Bundesweit beobachten Unternehmen die Coronalage aufmerksam – vor allem die Betreiber kritischer Infrastrukturen. Am Freitag treffen sich der Bundeskanzler, der Bundesgesundheitsminister und die Länderchefs zur nächsten Ministerpräsidenten-Konferenz, kurz: MPK. Die Politik wird Regeln besprechen und am Ende auch erlassen, wie Deutschland sich vor der Omikron-Welle schützen kann, die sich Tag für Tag aufbaut. Sollte sich zu viel Personal infizieren, wäre möglicherweise in einigen Unternehmen der Betrieb gefährdet. Die sensiblen Betriebe fordern daher angepasste Quarantäne-Regeln, weniger Bürokratie – und reagieren im Vorfeld schon mal mit ausgefuchsten Einsatzplänen für den Notfall. (Das Corona-Update: Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten zur Pandemie im Überblick.)

Vor allem im Gesundheitsbereich gehen Unternehmen vorsorglich in die Defensive. Der bayerische Klinikbetreiber Schön habe bereits „Operationen und teilweise auch Patientenaufnahmen reduziert, um die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu haben“, heißt es. „Damit stellen wir sicher, dass die Patientenversorgung und die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen zu jeder Zeit gewährleistet ist.“

Verärgert ist das Management trotzdem. Es sei „bedauerlich, dass die Politik mit den Maßnahmen weiterhin der Pandemie hinterherläuft und letztlich nur Symptome bekämpft.“ Die Verkürzung der Quarantäne sei richtig, „aber wir sehen mit Sorge, dass der anfängliche Elan zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht nachlässt und kritische Stimmen zunehmend Gehör finden“. Schön weiter: „Die allgemeine Impfpflicht ist der einzige Weg aus der Pandemie, der sofort umgesetzt werden muss.“

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    Verkürzte Quarantäne würde Kliniken entlasten

    So weit wollen andere Betreiber kritischer Infrastrukturen nicht gehen, aber auch sie fordern Notregeln. Natürlich müsse „eine Weiterverbreitung des Virus so gut es geht ausgeschlossen“ sein, heißt es bei den Asklepios-Kliniken. „Gleichwohl wäre eine Verkürzung der Quarantänedauer für medizinisches Personal begrüßenswert.“ Die USA und auch Spanien seien diesen Weg bereits gegangen. In Bundesländern wie Sachsen oder auch Thüringen mit sehr hohen Covid-Fallzahlen würde das System dadurch entlastet werden.

    Ähnlich äußert sich der Klinikbetreiber Helios, der zum Dax-Medizinkonzern Fresenius gehört. „Wegen Omikron raten wir unter anderem in unseren Kliniken wieder in allen Bereichen zum Tragen von FFP2-Masken.“ Außerdem sei nach derzeitigen Erkenntnisstand bei Omikron „auch eine kürzere Quarantäne-Zeit vertretbar“. Helios betont, dass in der Gesamtschau „derzeit nicht mehr Intensivbetten als zum Beispiel im Jahr 2019“ benötigt würden. „Ganz konkret liegen über alle unsere deutschen Kliniken hinweg derzeit knapp 1400 Patienten auf Intensiv, ein knappes Fünftel mit oder wegen einer Corona-Infektion.“

    In den Krankenhäusern findet daher inzwischen ein Umdenken bei der Quarantäne statt. Bisher plädierten die Vertreterinnen der rund 1900 Kliniken in Deutschland mit insgesamt 1,3 Millionen Beschäftigten dafür, die Corona-Quarantänezeiten beim medizinischen Personal nicht zu verkürzen. Schließlich arbeiteten die Betroffenen mit Kranken und infektionsgefährdeten Patienten. Die Ansteckungszeit liege bei Omikron nach den aktuellen Erkenntnissen aber bei fünf bis sechs Tagen, so die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). „Danach kann die reine Quarantäne für vollständig geimpfte Kontaktpersonen bei Kontakt mit einem Omikronfall auf sieben Tage mit abschließendem Negativtest verkürzt werden“, sagt nun Gerald Gaß, Vorstandschef der DKG.

    Andere Betreiber kritischer Infrastrukturen wollen sich aber nicht ausschließlich auf eine verkürzte Quarantäne verlassen. Der Versorger E.On, der auch viele Verteilnetze für Strom und Gas in Deutschland betreibt, gibt an, zur Vorbereitung auf „alle denkbaren Krisenszenarien“ zum Schutz von kritischer Infrastruktur „unter anderem die Möglichkeit einer vorübergehenden Unterbringung von Mitarbeitenden direkt am Standort“ in Betracht ziehe. Bislang seien vergleichbare Maßnahmen noch nicht umgesetzt. Das Schutz- und Hygienekonzepte könne man jederzeit an gesetzliche Vorgaben und das „volatile Pandemiegeschehen“ anpassen.

    Zudem hätten anonyme und freiwillige Umfragen zum Impfstatus ergeben, dass an verschiedenen E.On-Standorten die Impfquote der Mitarbeitenden über dem deutschlandweiten Schnitt liege. In einer solchen Umfrage in der E.On-Zentrale am Brüsseler Platz in Essen hätten 95 Prozent der Teilnehmer angegeben, geimpft zu sein.



    Zur Not Personal gleich am Standort unterbringen

    Bei dem Versorger EnBW sieht man sich ebenfalls „gut aufgestellt, auch für die aktuelle Lage der Pandemie.“ Es gebe Notfallpläne, um auf eine Verschärfung der Lage reagieren zu können. Eine Maßnahme sehe etwa vor, infizierte Mitarbeitende, die sich in Quarantäne befinden, aber keine Symptome zeigen, in gemeinsamen Schichten einzusetzen. In Richtung Politik hat EnBW dort eine klare Forderung: „Sollte das notwendig werden, würden wir uns einen unbürokratischen Prozess wünschen, bei dem wir nicht mit mehreren Behörden diskutieren müssen, um diese Maßnahme rechtssicher umzusetzen“, heißt es von EnBW. Mit Blick auf das Bund-Länder-Treffen heißt es: „Und man könnte die aktuellen Quarantänebestimmungen zumindest in Teilen für Unternehmen der kritischen Infrastruktur den aktuellen Gegebenheiten der Omikron-Variante anpassen, um Engpässe zu vermeiden. Also die Quarantänezeit verkürzen.“

    Von den Stadtwerken München, einem der größten Stadtwerke Deutschlands, heißt es: „Eine Verkürzung der Quarantänezeit wäre aus unserer Sicht zu begrüßen, wenn gesichert ist, dass keine weitere Ansteckungsgefahr daraus resultiert.“ Bei den Beschäftigten der kritischen Infrastruktur, die direkt für die Energie- und Trinkwasserversorgung arbeiten, seien ohnehin seit Beginn der Pandemie besondere Maßnahmen vorsorglich ergriffen worden. Mitarbeiter der Wassergewinnung wie auch die der Kraftwerke seien in festen Teams auf mehrere Standorte oder in getrennte Schichten verteilt worden, die untereinander keinen direkten Kontakt haben. „Es besteht hier ausschließlich telefonischer Kontakt, auch bei der Schichtübergabe. Somit ist die Versorgung auch dann sichergestellt, wenn ein Team von einer Infektion betroffen wäre.“ Darüber hinaus gebe es Notschichtpläne und Vorkehrungen für eine mögliche „Kasernierung des Schichtpersonals.“

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    Bei der Deutschen Bahn will man so weit nicht gehen. Man sei vorbereitet, „unseren Betrieb anzupassen und auf die jeweilige Situation in enger Abstimmung mit den Experten zu reagieren“, heißt es. „Aktuell läuft der Betrieb ruhig und weitgehend reibungslos. Wir beobachten wie überall in Deutschland zwar derzeit etwas erhöhte Krankenstände. Die Mehrheit unserer Kunden spürt aktuell keine Auswirkungen.“

    Noch nicht. 

    Mehr zum Thema: Die vierte Coronawelle trifft Firmen, die sich auf saisonale Volksbräuche konzentrieren, besonders schwer.

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